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07:01 18 Juli 2019
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    AKW Barsbek in Schweden (Archivbild)

    Russisch-deutsche Firma koppelt Schweden von Billigstrom ab – Deutsche und Briten als Nächste dran

    CC BY-SA 4.0 / Bengt Oberger / Barsebäcks kärnkraftverk, sett från Barsebäckshamn (cropped a photo)
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    Boris Marzinkewitsch
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    Europa verabschiedet sich allmählich von der Kernenergie. Das bedeutet in den kommenden Jahren und sogar Jahrzehnten die Demontage von alten AKW‘s und der Aufbau von Dekontaminationsanlagen. Dabei stellt sich heraus, dass bei dem Thema AKW-Stilllegung gerade einem russisch-deutschen Unternehmen dicke Aufträge aus ganz Europa winken.

    Im 29. April sind in Schweden die Ergebnisse der Ausschreibung für die Demontage von zwei Reaktorbehältern des ersten und zweiten Energieblocks des AKW Oskarshamn und zwei Reaktoren im AKW Barsbek bekannt gegeben worden. Dabei handelt es sich nicht um die erste solche Ausschreibung. Im Januar 2019 schloss General Electric Hitachi die Demontage der inneren Anlagen der Reaktoren des AKW Oskarshamn ab. Somit wird der Gewinner der aktuellen Ausschreibung das Begonnene fortsetzen. Schauen wir uns die Atomprojekte in Schweden und den Energiesektor des Landes einmal etwas genauer an.

    Schweden ist das fünftgrößte Land in Europa, doch die Einwohnerzahl ist kleiner als die von Moskau – nur zehn Millionen. Ein großes und dünn besiedeltes Land, wo Geologen nicht ausreichend Kohle, Öl und Gas fanden. Dennoch versteht die Natur, was Ironie des Schicksals ist. In Schweden gibt es einige Uranerzvorkommen. Angesichts dessen  ist die Atomenergie durchaus ein Thema. Doch die Schweden luden nicht die Big Player beim Bau von Kernkraftwerken ein. AB Atomenergy entwickelte eigene Projekte zum Bau von Energieblöcken mit Heißwasserreaktoren. Heutzutage gelten diese Anlagen nicht als die sichersten, doch der Bau dauerte von 1964 bis 1980. Es war die romantische Zeit der Atomphysik, als Spezialisten die Risiken des Atoms noch nicht völlig begriffen hatten. Im Laufe von 16 Jahren baute Schweden fünf Kernkraftwerke, die insgesamt 15 Reaktoren betreiben. Damit belegte Schweden Platz zwei nach der Zahl der AKW in Europa – die Kernkraftwerke sicherten 40 Prozent der gesamten Stromenergie des Landes. Das reichte aus, weil der Rest vorwiegend auf die Wasserkraftwerke entfiel. Wasserkraftwerke und AKW sind Stromkraftwerke, wo nichts verbrannt wird und keine Wärme ausgestoßen wird. Schweden gilt also zu Recht als eines der „grünsten“ Länder der Welt.

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    Allerdings gibt es auch Ausnahmen von dieser Regel. Im Süden des Landes, wo es kaum Flüsse gibt, funktioniert bis heute nahe der Stadt Karlshamn das gleichnamige Heizkraftwerk, wo Heizöl verbrannt wird. Sonnen- und Windkraftwerke, die so trendig und umweltfreundlich sind, können den Bedarf des Landes nicht decken. Schweden ist nicht Spanien oder Portugal, der Winter im hohen Norden ist ziemlich hart.

    Zurück zu den schwedischen Atomprojekten. Ihr Schicksal zeigt anschaulich, was in den Köpfen der Europäer vor sich geht. Bis Ende der 1970er-Jahre waren die Schweden zu Recht stolz auf die eigenen Erfolge in der Atomenergie – Reaktoren aus eigener Konstruktion, saubere Luft und viel Elektroergie. Doch 1979 kam es zum ersten von drei großen AKW-Unfällen – im US-amerikanischen Kernkraftwerk Three Mile Island in Pennsylvania. 1980 wurde bei einem Referendum in Schweden ein allmählicher Verzicht auf die Atomenergie beschlossen. Die begonnenen Bauarbeiten wurden zwar abgeschlossen. Weitere Kernkraftwerke wurden jedoch nicht gebaut. Radioaktives Cäsium, das 1986 aus Tschernobyl nach Schweden gebracht wurde, verschärfte die Stimmung gegen die Atomindustrie. 2005 wurden beide Reaktoren des AKW von Barsbek vom Netz genommen. Berechnungen zeigten, dass selbst der Bau von Dämmen in allen schwedischen Flüssen nicht ausreichen würde, um den Bedarf der Bevölkerung und der Industrie zu decken. Grüne Politik ist in Nordeuropa seit vielen Jahren populär. Die Schweden lehnen es ab, Gas- und Kohlekraftwerke zu bauen.  2010 hob das Parlament in Stockholm das Gesetz aus dem Jahr 1980 auf. Die Schweden reaktivierten das Programm zum AKW-Bau, selbst die Havarie im AKW Fukushima änderte nichts daran.

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    Mittlerweile sind zehn Jahre vergangen, es gibt aber keine neuen Kernkraftwerke in Schweden. Der Grund ist, dass die Grünen seit 2014 mitregieren. Für AKW-Besitzer wurde eine Umweltsteuer in Höhe von 33 Prozent vom Selbstkostenpreis der herzustellenden Energie eingeführt. Das machte diese Reaktoren-Generation unrentabel. Deshalb begann Schweden damit, überall Strom zu kaufen, darunter von Estland.

    Zur Eroberung des neuen Marktes drückten die ausländischen Lieferanten massiv die Preise. Uniper musste deshalb 2015 gleich zwei Energieblöcke des AKW Oskarshamn schließen. Wie die schwedische Regierung einen Ausweg aus dieser Situation finden will, ist unklar. GE Hitachi begann bereits 2017 mit der Demontage des Reaktors. 2019 erklärte Estland, dass es laut Forderung der EU-Kommission einen Teil der Heizkraftwerke in Narva schließen muss, wodurch das Land 25 Prozent seiner Kapazitäten verliert. Das ist erst der Beginn. Auch dieser Energielieferkanal wird für Schweden gesperrt.

    Die Demontage der inneren Anlagen der Energieblöcke der schwedischen AKWs war erst die erste Etappe. Jetzt sollen die Reaktorbehälter selbst demontiert werden. Die deutschen Firmen Uniper Anlagenservice und Nukem Technologies wurden damit beauftragt. Beide Unternehmen sind anerkannte Branchenriesen. Nukem Technologies mit Firmensitz in Bayern befasste sich mit der Stilllegung von Kernkraftwerken in Deutschland und Frankreich, eines Forschungsreaktors und Brennstofffabrik in Deutschland, befasste sich mit Objekten in Spanien, China, Südafrika, Bulgarien und Tschechien. Die Firma baute Speicher für radioaktive Abfälle in Tschernobyl, befasste sich mit der Stilllegung des AKW Ingalina in Litauen.

    Seit 2010 gehört Nukem Technologies zu 100 Prozent der russischen Staatskorporation Rosatom. Bei diesem Deal bekam Russland die Möglichkeit, in gewisser Weise Sanktionen zu umgehen. Deutsche Spezialisten haben nun dafür Zugang zu den Kapazitäten zum Bau von einzigartiger technischer Ausrüstung erhalten.

    Nukem Technologies hatte nach dem Gewinn jeder weiteren Ausschreibung mit ein und demselben Problem zu tun – nach der Ausarbeitung des Entwurfs zur Demontage des Nuklearobjekts musste es nach Herstellern suchen, welche die notwendigen Anlagen bauen können – keine Serien- sondern Einzelstücke. Das nahm Zeit in Anspruch; fehlende Erfahrung und Qualifikation der Auftragnehmer führten beinahe zur Torpedierung der Verträge. Nun müssen die deutschen Ingenieure nicht mehr nach Herstellern für die Anlagen suchen, denn die russische Atomindustrie kann jede Aufgabe meistern.

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    Natürlich wissen die Schweden, wem Nukem Technologies gehört, doch der russische Background der Firma stört dabei nicht. Antirussische Stimmungen und andere Sanktionen sind eine Sache. Die Notwendigkeit, die Arbeit mit einem radioaktiven Objekt möglichst sicher zu gestalten, ist eine ganz andere Sache.

    Für Russland und Rosatom ist der schwedische Vertrag von großer Bedeutung – der europäische Markt für die Stilllegung von Atomenergieanlagen wird auf einige hundert Milliarden Euro geschätzt. Mehrere Länder beschlossen den Abbau der Kernkraftwerke – Deutschland, Spanien, Schweiz, Großbritannien. Eine gute Gelegenheit für die russische Atombranche, profitable Aufträge zu ergattern.

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    Tags:
    Atomenergie, AKW, Großbritannien, Strom, Schweden, Deutschland, Russland