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10:47 18 Oktober 2019
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    US-Kapitol in Washington (Archivbild)

    „Friendly Fire”: So zerstören US-Sanktionen die EU-Wirtschaft

    © AP Photo / MANUEL BALCE CENETA
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    Die US-Sanktionen, die sich aus einem Mittel zur „Eindämmung der Gegner“ und zur „Förderung der Demokratie“ schon längst in ein banales Instrument des Konkurrenzkampfes verwandelt haben, zeitigen gleich mehrere auffallende Nebeneffekte.

    So etwas kommt manchmal vor, wenn jemand ziemlich unbedacht handelt, und die Folgen solcher Handlungen kommen oft dort zutage, wo sie eigentlich kaum erwartet werden. Dann kann dieser „jemand“ ewig behaupten, er wollte „etwas ganz Anderes erreichen“.

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    Eine interessante Nachricht veröffentlichte dieser Tage die Agentur Reuters: Es habe sich herausgestellt, dass europäische Verarbeitungsbetriebe die US-Sanktionen gegen Venezuela und den Iran zwangsläufig bezahlen, indem sie teures russisches Öl kaufen müssen. Gerade wegen der großen Konkurrenz zwischen den europäischen Betrieben sei der Preis für die „russische“ Ölsorte Urals auf das höchste Niveau seit 2013 gestiegen.

    Alles ist ganz einfach: Das Öl aus dem Iran und Venezuela hätte auf dem globalen Markt durch US-amerikanisches ersetzt werden sollen. Es ist allgemein bekannt: Die Ölförderung in Nordamerika legt intensiv zu, und der Export sollte Ende dieses Jahres wachsen, sobald die neue Infrastruktur angeschlossen worden ist. Und die USA brauchen für ihr „schwarzes Gold“ dringend neue Absatzmärkte, die aus Washingtons Sicht leichter zu gewinnen sind, wenn man die Konkurrenz durch Sanktionen behindert.

    Aber das nordamerikanische Öl kann eben nicht den Rohstoff aus dem Iran und Venezuela ersetzen, weil es dabei nicht nur um leichte Sorten geht, sondern auch um Sorten mit einem geringen Schwefelgehalt. Gerade deswegen interessieren sich die Amerikaner so sehr für Venezuela: Eine Mischung aus dem nordamerikanischen und venezolanischen Öl wäre nahezu ein Etalon.

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    Aber dieser Auffassung sind Verbraucher und auch US-amerikanische Ölproduzenten und —verarbeiter. Doch diese oder jene Entscheidungen werden in dieser Welt nicht von Produzenten, sondern von Finanziers vorangetrieben – und für sie steht nur der Preis im Vordergrund.

    In diesem Fall spielen die Unterschiede in den technologischen Lösungen in europäischen und amerikanischen Ölraffinerien die entscheidende Rolle. Anstatt die leichten amerikanischen Sorten zu kaufen, mussten die Europäer gegeneinander um möglichst große Mengen mittelschweren Öls konkurrieren, und zwar des russischen Urals-Öls, was eben zum Preisanstieg geführt hat.

    Hier geht es um Folgendes. Eigentlich liegt der Urals-Preis etwa mindestens einen US-Dollar pro Barrel unter dem Preis für die Nordsee-Sorte Brent. Aber in letzter Zeit wurde der Unterschied wesentlich geringer, und nach Reuters-Angaben konnte Russland im März zusätzlich 140 Millionen Dollar im Vergleich zu Oktober einnehmen, als die Sanktionen noch nicht verhängt worden waren. Und die Situation wird für die Europäer noch schlimmer: Es kommen zusätzliche Faktoren mit ins Spiel, die die Situation mit der Ölverarbeitung beeinflussen.

    So laufen bei den europäischen Ölverarbeitungsbetrieben die Frühjahrs-Lieferungsverträge aus, und die Ölproduzenten aus dem Nahen Osten stellen sich zunehmend auf die asiatischen Märkte um. Saudi-Arabien muss als stärkster Akteur die wegen der US-Restriktionen ausfallenden Ölmengen ersetzen. So haben die Saudis zwischen Oktober 2018 und März 2019 ihren Export nach Europa fast um 50 Prozent gekürzt, weil die Preise in Asien für sie lukrativer und die Verkehrswege in das Morgenland günstiger sind. Auch der Irak reduziert allmählich seine Lieferungen in die Alte Welt (um etwa 40 Prozent).

    Öl-Probe, Venezuela (Archiv)
    © REUTERS / Carlos Garcia Rawlins
    Angesichts dessen sieht die Situation für die Europäer wegen der US-Sanktionen betrüblich aus. Der Grund dafür ist ganz offensichtlich: Bürokraten im Finanzwesen denken überall in der Welt gleich, und bei Entscheidungen über die Exportexpansion und die damit verbundenen „Ölsanktionen“ orientieren sie sich vor allem an Zahlen. In amerikanischen Management-Lehrbüchern wird Erdöl schon seit langem nicht als „Bodenschatz“ betrachtet, der noch gefördert, verarbeitet und verkauft werden muss, sondern nur als Derivat.

    Sie deuten also die Situation quasi so, als wäre Erdöl so etwas wie Bananen, die selbst auf dem Baum wachsen. Man müsse sich also gar nicht wundern, wenn sie irgendwann auf die Idee kommen, die Situation in der europäischen Ölverarbeitungsbranche auf „die listige Aggressivität der Russen“ zurückzuführen, die den demokratischen Ländern Europas ihr „totalitäres“ schwefelhaltiges Öl aufzwingen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Zerstörung, Wirtschaft, Brent, Ölexporte, Öl, Sanktionen, Urals, EU, Venezuela, Iran, Saudi-Arabien, USA