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22:48 19 September 2019
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    Ernte nach der Flutkatastrophe in den USA

    „Wir sind erledigt”: US-Landwirte fürchten nach Flutwelle um ihre Existenz

    © REUTERS / TOM POLANSEK
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    Die Überschwemmungen vom März im mittleren Westen der USA haben fast 40 Prozent der Getreide-, Mais- und Soja-Ernte zerstört. Der Schaden beläuft sich auf mehr als drei Milliarden Dollar, die Landwirte sind in Panik. Die Regelung des Handelsstreits mit China hätte der US-Landwirtschaft einen Aufschwung geben können.

    Nun stellt sich aber die Frage: Wird sich die US-Landwirtschaft nach diesem Schlag wieder erholen? Mehr dazu in diesem Artikel.

    Letzte Chance

    Der Landwirtschaftssektor der USA erlebt derzeit den stärksten Rückgang seit 30 Jahren. Im vergangenen Jahr gingen allein in den Bundesstaaten im mittleren Westen 84 Landwirtschaftsbetriebe pleite — ein Negativrekord seit 2007.

    Der Hauptgrund für die Misere sind die viele Schulden seit der Agrarkrise in den 1980er-Jahren. Viele arbeiten mit Verlust und haben keine Chance, die Schuldenberge abzutragen. Nur bei wenigen rentiert sich das Geschäft oder werden winzige Gewinne erzielt.

    Auf dem Markt sind seit langem Anzeichen einer Überproduktion zu erkennen, die die Landwirte daran hindert, die Preise anzuheben.

    Der von Präsident Donald Trump entfachte Handelskrieg mit China verschärft zusätzlich die Lage. Von den durch Peking eingeführten Strafzöllen sind vor allem Produzenten von Sojabohnen und Mais betroffen, die seit Jahrzehnten nach China lieferten. Nun wurden die Soja-Lieferungen nahezu eingestellt.

    Das Ende des Handelskrieges hätte die Rückkehr von amerikanischem Soja, Mais, Schweinefleisch, Milchprodukten auf den großen chinesischen Markt bedeutet — und somit lang erwartete Einnahmen, mit denen die meisten Farmer ihre Schulden hätten tilgen können.

    Die Schulden der Landwirte belaufen sich auf 409 Milliarden Dollar – innerhalb eines Jahres stiegen sie um 24 Milliarden Dollar an, wie Landwirtschaftsminister Sonny Perdue vor dem Kongress mitteilte.

    In Erwartung eines neuen Handelsvertrags füllten die Landwirte die Lager mit der vorjährigen Ernte. Fast alles ist wegen den Überflutungen Mitte März unbrauchbar geworden.

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    Milliarden unter Wasser

    Das Hochwasser im Frühling betraf den gesamten Corn Belt (Getreide-Gürtel) der USA – von Nebraska bis Iowa.

    Das Wasser zerstörte Hunderttausende Erntelager.

    In Iowa, Nebraska und South Dakota wird der Gesamtschaden wegen der verloren gegangenen Ernte und des gestorbenen Viehs auf drei Milliarden Dollar geschätzt.

    „Eisbrocken so groß wie Autos stießen auf die Lager und Häuser. Kälber wurden ins Eiswasser getragen, am Ufer der angeschwollenen Flüsse sammelten sich die Tierleichen. Die Felder verwandelten sich in Seen“, beschreibt die Zeitung „The New York Times“ die Situation.

    Allein in Nebraska kamen wegen der Fluten mehr als eine Million Kälber um, wie der Gouverneur des Bundesstaats in der vergangenen Woche mitteilte. Laut John Hansen, Chef von Nebraska Farmers Union, kam das Wasser so schnell, dass sie es einfach nicht geschafft haben, das Vieh und Getreide zu retten.

    Laut Prognosen der Wetterforscher wird es auch im April wegen des starken Regens zu Überschwemmungen kommen.

    Nach Angaben von Archer-Daniels-Midland, einem der größten Getreidehändler der Welt, entgehen den USA wegen den Überflutungen 50 bis 60 Millionen Dollar operative Gewinne im ersten Quartal.

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    K.o.-Schlag

    Wie die “New York Times” schreibt, könnte die Naturgewalt die Landwirte komplett ruinieren, die ohnehin die schwersten Zeiten seit 30 Jahren erleben. Die Fluten haben die Infrastruktur stark beschädigt – Landstraßen, Brücken, Eisenbahnstrecken.

    Im Ergebnis hat die Landwirtschaftsbranche nun nicht mehr die Möglichkeit, ihre Erzeugnisse an die verarbeitenden Betriebe und Endverbraucher zu liefern sowie Samen und Tierfutter zu bekommen.

    Heu für das gerettete Vieh im US-Bundesstaat Nebraska musste mit Militärhubschraubern abgeworfen werden. Wie das Verteidigungsministerium mitteilte, war so eine Maßnahme bisher nur einmal notwendig — im Jahr 1949.

    „Anscheinend stehen wir somit vor dem Aus“, sagte Anthony Ruzicka, Besitzer einer Familienfarm in Nebraska, der Zeitung „The New York Times“. „Finanziell werden wir das nicht überleben“.

    „Wir haben mit Getreide wegen der Handelsprobleme und der niedrigen Preise nichts verdient und wechselten zur Viehzucht. Was sollen wir nun tun? Wir haben nichts, womit wir das Vieh füttern können“, sagte der Farmer Tom Geisler.

    Nicht verkaufen, sondern vernichten

    Laut Landwirten aus Iowa wurden bis zu 80 Prozent Ernte durch das Hochwasser vernichtet. Mehrere Tonnen Getreide sind in überfluteten Lagern verblieben. Inzwischen sagten Experten bereits, dass man einmal nicht versuchen sollte, Mais und anderes Getreide zu verkaufen, weil es den Ansprüchen des Handels nicht genüge.

    Gemäß der Politik der US-Verwaltung für Kontrolle von Lebensmitteln und Medikamenten ist das überflutete Getreide nicht mehr für den Verkauf geeignet  und muss vernichtet werden.

    Gewässertes Getreide gilt als gefälscht, so die Vertreter der University of Iowa. Zudem wurde den Landwirten empfohlen, das gute Getreide nicht mit dem gewässerten zu vermischen.

    US-Beamte drohten mit verschärften Prüfungen der Landwirtschaftserzeugnisse, um zu verhindern, dass verfaultes und gesundheitsschädliches Getreide in den Handel gelangt (auch weil wegen den Überflutungen die Klärbecken von den Feldern, die mit Chemikalien verschmutzt sind, übergelaufen sind).

    „Das ist die bitterste Pille, die wir schlucken müssen“, sagte Jeff Jorgenson vom regionalen Verband der Soja-Hersteller des Bundesstaats Iowa.

    Die Landwirte fordern von den Behörden dringende Finanzhilfen. Doch selbst wenn der Staat finanziell in die Bresche springt, wird die Wiederherstellung der Landwirtschaftsproduktion mehrere Jahre dauern.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Handelskrieg, Soja, Landwirte, Schaden, Überschwemmung, Donald Trump, USA, China