07:52 24 April 2019
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    Ein Fernseher (Symbolbild)

    „Verstaubt, zu seriös und wenig innovativ“ – Öffentlich-Rechtliche unter der Lupe

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    Ilona Pfeffer
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    In einigen grundsätzlichen Punkten ist der öffentlich-rechtliche Rundfunk in Deutschland, Österreich und der Schweiz nicht mehr zeitgemäß und muss dringend nachbessern, um seinem Auftrag gerecht zu werden. Zu diesem Schluss kommt der Schweizer Journalist Konrad Weber und legt ein „Manifest“ vor.

    Die Plattform futurepublic.media setzt sich nach eigenen Angaben mit den aktuellen Herausforderungen von öffentlich-rechtlichen Medienhäusern auseinander. Dort hat Konrad Weber mit der Unterstützung einer Reihe von „Mitdenkerinnen und Mitdenkern“ die Lage der ÖR-Sendeanstalten in Deutschland, Österreich und der Schweiz untersucht und zu deren Optimierung ein sogenanntes „Manifest“ vorgelegt. Unter den „Mitdenkern“ sind von deutscher Seite beispielsweise ZDF-Moderator Daniel Bröckerhoff, ARD-Moderator Richard Gutjahr und Alex Nieschwietz, Projektmanager „Digital Change“ beim WDR.

    Einsichten

    Mit dem digitalen Zeitalter habe sich vieles verändert, stellen die Autoren fest. Schneller sei alles geworden. Während die Fernsehtechnologie 22 Jahre gebraucht habe, um 50 Millionen Menschen weltweit zu erreichen, habe die App Pokémon Go dafür gerade einmal 19 Tage gebraucht. Auch das Mediennutzungsverhalten der modernen User habe sich entwickelt – weg von dem linearen Konzept, auf das die öffentlich-rechtlichen Medienhäuser traditionell setzen. Vielleicht ist es dieser Tatsache geschuldet, dass bei den Nutzern der TV- und Radioangebote in Deutschland, Österreich und der Schweiz inzwischen ein Altersdurchschnitt von über 60 Jahren herrscht. Offenbar bevorzugt die jüngere Generation andere Informationsquellen und Darreichungsformen.

    Auch was das Image der öffentlich-rechtlichen Angebote angeht, gibt sich Weber einsichtig:

    „Verstaubt, (zu) seriös und wenig innovativ – so werden viele öffentlich-rechtliche Fernseh- und Radiostationen vom Publikum wahrgenommen. Dass die meisten dieser Häuser digitale Angebote bereitstellen und zum Teil auch Neues ausprobieren, wird dem bestehenden Image nicht hoch angerechnet.“

    Die Bemühungen der Medienhäuser, diesem Phänomen entgegenzusteuern und abseits des klassischen Angebots mit neuen digitalen Marken ein jüngeres Publikum anzusprechen, würden sich oftmals nur marginal auswirken. 

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    Interessant ist der Schluss, den Weber und seine Mitwirkenden im nächsten Punkt ziehen. Es seien die Qualität und Sicherheit, die die öffentlich-rechtlichen Anstalten dank strengen publizistischen Vorgaben über Jahre hinweg aufgebaut hätten, die sie nun daran hindern würden, sich agil und innovativ weiterzuentwickeln.

    Auch bei den Mitarbeitern der Sendeanstalten erkennen die Autoren Nachbesserungsbedarf. Sie seien einerseits die wertvollste und teuerste Ressource, andererseits komme ihnen nicht das gebührende Maß an Aufmerksamkeit zu. Wegen unterschiedlichen Wissenstandes sollte es beispielsweise mehr „Ausbildungsangebote, transparente Kommunikation im Change-Prozess und klare Zielvorgaben“ geben. Politische Aufträge seien teils widersprüchlich, strategische Ziele oft unklar. Das mache es den Mitarbeitern schwer, zu den Unternehmenszielen beizutragen.

    Es sei an der Zeit, den dringend notwendigen Wandel einzuleiten, unterstreicht Konrad Weber und zitiert den New Yorker Journalismus-Professor Jay Rosen mit den Worten: „Öffentlich-rechtliche Medien müssen endlich lernen, genauso gut zuhören wie senden zu können.“

    Das Manifest

    Nach der Selbstanalyse und Einsicht folgt ein aus 15 Punkten bestehendes „Manifest“. Dieses soll den Zweck verfolgen, „Funktion und Organisation von öffentlich-rechtlichen Medien in einem digitalen Zeitalter“ zu entwickeln. Wer an dieser Stelle jedoch einen detaillierten Plan oder radikale Innovationen erwartet hat, wird enttäuscht.  Vielmehr wirkt das „Manifest“ wie eine Kombination aus der gebetsmühlenartigen Rezitation der Punkte, die die eigene Daseinsberechtigung bekräftigen sollen, und einer idealisierten Vorstellung der eigenen Zukunft, ohne dabei vom über Jahrzehnte hinweg ausgetretenen Pfad abweichen zu müssen .

    Als öffentlich-rechtliche Sendeanstalten fördere man die demokratische Meinungsbildung und die kulturelle Vielfalt und erfülle damit seinen verfassungsmäßigen Auftrag. Dabei sei man sich stets der Verantwortung bewusst, die mit der steuerlichen Finanzierung komme. Es sei eben das öffentliche Interesse, das die öffentlich-rechtlichen Medien bei der Themensetzung leite. Sie stünden außerdem für zuverlässigen, fairen und ausgewogenen Journalismus, der sich nicht nur nach der Quote richte. Man verstehe sein Angebot als Dienst an der Gesellschaft, nehme die unterschiedlichen Bedürfnisse des breiten Publikums ernst und suche laufend nach neuen Wegen, um möglichst viele Menschen zu erreichen. Das Publikum werde aktiv miteinbezogen. Verbesserung verstehe man als einen Prozess, der nie fertig sei, und könne so den Wert der Angebote und Produkte kontinuierlich steigern. Die bestehenden Angebote würden gemessen und hinterfragt, um Defizite schnell entdecken und beheben zu können.

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    Die öffentlich-rechtlichen Medien seien transparent und machten Messgrößen und daraus abgeleitete Erkenntnisse öffentlich. Zur Senkung der Kosten und Verbesserung der Qualität würden sie sich neue technologische Entwicklungen zunutze machen sowie diese vorantreiben. Im Hinblick auf das Ressourcenmanagement sorge man mit geeigneten Organisationsformen dafür, dass die Ressourcen „so effizient wie möglich eingesetzt werden“. Da sie wüssten, dass Medien nur so gut sein können wie ihre Mitarbeiter, würden sie für geeignete Bedingungen sorgen, um ein attraktiver Arbeitgeber zu bleiben.

    Fazit

    Ganz grundsätzlich ist es löblich, dass sich Medienschaffende bei den öffentlich-rechtlichen Sendeanstalten Gedanken darüber machen, in welchen Punkten sie Defizite haben und wie sie diese beheben können. ABER! Das „Manifest“ von Konrad Weber und seinen Mitstreitern kratzt höchstens an der Oberfläche, die eigentlichen Probleme kommen nicht zur Sprache, die notwendigen Schlüsse können deshalb nicht gezogen werden. Blickt man in die Foren oder sieht man sich die regelmäßig in den Programmbeschwerden der Ständigen Publikumskonferenz formulierten Kritikpunkte an, liegen die wahren Probleme woanders. Und nein, gemeint sind nicht die Gebühren, die zur Finanzierung des Angebots erhoben werden.

    An dieser Stelle sollen nur einige Punkte genannt werden. Da wäre beispielsweise die mangelnde Neutralität der Berichterstattung bei bestimmten Themen, etwa dem Verhältnis zwischen Russland und der Nato. Die tendenziöse Berichterstattung geht mit mehreren Faktoren Hand in Hand, genannt sei hier die Nähe zu einem begrenzten Kreis von Politik- und Wirtschaftsvertretern, die sich in den Talkshows von ARD und ZDF die Klinke in die Hand geben. Außerdem scheint man dem Konsumenten der eigenen Angebote seine Urteilsfähigkeit zumindest teilweise abzusprechen – so oberlehrerhaft kommt teilweise die Darreichung  der Inhalte rüber. In puncto Bildungsauftrag ist zu bemängeln, dass dokumentarische Formate, die zur Erfüllung dessen beitragen könnten, oft auf undankbare Sendeplätze (spät abends oder nachts) geschoben werden.

    Dass mehr Transparenz her muss, haben die Autoren erkannt, dies sollte aber auch für die Kosten- und Ausgabenstruktur gelten. Und last but not least der Umgang mit den Mitarbeitern. Diese haben nicht nur einen „unterschiedlichen Wissenstand“ und oft unklare Vorstellungen von der Zielsetzung, sondern werden in vielen Fällen auch ungleich behandelt. Genannt sei hierbei der Umgang mit den freien Mitarbeitern, die einen großen Anteil an der Arbeit haben, beim Thema Arbeitsrecht jedoch häufig den Kürzeren ziehen. So werden sie bei ARD und ZDF nicht als „Personal“, sondern als „Sachkosten“ geführt.

    Will der ÖR wirklich etwas verbessern und für das breite Publikum interessant bleiben, muss er ans Eingemachte.

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    Tags:
    ZDF, ARD, Journalismus, Schweiz, Österreich, Deutschland, Digitalisierung