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07:52 13 November 2019
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    Bau der Gaspipeline Turkish Stream (Archivbild)

    Entscheidung gefallen: Reicht Turkish Stream von Russland bis ins Herz Europas?

    © Foto: TurkStream
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    Es wird allmählich klar, wie der zweite Strang der Pipeline Turkish Stream gebaut wird: Die jüngsten Nachrichten zeugen davon, dass die Wahl auf die Route Türkei-Bulgarien-Serbien-Ungarn-Slowakei gefallen ist. Aber alles der Reihe nach.

    Ursprünglich hatte der russische Gaskonzern Gazprom mehrere Varianten für den Bau des zweiten Turkish-Stream-Strangs, die im Grunde mit den Varianten des am Ende abgesagten Projekts zum Bau der South-Stream-Leitung übereinstimmten.

    Erstens der bereits erwähnte Weg Bulgarien-Serbien-Ungarn, der wahrscheinlich auch gewählt wird.

    Am Anfang wollten die Russen Bulgarien, das das South-Stream-Projekt zum Scheitern gebracht hatte, ausschließen und erwogen deshalb einen alternativen Weg, wobei die Pipeline nach Serbien nicht aus Bulgarien, sondern aus Griechenland und Mazedonien kommen würde. Doch nach den allgemein bekannten Massenunruhen in Skopje wurde klar, dass die damit verbundenen Risiken enorm groß wären.

    Als zweite Variante wurde eine Route nach Italien via Griechenland in Betracht gezogen. Sie wäre kürzer und auch billiger. Dennoch spricht aktuell alles dafür, dass die erste Route bevorzugt wird.

    Warum? Es gibt einen grundsätzlichen Unterschied zwischen den beiden Varianten.

    Nur im ersten Fall könnte Gas nach Serbien und in andere Länder Südosteuropas unter Umgehung der Ukraine geliefert werden. (Nach Bulgarien könnte der Brennstoff auch durch die Türkei gepumpt werden.) Im Falle des Baus des zweiten Pipelinestrangs nach Italien müssten Serbien und die anderen Länder der Region noch eine längere Zeit lang durch die Ukraine beliefert werden. In der Perspektive könnte nach Serbien eine Leitung aus dem Norden (nämlich aus der Slowakei und Ungarn) gebaut werden, aber das würde wiederum mehr Zeit in Anspruch nehmen. Die Gasmengen wären dort natürlich nicht besonders groß (höchstens 15 Milliarden Kubikmeter), aber eine große Rolle spielt die geopolitische: Für Russland ist es äußerst wichtig, seinen Einfluss in der Region aufrechtzuerhalten.

    All diese Faktoren scheinen die Entscheidung maßgeblich bestimmt zu haben. Zwar besteht Griechenland immer noch auf dem Bau eines Pipelinezweigs durch sein Territorium. Um seinen Bedarf zu decken, wäre das durchaus machbar, aber der Bau einer Transitleitung nach Italien kommt vorerst nicht infrage.

    Dennoch blieb die Situation bis zu den jüngsten Ereignissen noch unklar. Teilweise ist sie sogar immer noch nicht ganz klar.

    Im November 2018 hatte die russische Zeitung "Kommersant" einen Bericht veröffentlicht, in dem behauptet wurde, dass Gazprom den Bau des zweiten Turkish-Stream-Strangs bereits entschieden hätte: durch Bulgarien, Serbien, Ungarn und die Slowakei.

    Das bulgarische Energieministerium erklärte am selben Tag, es hätte vom russischen Konzern keine entsprechende Benachrichtigung erhalten.

    Doch kurze Zeit später drehte sich alles um 180 Grad – Bulgarien kündigte eine Ausschreibung an, wobei die Kapazitäten  für den Pipelinebau reserviert werden mussten. Aber jetzt wollten schon die Russen nicht sofort „Ja“ sagen. Am 19. Dezember wurde bekannt, dass sich Gazprom die von den Bulgaren überhöhten Renditen (sprich den zu hohen Transittarif) nicht gefallen lässt.

    Am 24. Januar wurde die erste Phase der Ausschreibung ohne Vertragsabschlüsse abgeschlossen, und der Konzern Bulgartransgaz startete die zweite Runde der Ausschreibung, wobei die Preisbedingungen attraktiver für die Russen waren.

    Erst in der dritten Runde der Ausschreibung reservierte Gazprom am 31. Januar die nötigen Kapazitäten, und Bulgarien stimmte dem Investitionsplan für dieses Projekt endgültig zu.

    Dennoch erklärte Sofia erst vor einigen Tagen, es würde nur dann keine Entschädigung für die Kürzung der Transitmenge durch das bulgarische Territorium durch die „alte“ Leitung verlangen (gemeint war die Verringerung der Transitmenge in die Türkei wegen der Inbetriebnahme des ersten Turkish-Stream-Strangs – Gazprom hatte gegenüber Bulgarien langfristige Verpflichtungen unter der „Take-or-pay“-Bedingung), wenn der zweite Turkish-Stream-Strang durch Bulgarien gebaut wird.

    Also ist immer noch nicht alles ganz klar?

    Die russische Seite verlangt tatsächlich alle möglichen Garantien dafür, dass die neue Pipeline unter keinen Umständen blockiert werden kann. Man muss aber sagen, dass sich die Spielregeln inzwischen geändert haben. Im Rahmen des Projekts South Stream müsste die russische Seite die Leitung selbst bauen, und jetzt wird sie von den Bulgaren gebaut, allerdings wenn ihnen der Transit garantiert wird. Also sind die Risiken für Russland geringer geworden.

    Dafür aber wird sich Russland offenbar in Serbien am Pipelinebau beteiligen, weil dieses Land kein EU-Mitglied ist und die neuen Regeln der Gasmarktregelung dort nicht gelten. Und die jüngsten Ereignisse in Serbien zeugen davon, dass dieser Weg für den Leitungsbau immer realistischer wird.

    >>>Turkish Stream: Wann und durch welche Länder wird russisches Gas fließen?— Zeitung<<<

    Erstens haben Gazprom und die serbische Führung über den Bau der neuen Pipeline bereits gesprochen. Aber noch wichtiger ist, dass die Firma Gazprom Energoholding, die Tochter des Energieriesen, den Bau eines neuen Gas-Wärmekraftwerkes in Serbien begonnen hat. Und solche Investitionen wären nur dann sinnvoll, wenn die Gaslieferungen garantiert wären. Besonders wenn der Bau von insgesamt vier solchen Kraftwerken infrage kommt.

    Daraus kann man wohl schlussfolgern: Russland will seinen Einfluss auf dem Balkan im energetischen Bereich aufrechterhalten. Und in diesem Kontext sind die jüngsten Unruhen in Serbien erwähnenswert, die teilweise an die Ereignisse in Mazedonien vor zwei Jahren erinnern.

    Was die Ukraine angeht, so entwickelt sich die Situation wie folgt:

    Erstens wird schon Ende dieses Jahres der erste Turkish-Stream-Strang in Betrieb genommen. Angesichts dessen wird der Gastransit durch die Ukraine um etwa 20 Prozent sinken (das ist noch nicht so schlimm). Gleichzeitig aber wird der Transit durch den südlichen Korridor um ein Mehrfaches schrumpfen, denn gerade das Gas für die Türkei (das künftig durch Turkish Stream gepumpt wird) macht den größten Teil der Transitmenge aus (der Rest ist für Bulgarien und Griechenland bestimmt).

    Es sei zu erinnern, dass der Gastransit durch die Ukraine durch zwei voneinander unabhängige Wege erfolgt: durch den westlichen (nach Europa) und den südlichen (in die Türkei und nach Südeuropa). Also wird die Beförderung des unsichtbaren Energieträgers schon Anfang 2020 drastisch zurückgehen.

    Und selbst wenn die zweiten Stränge der Ostsee-Pipeline Nord Stream und der Schwarzmeer-Leitung Turkish Stream (durch Serbien) in Betrieb genommen werden, könnten alle Gazprom-Kunden unter Umgehung der Ukraine versorgt werden. Und dann wird der Gastransit durch dieses Land ausschließlich von der Konjunktur abhängen: vom Transittarif, von der zusätzlichen Gasnachfrage in den EU-Ländern und von einigen anderen Faktoren.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Energiesicherheit, Gaslieferungen, Bau, Gaspipeline, Gastransit, Turkish Stream, Gazprom, Schwarzes Meer, Balkan, Europa, Ungarn, Türkei, Italien, Bulgarien, Serbien, Russland, Ukraine