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21:55 19 Oktober 2019
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    US-Kampfjet des Typs F-35 (Archivbild)

    Türkei „verjagt“ US-Kampfjets mit russischen S-400-Raketen

    © Foto: U.S. Air Force / Tech. Sgt. Jarad A. Denton
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    Nach mehreren Warnungen haben die USA ihr Wort gehalten und ihr Zusammenwirken mit der Türkei beim F-35-Kampfjet gestoppt. Der Grund wurde offen genannt: Ankaras Entscheidung für den Kauf von russischen Luftabwehrsystemen S-400 „Triumph“.

    Die Amerikaner machen kein Hehl aus ihrer Besorgnis darüber, dass die Türkei dadurch in die Lage versetzt werden könnte, das neueste Hightech-Stealth-Kampfflugzeug zu entdecken und seine Bewegungen zu verfolgen. Dabei geht es gleich um zwei Aspekte des Zusammenwirkens Washingtons und Ankaras auf diesem Gebiet.

    Erstens beteiligt sich die Türkei an der Entwicklung dieser Tarnkappen-Maschine: In der Türkei werden Rumpfteile, Chassis und Displays für das Cockpit produziert. Jetzt müssen die Amerikaner jemanden finden, der die Türken dabei ersetzen könnte.

    Und zweitens wollen die USA die Lieferung von F-35-Kampfjets an die Türkei einstellen. Nach Angaben von Reuters und Bloomberg wurde die Weigerung der Amerikaner, den Türken Flugsimulatoren bereitzustellen, zum „ersten konkreten Schritt“ in diese Richtung.

    Übrigens hatte Ankara schon im Juni 2018 zwei von insgesamt 100 Maschinen dieses Typs (Modifikation A) bekommen.

    Diese ganze Geschichte um die F-35-Kampfjets und die „Triumph“-Raketensysteme ist ein krasses Beispiel dafür, wie schnell und radikal sich die Situation in der heutigen Welt verändern kann. Der russisch-türkische S-400-Vertrag für 2,5 Milliarden Dollar war im Dezember 2017 unterzeichnet worden. Die entsprechenden Verhandlungen hatten bereits im Herbst 2016 begonnen.

    Damals waren sich praktisch alle Experten einig, dass es sich um ein rein formelles Abkommen handeln würde, das nicht in Erfüllung gehen würde, weil Ankara wieder zurückrudern würde. Damals war man davon ausgegangen, dass es sich lediglich um einen türkischen Affront gegen Washington angesichts der vielen Kontroversen handelt, die sich nach dem gescheiterten Putsch in der Türkei im Sommer 2016 zugespitzt hatten.

    Man dachte, Washington und Ankara würden ihre Kontroversen irgendwann beilegen, sodass die Türken einen Rückzieher bei ihrem Rüstungsdeal mit Moskau machen werden. Aber es sind schon mehrere Jahre vergangen, und bald sollen die ersten S-400-Komplexe geliefert werden (ursprünglich sollte das im März 2020 passieren, dann wurde die Frist auf Ende 2019 vorgezogen). Auf Seiten der Türken gibt es keine Anzeichen dafür, dass sie doch „den Rückwärtsgang einlegen“ werden.

    Die Widersprüche zwischen Ankara und Washington sind sogar teilweise noch schärfer geworden (unter anderem wegen des Kurden-Problems im Syrien-Krieg und wegen des in den USA lebenden Predigers Fethullah Gülen, der nach Auffassung der türkischen Behörden den gescheiterten Putsch organisiert hatte, den Washington aber nicht ausliefern will).

    Gleichzeitig hat das Zusammenwirken der Türkei mit Russland ein neues strategisches Niveau erreicht. Dem Kreml scheint etwas bisher Undenkbares gelungen zu sein: die Einrichtung des partnerschaftlichen Dreigespanns Moskau- Ankara-Teheran, wobei die beiden letzteren eigentlich ewige Konkurrenten in der Nahost-Region sind.

    Man kann nur vermuten, wie Erdogans ursprünglichen Absichten in Bezug auf den S-400-Vertrag waren und ob er tatsächlich bereit war, im Falle der Regelung der Beziehungen mit Washington daraus auszusteigen. Eines ist aber klar: Der Appetit kommt beim Essen, und Ankara will zunehmend seine nationale Souveränität stärken und sich aus dem Klammergriff des „älteren Partners“ befreien. Und in den vergangenen Jahren hat es große Fortschritte auf diesem Weg gemacht.

    Aber neben dem geopolitischen hat die aktuelle Situation auch einen wichtigen wirtschaftlichen Aspekt. Um den F-35-Kampfjet entstehen immer neue und neue Skandale. Dieses Projekt (wie auch einst das Projekt zur Entwicklung des Zerstörers Zumwalt) verkörpert im Grunde die zahlreichen Probleme der US-Rüstungsindustrie: Die Ausgaben sind gigantisch, und um die Erfüllung der gestellten Aufgaben entstehen etliche Probleme.

    Anfang dieses Jahres haben US-amerikanische Medien ein weiteres Dokument des US-Verteidigungsministeriums in die Hände bekommen, in dem kritisch wichtige Nachteile des F-35 aufgezählt wurden. Hier sind einige von ihnen:

    — die Version F-35B mit Kurzstreckenstart kann nur 2100 statt der ursprünglich geplanten 8000 Flugstunden fliegen;

    — das eingebaute Maschinengewehr der Modifikation F-35A entspricht nicht den im Vertrag verankerten technischen Standards;

    — das autonome logistische Informationssystem (ALIS), das für den Notruf und die Beobachtung des technischen Zustandes des Flugzeugs bestimmt ist, funktioniert immer noch nicht ordnungsgemäß;

    — zwar hat die erneuerte Software die Stabilität der Waffen gesteigert, aber ihre Präzision ist immer noch mangelhaft. Zudem stellte sich heraus, dass die Waffen unterschiedlich verschoben sind, und dass es unmöglich ist, sie alle einander anzupassen.

    Kenner der Flugzeugbranche sagen offen, dass diese Maschine zahlreiche Mängel hat und umfassend modernisiert werden müsste. Aber die Amerikaner haben in die Entwicklung schon knapp anderthalb Billionen Dollar gesteckt und wollen dieses Geld zurückbekommen – und liefern diese Maschinen schon jetzt an ihre eigenen Streitkräfte und auch an ausländische Besteller.

    >>>Mehr zum Thema: Erdogan schließt Kauf von russischen S-500-Systemen nicht aus<<<

    Angesichts dessen sieht Washingtons Beschluss, die F-35-Lieferung an die Türkei zu stoppen, eher wie ein Schuss ins eigene Bein als Druck auf Ankara aus. Für die Türken könnte das eher ein Geschenk und keine Strafe sein. Und sollten die Amerikaner aus dem Deal mit den Türken endgültig aussteigen, würden sie dadurch erstens einen großen Absatzmarkt und zweitens einen wichtigen Partner im Nahen Osten verlieren.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Luftabwehrsysteme, Raketenabwehrsysteme, Waffendeal, Lieferung, Einstellung, Tarnkappe, Kampfjet, F-35, S-400, US-Senat, Pentagon, NATO, Türkei, USA, Russland