22:49 19 April 2019
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    Der russische LNG-Tanker Grand Aniva (Archivbild)

    Vollgas: Russisches Flüssiggas macht den USA das Geschäft madig

    © Sputnik / Sergej Gunejew
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    Alexander Lesnych
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    Russland hat im vergangenen Jahr die USA beim Export von Flüssiggas auf den beiden wichtigsten Märkten – Europa und Asien - überholt, wie die Internationale Gruppe der Flüssiggasimporteure (GIIGNL) mitteilte. Wie das geschafft wurde und womit russische Flüssiggashersteller in der Zukunft rechnen können – das lesen Sie in diesem Artikel.

    Gasriesen

    Weder Russland noch die USA haben bislang den Sprung in die Top 3 des globalen LNG-Marktes geschafft. Auf dem europäischen Markt ist Katar der Spitzenreiter, der im vergangenen Jahr 16,42 Mio. Tonnen verkaufte, gefolgt mit großem Abstand von Algerien mit 9,29 Mio. und Nigeria mit 9,07 Mio. Tonnen.

    In Asien ist Australien der Spitzenreiter (66,54 Mio. Tonnen), auf dem zweiten Platz folgt Katar (56,78 Mio. Tonnen), auf dem dritten Platz Malaysia (24,66 Mio. Tonnen).

    Allerdings hat Russland wohl deutlich stärkere Positionen als die Amerikaner – die Jahreslieferungen nach Europa und Asien belaufen sich auf 4,43 beziehungsweise 12,86 Mio. Tonnen. Die Marktteilnehmer bezeichnen diese Zahlen als Durchbruch, weil der Höhepunkt der Produktionszahlen in kürzester Frist erreicht wurde. Die entsprechenden US-Zahlen liegen bei 2,7 beziehungsweise 10,73 Mio.

    Russland überholte im Februar seine Konkurrenten in Europa, wobei an die lokalen Terminals 1,41 Mio. Tonnen Flüssiggas geschickt wurden. Nach Angaben des Finanzdirektors des russischen Gas- und Ölanbieters NOVATEK, Mark Gyetvay, ist dieser Erfolg mit dem niedrigen Kraftstoffpreis zu erklären – das russische Flüssiggas kostete die EU-Länder 3,15 Dollar pro mmBtu – gegenüber sieben bis acht Dollar für US-Flüssiggas.

    Der niedrigere Preis ist in vielerlei Hinsicht mit dem Effekt der lokalen Überproduktion wegen des Rekordtempos bei der Schaffung von Kapazitäten auf Jamal zurückzuführen. Der zweite Abschnitt  des Werks Yamal LNG wurde sechs Monate früher als geplant gestartet, der dritte sogar ein Jahr früher. Im Ergebnis fehlten Tankschiffe für die produzierten Mengen – der Vertrag für den Bau von zusätzlichen 15 Schiffen in Südkorea wurde erst im vergangenen Sommer unterzeichnet.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: US-Flüssiggas für EU überflüssig? – Russische Zeitung<<<

    NOVATEK musste die Lieferrouten kürzen, wobei das für asiatische Märkte bestimmte Gas umgeleitet wurde. Das ermöglichte eine schnellere Rückkehr der Schiffe zur Beförderung neuer Partien.

    Die Preise in Europa sind gesunken, wobei die Lieferungen aus Übersee sich gar nicht rechnen. Nach Einschätzungen der analytischen Firma Rystad Energy ist die niedrigste Kennzahl der Rentabilität für die Amerikaner – fünf Dollar pro mmBtu, also um das 1,5-Fache über den jetzigen Preisen.

    Große Pläne

    In der nächsten Zeit wird sich die Konkurrenz zwischen dem russischen und dem US-Flüssiggas auf dem europäischen Markt verschärfen. Mit dem Eintreffen neuer Tankschiffe wird NOVATEK noch mehr Flüssiggas nach Asien liefern, wobei die Preise in Europa steigen werden. Die Amerikaner planen bereits eine massive Expansion in Europa.

    Nach Angaben der Federal Energy Regulatory Commission (FERC) werden in den USA derzeit neue Segmente zur Gasverflüssigung eingerichtet (Hackberry, Freeport, Corpus Christi, Sabine Pass und Elba Island) mit einer Gesamtkapazität von 57 Mio. Tonnen Flüssiggas pro Jahr. Es wurden Projekte von fünf weiteren Abschnitten gebilligt (zwei in Lake Charles und jeweils einer in Hackberry, Sabine Pass und Gulf of Mexico) mit einer Kapazität von 60,3 Mio. Tonnen pro Jahr.

    Zudem erörtert FERC Projekte für Gasverflüssigung für weitere 156 Mio. Tonnen pro Jahr. Allerdings werden die Gasvorräte in diesem Fall nur für 20 Jahre ausreichen, selbst ohne Berücksichtigung des inländischen Verbrauchs.

    Neben der eingeschränkten Ressourcenbasis werden die Pläne Washingtons durch die Politik Trumps behindert. Der Chef des Flüssiggasexporteurs Cheniere Energy Eric Bensaude sagte der Zeitung „Financial Times“, dass seine Firma wegen des Handelskrieges mit Peking die Lieferungen nach langfristigen Verträgen mit China auf Eis legen musste. „Die Käufer in China bekamen von ihrer Regierung den eindeutigen Hinweis, dass sie die Finger von unseren Erzeugnissen lassen sollen“.

    Die Ungewissheit bei der Regelung der amerikanisch-chinesischen Handelsstreitigkeiten schließt das Heranziehen von Investoren an die Flüssiggasprojekte aus – bislang gibt es keinen Markt für neue Flüssiggasmengen.

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    Laut Carlos Torres-Diaz von Rystad Energy wird der chinesische Flüssiggasimport in diesem Jahr fast um ein Viertel wachsen, doch fast die gesamte Nachfrage wird durch Lieferungen aus Australien, Katar und Russland gedeckt. Zugleich werden die wichtigsten Verbraucher von US-Flüssiggas — Japan und Südkorea – ihre Importe kürzen.

    Es wird zunehmend deutlich, dass die USA ihren Export nach Asien nicht ausbauen können, was bedeuten könnte, dass bereits laufende Flüssiggasprojekte auf der Kippe stehen.

    Russisches LNG auf dem Vormarsch

    Die russischen Pläne sind zwar bescheidener, doch ihr Vorteil ist, dass zu allen Projekten bereits nicht nur die Infrastruktur-, sondern auch Investitionsbeschlüsse getroffen wurden.

    Der größte Trumpf von NOVATEK ist, dass das Werk Arctic LNG-2 auf der Halbinsel Gydan mit einer Kapazität von 19,8 Mio. Tonnen Flüssiggas pro Jahr das erste Segment im Jahr 2022 starten soll. Anfang März unterzeichnete der französische Konzern Total einen Vertrag über den Erwerb eines 10-prozentigen Anteils am Unternehmen. Weitere zehn Prozent wollen die japanischen Unternehmen Mitsubishi und Mitsui erwerben. Bereitschaft, sich diesem Projekt anzuschließen, zeigen auch die chinesische CNPC und die saudische Firma Saudi Aramco.

    Auch bezüglich des Vertriebs entstehen keine Fragen – ausländische Abnehmer haben bereits langfristige Verträge unterschrieben. NOVATEK machte auf einer Konferenz in Shanghai einen Vertrag mit einer Laufzeit von 15 Jahren mit der schweizerisch-niederländischen Firma Vitol S.A. für die Lieferung von einer Million Tonnen Flüssiggas pro Jahr perfekt.

    „Der Verkauf von Flüssiggas auf unseren Terminals soll die Flexibilität der Lieferungen weltweit sichern und uns die maximale Umsetzung des Potentials zur Schaffung von Flüssiggas-Hubs im Asiatisch-Pazifischen und Atlantischen Raum ermöglichen“, sagte der Vize-Vorstandschef von NOVATEK, Lew Feodossjew.

    Zugleich haben Gazprom und Rusgasdobytscha mit dem Bau von Baltic LNG bei Ust-Luga im Gebiet Leningrad begonnen. Das Joint Venture soll spätestens 2023 gestartet werden, die Erzeugnisse werden vor allem an Länder in der atlantischen Region, des Nahen Ostens und Südasiens gehen. Die Projektkapazität beläuft sich auf 13 Mio. Tonnen. Die Positionen Russlands auf den wichtigsten Flüssiggasmärkten werden damit noch weiter gestärkt.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Flüssiggas, LNG, Verkauf, Konkurrenz, Gas, Internationale Gruppe der Flüssiggasimporteure (GIIGNL), Rystad Energy, NOVATEK, Mark Gyetvay, Donald Trump, Algerien, Europa, Asien, Katar, Nigeria, Jamal, USA, Russland