22:55 20 November 2019
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    Nato-Gipfel in Brüssel (Archivbild)

    „Hier sind Sie falsch“: Als die Sowjetunion der Nato beitreten wollte

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    Bis 1991 war der größte potentielle Gegner der Nato, die vor kurzem ihren 70. Geburtstag feierte, der Warschauer Pakt mit der Sowjetunion an der Spitze. Allerdings hätten sich die damaligen Opponenten zuvor sogar zusammenschließen können – vor 65 Jahren, am 7. Mai 1954, schlug die Sowjetunion ihren Beitritt zur Nato vor.

    Moskaus Angebot wurde jedoch abgelehnt. Warum die sowjetische Führung damals diesen beispiellosen Schritt machte – das lesen sie in diesem Artikel.

    Versuch der Versöhnung

    Die Nato, die im April 1949 von zwölf Ländern gegründet wurde, wurde als Mittel der kollektiven Selbstverteidigung gegen einen möglichen Aggressor, vor allem die Sowjetunion, ins Leben gerufen. Die sowjetische Führung versuchte, der Nato-Erweiterung Widerstand zu leisten. Damals gelang es Moskau mit wirtschaftlichen und diplomatischen Methoden, Schweden, Norwegen und Finnland vom Nato-Beitritt abzubringen.

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    In der Sowjetunion galt die Nato nicht als Verteidigungsallianz, sondern als aggressives Militärbündnis. Die Sowjetunion war das einzige Land der Anti-Hitler-Koalition außerhalb der Nato. Moskau beharrte darauf, dass die Allianz als Verteidigungsbündnis gelten könne, wenn sie die Sowjetunion aufnehmen würde. Im März 1954 schickte der Kreml einen offiziellen Beitrittsantrag.

    „In diesem Fall wäre die Nato keine geschlossene Vereinigung von Staaten mehr. Sie wäre offen für andere europäische Länder, was zusammen mit der Schaffung eines effektiven Systems der kollektiven Sicherheit in Europa eine wichtige Stütze zur Stärkung des allgemeinen Friedens sein würde. Die sowjetische Regierung geht davon aus, dass die Lösung der in diesem Zusammenhang entstehenden Fragen zur Zufriedenheit aller interessierten Länder erreicht werden kann und bei der Schaffung eines stabileren Friedens und größerer Sicherheit für alle Völker helfen wird“. Anderthalb Monate später, am 7. Mai 1954, wurde die offizielle Ablehnung des sowjetischen Antrags veröffentlicht. „Die Teilnehmer der Organisation haben ihre Verteidigungsmittel vereinigt, um gemeinsam die Sicherheit zu garantieren, die sie vor dem Hintergrund der Überlegenheit der Sowjetunion, die in Europa seit 1945 erreicht wurde, und der gen Westen gerichteten Expansion der politischen, wirtschaftlichen und militärischen Systeme, die ihrer alleinigen Kontrolle untergeordnet sind, nicht individuell sichern konnten. Die Organisation des Nordatlantikvertrags hat ausschließlich einen Verteidigungscharakter“, hieß es.

    Es wurde hervorgehoben, dass die Nato-Länder Informationen frei austauschen und alle Beschlüsse einstimmig getroffen würden. Die Sowjetunion hätte als Mitglied ein Veto gegen jeden Beschluss einlegen können, was das gemeinsame Verteidigungssystem bedrohen könnte.

    Diplomatischer Schachzug

    Laut dem Chefredakteur der Zeitschrift „Russia in Global Affairs“, Fjodor Lukjanow, wusste die sowjetische Führung damals sehr genau, dass der Antrag abgelehnt wird. „Das war eher ein propagandistischer Schachzug – wir demonstrierten guten Willen, und sie lehnten ihn ab“, so Lukjanow. „Man kann sich kaum vorstellen, dass jemand von den sowjetischen Führungsspitzen den Beitritt der Sowjetunion zur Nato, die auf bestimmten Prinzipien basierte, ernsthaft erwogen hat. Allerdings wollte Moskau zeigen, dass es nicht die Sowjetunion ist, die für die Spaltung der Welt ist, und man bereit ist, sich zusammenzuschließen, obwohl 1954 schon klar war, dass es der Höhepunkt des Kalten Krieges ist – das Ende des Koreakriegs“, so der Experte.

    Der Militärhistoriker Jewgeni Norin ist ähnlicher Meinung. „Niemand hatte vor, der Nato beizutreten. Die Idee bestand darin, die Organisatoren der Allianz in einen Zugzwang zu bringen, die ihren angeblichen Verteidigungscharakter sowie die Tatsache hervorhoben, dass sie angeblich nicht gegen die Sowjetunion und die Länder der Volksdemokratie gerichtet ist.“

    Wäre Moskaus Angebot angenommen worden, wäre die Sowjetunion der weltweit mächtigsten Militärallianz beigetreten und hätte die Möglichkeit bekommen, sie zu beeinflussen, so der Experte. 

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    „Die Nato wusste sehr genau, dass der sowjetische Vorschlag, wie man heute sagt, Trolling ist“, so Norin. Es folgte sogar eine grobe Antwort – „Die unrealistische Natur des Vorschlags verdient keine Erörterung“. Solche Initiativen der Sowjetunion waren vor allem darauf gerichtet, dass sich der Westen rechtfertigen musste.

    Ein Anlass findet sich immer

    Allerdings ist die Nato heute eine der einflussreichsten internationalen Strukturen. Die Sowjetunion und den Warschauer Pakt gibt es bereits seit langer Zeit nicht mehr, doch die Allianz erweitert sich weiter. Derzeit besteht sie aus 29 Mitgliedern. Der Beitritt Nordmazedoniens gilt als beschlossen. Auch die Ukraine und Georgien streben eine Nato-Mitgliedschaft an. Am aktivsten wurde die Nato nach dem Kalten Krieg erweitert – von 1999 bis 2017 wurden 13 neue Mitgliedsstaaten aufgenommen.

    Die Notwendigkeit der Nato wurde in der postsowjetischen Ära mit der Aufrechterhaltung der Demokratie und Stabilität in Mittel- und Osteuropa erklärt. 1999 führte das zu Bombenangriffen auf Jugoslawien. Die Militäroperation, bei der auch friedliche Zivilisten getötet wurden, dauerte 78 Tage. Tausende Opfer, zerstörte Infrastruktur – Jugoslawien wurde als Staat aufgelöst.

    Wer ist demnächst an der Reihe? Mal sehen. Die Nato nähert sich derweil direkt den westlichen Grenzen Russlands an. Bequeme Aufmarschgebiete wurden im Baltikum eingerichtet. In Polen ist eine starke Angriffsgruppierung stationiert. In Rumänien wurden Raketenabwehrsysteme installiert.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Beitritt, Allianz, NATO, Nordmazedonien, Sowjetunion, Ukraine