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    Der Oberbefehlshaber der Libyschen Nationalarmee General Khalifa Haftar (Archivbild)

    Libyen: General Haftar – ein Gaddafi-Klon greift nach der Allmacht

    © AFP 2019 / ABDULLAH DOMA
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    Ein rascher Vorstoß hat es General Haftar ermöglicht, die libysche Hauptstadt einzukesseln. Dem weiteren Vordringen der Haftar-Truppen stellen sich aber Kämpfer entgegen, die einst Gaddafi gestürzt hatten. Dass ein neuer „Oberst“ die Macht ergreifen könnte, ist eine Gefahr, die sogar Erzgegner eint. Der Kampf um Tripolis ist noch nicht entschieden.

    „Der Krieg in Libyen ist längst ein Stellungskrieg geworden. Die Einheimischen haben sich seit Langem an den Krieg gewöhnt. Für uns sind die Regierung und die Gruppen, die sie bekämpfen, allesamt kriminelle Banden. Sie alle wollen nur eines: die Macht erlangen und das einfache Volk schröpfen“, sagt Mahmud Dschab, ein Einwohner von Tripolis, im Sputnik-Gespräch.

    Überrascht hat der Vormarsch von General Haftar auf die libysche Hauptstadt niemanden, sagt Mahmud. Dass es den Vorstoß geben wird, war seit Langem klar – die Frage war nur: Wann wird es losgehen?

    „Die regierungstreuen Truppen haben rechtzeitig Maßnahmen ergriffen, um die Kämpfe von der Zivilbevölkerung möglichst fernzuhalten. Seit einer Woche wird um Tripolis gekämpft, aber die Versorgung funktioniert fast ohne Unterbrechung. Es gibt Strom und Wasser in der Stadt, sogar Internet“, erzählt Mahmud. Das Einzige, was den Einheimischen aufregt: Dass Journalisten am Kriegsschauplatz fehlen. Daher rühre es, dass die Weltöffentlichkeit die Ereignisse in Libyen nicht durchschaue.

    Ob Haftar mit seinem Vormarsch letztlich erfolgreich sein wird, scheint für die Menschen in Libyen nebensächlich zu sein: „Ich hoffe nur, dass die Zivilbevölkerung bei den Kämpfen um Tripolis so wenig wie möglich leidet“, sagt Mahmud.

    In den ersten Tagen der Offensive hatte Haftar das Glück auf seiner Seite. Während die Einheitsregierung unter dem Vorsitzenden Fayaz al-Sarraj hastig ihre Kräfte mobilisierte, eroberten die Aufständischen den West- und Südteil der libyschen Hauptstadt. Am heftigsten umkämpft war der Flughafen von Tripolis: Die ganze Woche über fiel das strategisch wichtige Objekt mal der einen, mal der anderen Seite zu.

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    Erst seit aus Misrata, Libyens drittgrößter Stadt, bewaffnete Einheiten zur Unterstützung der Regierungstruppen gekommen sind, ändert sich die Lage allmählich zugunsten der Einheitsregierung. Auch beteiligt sich die islamistische Libya Shield Force an den Kämpfen – eine Organisation, die acht Jahre lang für den Sturz von Gaddafi kämpfte. Kampfflugzeuge wurden eingesetzt, die Haftar-Armee ist hinter die Stadtgrenze zurückgeworfen worden.

    Dass sich einst verfeindete Gruppen zur Unterstützung der Einheitsregierung zusammentun, ist naheliegend: Niemand will „Gaddafis Doppelgänger“ – so wird Haftar von vielen genannt – an der Macht sehen. Für den General kommt die Konsolidierung der zersplitterten Gruppen offenbar überraschend: Haftar versucht, einen neuen Plan auszuarbeiten, und macht sich bereit zu einer weiteren Offensive – gegen die Stadt Sirte.

    Sirte ist die nächstgrößere Stadt östlich von Misrata. „Haftar rechnet damit, durch einen Angriff auf die Stadt die Kräfte aus Misrata von Tripolis abzulenken, um dann von Neuem die Hauptstadt zu stürmen“, erklärt der Nahost-Experte Semjon Kirillow vom Zentrum für Islamforschung des Instituts für innovative Entwicklung. „Aber die Kräfte, die sich um Sarraj gruppiert haben, verfügen über ausreichende Ressourcen, um Haftars Offensive gegen Sirte zurückzuschlagen.“

    Erfolg haben könne Haftar nur, wenn er Hilfe von außen bekomme. „Haftars Hauptsponsoren sind die Vereinten Arabischen Emirate und Ägypten. Doch mit deren baldiger Unterstützung sollte der General besser nicht rechnen, angesichts der internationalen Aufrufe, die Kämpfe in Libyen einzustellen“, so der Experte.

    Der Analyst bezweifelt auch, dass es Haftar gelingen könnte, seine Gegner für sich zu gewinnen. „Vorher waren die vielen politisch-militärischen Splittergruppen nur innerhalb ihrer Gebiete mächtig. Doch seit sie Sarraj im Kampf gegen Haftar unterstützen, nimmt ihre Bedeutung auch in Tripolis zu.“

    „Gaddafis Doppelgänger“

    Seit es die Doppelherrschaft in Libyen gibt – seit drei Jahren also –, zieht man immer wieder Parallelen zwischen dem einflussreichen General Haftar und Muammar al-Gaddafi, dem ehemaligen Anführer der Dschamahirija. Eine Ähnlichkeit zwischen den beiden, die vielen Libyern auffällt, ist der ungebändigte Wille zur Macht: Nicht nur, dass Haftar wie Gaddafi bereit ist, über Leichen zu gehen, um die Macht zu erlangen – er setzt dabei das ganze Land aufs Spiel.

    Inzwischen stellen viele Libyer fest, dass sogar Haftars Reden immer mehr jenen des ehemaligen libyschen Anführers gleichen: „Es ist Zeit, entschlossen zu handeln“, „Unsere braven Helden“, „Siegreicher Vormarsch“ – das sind Ausdrücke, die auch Gaddafi bei seinen Auftritten verwendet habe, als er zum Widerstand gegen seine Gegner aufrief, sagt der libysche Politologe Mustafa Fetouri im Sputnik-Gespräch.

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    Beide Männer waren ein langes Stück des Wegs zusammen gegangen. Beide studierten an der Militärakademie in Bengasi, beide betrieben danach den Sturz von König Idris 1969. Als Haftar im bewaffneten Konflikt zwischen Libyen und Tschad um einen wichtigen Grenzabschnitt in Gefangenschaft geriet, war es mit der Männerfreundschaft aber vorbei.

    Haftar erklärte Gaddafi zum Verräter und kehrte Libyen den Rücken. Über 20 Jahre lebte er in den USA. In seine Heimat kehrte er erst 2011 zurück, als im Nahen Osten der „Arabische Frühling“ ausgebrochen war. Der General war von Anfang an eine Schlüsselpersönlichkeit im Kampf gegen Gaddafi.

    Ähnlichkeiten zwischen Haftar und Gaddafi stellen Beobachter auch bei internationalen Begegnungen fest. Man schaue sich etwa an, wie das Treffen zwischen dem libyschen General und dem Generalsekretär der Vereinten Nationen letzte Woche verlaufen ist: Haftar saß in einem Sessel an einem herrlichen Schreibtisch, Antonio Guterres musste auf einem unbequemen Stuhl Platz nehmen – als sei er ein dem General gegenüber rechenschaftspflichtiger Bediensteter. „Enttäuschend“ – so bezeichnete der UN-Generalsekretär denn auch das Ergebnis der Gespräche.

    Anders, aber nicht weniger anmaßend, verhielt sich Haftar gegenüber Jacque Chirac. Mitten beim Treffen mit dem ehemaligen französischen Präsidenten, das in einem Zelt stattfand, forderte Haftar (damals noch Oberst) seine Diener dazu auf, das Zelt zu reinigen. „Die Putzaktion dauerte lange, der Staub stand meterhoch. Auf die Aufforderungen, mit dem Staubfegen aufzuhören, reagierten die Diener nicht. Sie hörten erst auf, nachdem Haftar es ihnen befohlen hatte“, erzählte später ein Mitglied der französischen Delegation.

    Haftars Versuche, Gaddafi nachzueifern, seien eher ein Ausdruck von Schwäche als von Stärke, sagt Nahost-Experte Andrej Tschuprygin. Das Bild von Haftar als dem starken Mann sei auch ein Produkt der Medien, betont der Experte. „Was man über Haftar schreibt, sind großteils ungeprüfte, unrecherchierte Informationen, die von Haftar-Leuten verbreitet werden. Es ist gar nicht sicher, dass Haftar und Gaddafi wirklich gute Freunde waren. Aber Haftar profitiert von dieser Legende, um als starker Mann dazustehen.“

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    Vor diesem Hintergrund sei auch der Vormarsch gegen Tripolis zu sehen: „Entweder alles gewinnen oder alles verlieren. Haftar setzt alles aufs Spiel. Wahrscheinlich hat er einfach Angst, das Rennen um die Präsidentschaft zu verlieren“, sagt Nahost-Experte Tschuprygin.

    Das Einzige, das Haftar mit Gaddafi gemeinsam hat, ist die politische Gesinnung: „Beide waren von Anfang an arabische Nationalisten und Anhänger einer Militärdiktatur. Aber Haftar wird dem sicherlich nicht zustimmen, dass er Gaddafi ähnlich sei“, sagt der Islamexperte Kirillow.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Macht, Krieg, Khalifa Haftar, Muammar al-Gaddafi, Tripolis, Libyen