22:31 22 April 2019
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    Ölterminal in Russland (Archiv)

    Warum Russland nicht mehr als "Rohstoffanhängsel" gilt

    © Sputnik / Michail Mokruschin
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    Irina Alksnis
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    Laut dem Generalsekretär des World Energy Council, Christopher Frey, wird Russland eine Energie-Supermacht bleiben, ungeachtet der Richtung, in welche sich die globale Energiewirtschaft entwickelt.

    Dabei betonte er, dass Russland nicht nur reichlich natürliche Ressourcen und erneuerbare Energiequellen habe. Es könne der Welt auch neue Technologien für die Entwicklung der Energiewirtschaft anbieten, trotz der scharfen Konkurrenz in diesem Bereich.

    Hinter der Stellungnahme des Topmanagers von der wichtigsten internationalen gemeinnützigen Organisation im Bereich Energie steht etwas mehr als der Wunsch, einem Land, von dessen Medien er interviewt wurde, ein Lob auszusprechen.

    Es gehe darum, dass die jüngsten Ereignisse dazu anregen würden, den Begriff "Energie-Supermacht" neu zu definieren, weil er sich in den vergangenen Jahren schon ziemlich abgegriffen habe.

    Ursprünglich bezeichnete man mit diesem Begriff Länder, die umfangreiche nachgewiesene Vorräte von natürlichen Energieträgern (von Kohle bis Uran) besaßen und die größten Exporteure von verschiedenen Arten davon waren. Es handelte sich um Länder, die ihre volle nationale Souveränität bewahrten und den so genannten "Energie-Hebel" als außenpolitisches Instrument einsetzten, um vor allem die Preisgestaltung auf den internationalen Weltmärkten zu beeinflussen.

    Als Beispiele für Energie-Supermächte in den vergangenen anderthalb Jahrzehnten galten gewöhnlich Russland (insbesondere bei der Gasproduktion) und Saudi-Arabien (bei der Erdölproduktion). Mehr als ein Dutzend Länder wurden als Kandidaten für diesen Status aufgeführt — von Australien und Kasachstan bis zum Iran und Kanada.

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    Dabei wurde der Begriff häufig mit einem offen ironischen Unterton verwendet, um hervorzuheben, dass Macht und Einfluss dieser Art nachgeordnet seien und einen abhängigen und bedienenden Charakter haben. Als Kehrseite dieser Konzeption kamen Etiketten wie "Tankstelle", "am Öl-Tropf hängend", "Rohstoffanhängsel" und "Ressourcenfluch" auf.

    In den vergangenen Jahren kam es jedoch zu Veränderungen, die trotz ihrer äußeren Unauffälligkeit wie tektonische Verschiebungen wirken — nicht nur auf dem Energiemarkt, sondern auch in der Weltpolitik.

    Erstens fanden Russland und Saudi-Arabien eine gemeinsame Sprache und forderten erfolgreich im Rahmen der OPEC+ USA, die viele Jahrzehnte im Mittelpunkt der Entscheidungsfunktion und des politischen Willens in Bezug auf die Bestimmung des Ölpreises standen. Nun ist der US-Präsident gezwungen, Bittsteller-Tweets an die OPEC zu schreiben, um einen Anstieg der Preise einzudämmen. Die Amerikaner selbst sind nicht mehr mächtig genug, um das gewünschte Preisniveau zu erreichen.

    Zweitens setzte Moskau bei der Realisierung aller wichtigen Gas-Infrastrukturprojekte der letzten Jahre zum Endspurt an:

    • Der Bau der Pipeline "Kraft Sibiriens" steht kurz vor dem Ende. Derzeit sind mehr als 99 Prozent der  Leitung fertig. Gazprom will am 1.Dezember mit den Gaslieferungen nach China beginnen — einige Wochen früher als geplant.
    • Am 19. März wurde die letzte Fuge verschweißt, welche den Meeres- und den Küstenabschnitt der Pipeline "Turkish Stream" verbindet. Die Inbetriebnahme der neuen Gaspipeline ist für Ende dieses Jahres geplant.
    • Bis dato wurden mehr als 800 der insgesamt 1200 Kilometer der Pipeline Nord Stream 2 gebaut. Vertreter der Nord Stream 2 AG berichten über die hohe Intensität der Bauarbeiten und hoffen, dass die Leitung bis Ende 2019 fertig sein wird. Parallel wehren die europäischen Befürworter dieses Projekts (vor allem die deutschen Behörden und große europäische Geschäftskreise) die Versuche erfolgreich ab, die Pipeline unter Brüssels Kontrolle zu stellen – und erwägen Mechanismen zum Schutz des zweiten Nord-Stream-Strangs vor ähnlichen Attacken in der Zukunft.

    Es sei daran erinnert, dass all diese Projekte in einer Situation umgesetzt wurden, in der Russland einem enormen politischen und wirtschaftlichen Druck ausgesetzt wurde, dessen Ergebnis seine bedingungslose Kapitulation gegenüber dem Westen werden sollte.

    Erwähnenswert ist, dass Moskau bei seiner Integration in den globalen LNG-Markt einen großen Erfolg hatte, wobei Flüssiggas Europa unabhängig vom russischen „Rohr“ hätte machen sollen (der LNG-Anteil am europäischen Gasmarkt erreichte im vorigen Jahr 36,7 Prozent – ein Rekord).

    Drittens ist Russland der Spitzenreiter auf dem High-Tech-Gebiet Atomenergie. Auch dort ist es vor dem Hintergrund großer Probleme (technologischer und finanzieller) seiner Konkurrenten enorm erfolgreich. Trotz der heftigen Rhetorik gelingt diesen keine Wende.

    Viertens sieht die Realität der „erneuerbaren Energie“ trotz zahlreicher positiver Prognosen nicht besonders optimistisch aus. Es war kein Zufall, dass Christoph Frey in einem Interview offen sagte, dass der Übergang von den traditionellen zu alternativen Energiequellen eine Frage von Jahrzehnten sei, wobei die aktuelle Situation nicht gerade rosig sei.

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    Also ist es durchaus logisch, dass der Top-Manager des World Energy Council das Nord-Stream-2-Projekt positiv bewertetet, weil Europa dadurch „mit dem billigsten Gas von allen möglichen“ versorgt werde.

    Damit konnten die „Energie-Großmächte“ (Russland spielt dabei die Führungsrolle, ist aber nicht ganz allein in dieser Reihe) in den letzten Jahren ihren „Tankstellen-Status“ loswerden, dem zufolge wirklich akute Probleme der Weltpolitik nur die „richtigen“ Großmächte lösen sollten bzw. könnten. Sie können inzwischen sogar ihre Ansichten (und ihren Willen) selbst den wichtigsten geopolitischen Machtzentren aufzwingen, indem sie ihre Ressourcen in politischen Einfluss umsetzen.

    Erst vor zehn, ja sogar vor fünf Jahren war die Meinung ziemlich verbreitet, dass all diese klangvollen Begriffe und Bezeichnungen („energetische Großmacht“, „Agrar- Großmacht“, „globale Werkstätte“ usw.) nichts als „Glasperlen“ des modernen Neokolonialismus waren, mit denen der Westen als wahrer Herrscher der Welt sich alle anderen Länder unterwirft und gegen die er die richtig wertvollen Ressourcen und Möglichkeiten austauscht.

    Das war wohl nur zum Teil die Wahrheit. Aber die Transformation der globalen Energiewirtschaft und Geopolitik, die wir gerade beobachten, zeigt deutlich: Menschen sind durchaus in der Lage, neu entstehende Begriffe mit realem Inhalt zu füllen.

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    Tags:
    Technologien, Erdöl, Produktion, Energie, Supermacht, Markt, Gas, Kraft Sibiriens, Turkish Stream, Nord Stream 2, OPEC, Saudi-Arabien, USA, Russland