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    Demokratie in Bedrängnis: YouTube-Video entlarvt Politik und Medien

    © AP Photo / Michael Sohn
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    „Die Zerstörung der CDU“ – Deutschland diskutiert über das Video des YouTubers Rezo. Der Clip hat mittlerweile weit über sieben Millionen Klicks erreicht. Der Inhalt ist nicht neu, aber Rezo legt den Finger tief in eine gesellschaftliche und politische Wunde - mehr als ihm vielleicht selbst bewusst ist. Das Video entlarvt dabei nicht nur die CDU.

    Haben Sie sich das rund 55-minütige Video des YouTubers Rezo schon angesehen? Nicht? Vielleicht sollten Sie es tun. Nicht, weil der Inhalt des Clips mit dem Titel „Die Zerstörung der CDU“ bahnbrechende neue Informationen enthält. Auch nicht, um einfach nur mitreden zu können. Sondern, weil das Video gleich mehrere erstaunliche Reaktionen hervorgerufen hat: Es hinterlässt eine peinlichst überrumpelte CDU, eine gespaltene Medienlandschaft und nicht zuletzt die Einsicht, dass das politische System in Deutschland einen entscheidenden Fehler hat.

    Worum geht’s?

    Doch von vorne: Der YouTuber Rezo ist nicht unbedingt für politische Statements bekannt. Seine bisherigen Videos drehen sich thematisch zum Beispiel um peinliche Kinderfotos, Wasserschlachten oder Internet-Trends. Die Zielgruppe: Ein Publikum im Alter zwischen Teenager und End-Zwanziger. Und genau deshalb ist das neue Video, in dem sich der 26-Jährige mit der Bundespolitik auseinandersetzt, so bemerkenswert. Mit schnellem Sprechtempo erklärt Rezo das Versagen der CDU in Sozial-, Klima- und Rüstungspolitik und er erreicht damit eine Zielgruppe, an der diese Thematik sonst wohl vorbeigegangen wäre.

    Ich weiß, ich weiß …

    Natürlich ist es nicht neu, dass beispielsweise die Schere zwischen Arm und Reich in Deutschland weiter auseinander driftet. Ebenso ist bekannt, dass die Bundesregierung sich von den USA ihren außenpolitischen Kurs vorgeben lässt und dass von der US Air Base im deutschen Ramstein völkerrechtswidrige Drohnenangriffe gesteuert werden. Und spätestens seit der Unterstützung nahezu aller Klimaforscher für die „Fridays for Future“-Proteste weiß der informierte Bürger um die katastrophale Auswirkung des Klimawandels. Doch die Politisierung des YouTubers Rezo ist auch ein Zeichen einer zunehmenden Politisierung der Jugend.

    Und wie reagiert die CDU auf die Vorwürfe in dem Video? Die Partei spricht von einer einseitigen Darstellung, reißerischen Fake News und Populismus. Hinter den Kulissen wurde eilig der 26-jährige CDU-Abgeordnete Philipp Amthor ins Konrad-Adenauer-Haus zitiert, er sollte ein Video mit einer Gegendarstellung drehen – ohne Krawatte und ebenfalls für eine jugendliche Klientel. Kurz vor der Veröffentlichung zog die CDU-Spitze jedoch die Notbremse. Stattdessen soll der 33-jährige CDU-Generalsekretär Paul Ziemiak die Situation retten. Und hier zeigt sich einmal mehr, dass für die Union das Internet weiterhin mysteriöses Neuland ist: Während das Rezo-Video immer mehr und mehr Klicks sammelt, veröffentlicht die CDU-Spitze ein 11-seitiges PDF-Dokument mit dem Titel „Offene Antwort an Rezo – Wie wir die Sache sehen“. Eine medial schlechtere Entscheidung hätte eine Partei kaum treffen können.

    Unterwegs im „Neuland“

    Zusätzlich erklärte Ziemiak, er habe den YouTuber eingeladen, um über die Inhalte der Kritik zu diskutieren. Man wolle keine „Video-Schlacht“, sondern einen persönlichen Austausch. Und während sich also Ziemiak und Amthor mit Rezo im stillen Kämmerlein über Politik unterhalten wollen, gewinnt das besagte YouTube-Video weitere Millionen von Klicks. Wer genau berät die Union eigentlich in Sachen Social Media? Dabei hat die CDU ein schon lange bekanntes Problem: Bei der Europawahl 2014 ist die Partei bei den unter 18-Jährigen noch auf eine Zustimmung von 24 Prozent gekommen, aktuell sind es in Umfragen noch rund 12,7 Prozent. Die Veröffentlichung eines PDF-Dokuments wirkt dabei so unbeholfen, wie die Politik der Partei in Sachen Klima und Soziales.

    Und die deutsche Presse? Fast jedes „Leitmedium“ hat als Reaktion auf das YouTube-Video mittlerweile seinen Senf dazugegeben. Erwartungsgemäß scheiden sich die Geister: Wirtschaftsnahe Medien, wie die „FAZ“, springen der CDU zur Seite und diskreditieren Rezo als „uninformiert“ und „populistisch“. Der „Spiegel“ und weitere Blätter versuchen sich an einem Faktencheck und kommen zu dem Ergebnis: Ja, Rezo polarisiert und überspitzt, aber im Kern hat er bei wichtigen Punkten Recht. Nur wenige Medien schaffen es aber, das eigentliche Problem anzusprechen: Wenn Rezo Recht hat und wenn die Politik der Bundesregierung auch nur ansatzweise so inkompetent ist, wie in dem Video beschrieben, in welche Zukunft steuert Deutschland dann eigentlich?

    Die Frage ist: Was nun?

    Ein positives Beispiel liefert hier die „Rheinische Post“. Zwar macht das in der bürgerlichen Mitte verankerte Blatt in seiner Freitagsausgabe ebenfalls darauf aufmerksam, dass all die politischen Probleme nicht neu sind. Doch die Autoren erkennen, dass in dem Video eine entscheidende Passage fehlt: Die Antwort auf die Frage „Was nun?“. Denn was sind die Konsequenzen, wenn Rezo in seinem Clip alle Zuschauer auffordert, mit Eltern und Großeltern über die Klimakatastrophe zu sprechen? Wenn er sagt, dass „wir zu 100 Prozent“ an dem fortschreitenden Klimawandel schuld sind? Die Folge kann dann nur sein, dass „wir“ in unserem Leben etwas verändern müssten, ob bei Flugreisen oder Fleischkonsum, ob bei Verbrennungsmotor oder Umweltschutz. Das verschweigt Rezo leider, doch es wäre die logische Konsequenz. 

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    Das Demokratieverständnis …

    Und hier kommen wir zum größten Problem. Die Stärke unseres demokratischen Systems in Deutschland ist zugleich auch seine größte Schwäche: Kurzfristige Probleme können mit Wahlen beeinflusst oder sogar behoben werden. So etwa soziale Ungleichheit in Deutschland, bei deren Behebung andere Parteien sicher bessere Lösungen im Repertoire haben als CDU und CSU. Aber langfristige Probleme, wie klimabedingte Wetterextreme und damit verbundene drohende Flüchtlingsbewegungen in dreistelliger Millionenhöhe lassen sich nicht von heute auf morgen lösen. Hier bräuchte es gesetzliche Regulierungen und – ja – auch Verbote. Diese würden Einschnitte in das Leben aller Bürger bedeuten und sind deshalb politisch äußerst unattraktiv. Schließlich will man ja auch die nächste Wahl gewinnen.  

    Was also machen die regierenden Parteien? Sie machen so weiter, wie bisher. Zugegeben, es gibt Schönheitskorrekturen und ambitionierte Zielsetzungen. Vor allem letztere werden aber immer wieder selbst gebrochen. Dabei spielt natürlich auch die Hörigkeit zur Wirtschaft immer eine Rolle: Automobilkonzerne und Energieriesen haben einen immensen Einfluss im politischen Berlin und in den deutschen Landtagen. Auch ihnen wollen die Regierenden lieber keine allzu großen Vorschriften machen. Schließlich könnten Massenentlassungen drohen. Dass aber 80.000 Arbeitsplätze in der zukunftsträchtigen Solarindustrie abgebaut wurden und mit Milliarden-Subventionen 20.000 Arbeitsplätze in der nicht mehr rentablen Kohleindustrie erhalten werden, verschweigt man gerne. Solarfirmen haben wohl eine schlechtere Lobbyarbeit als beispielsweise RWE.

    Nur mal so …

    Lösungen gäbe es viele, doch die Politik ist mutlos und verängstigt. Niemand verlangt, dass von heute auf morgen alle Autos von deutschen Straßen verschwinden sollen – nicht einmal die Grünen. Aber ein kostenloser Nahverkehr könnte die Mobilität revolutionieren. Eine CO2-Steuer würde nicht zwangsweise zu höheren Energiepreisen führen, sondern eher zur Entwicklung alternativer Energien. Fossile Brennstoffe haben ausgedient, aber dann darf auch nicht jeder Kleingärtner gegen ein nahes Windrad Klage einreichen. Und ist es ein Zusammenbruch der westlichen Wertegemeinschaft, wenn nicht jeden Tag billig produziertes Fleisch auf dem Teller landet? Wohl kaum.  

    Ja, in der Politik gibt es keine einfachen Lösungen. Und die von mir soeben genannten Ideen ziehen ebenfalls natürlich auch Nachteile und Konsequenzen mit sich. Aber ist es nicht der Job einer Regierung, zum Wohle des Volkes zu handeln? Und damit ist nicht nur das Wohl des geneigten Wählers gemeint, sondern auch das Wohl der nächsten und übernächsten Generation.

    Die Kehrseite …

    Ich weiß, einige Leser werden nun verärgert in der Tasche die Faust ballen und sich im Kopf bereits entrüstete Satzkonstruktionen für die Kommentarspalten zurechtlegen. „Verbote? Ich lasse mir in meinem Privatleben nichts verbieten!“ Ja, diese Denkweise ist legitim. Und ich verrate Ihnen ein Geheimnis: Ich fahre jeden Morgen mit dem Auto zur Arbeit. Aber tatsächlich wäre eine tägliche Bahnfahrt teurer. Deshalb: Kein Verbot ohne Alternative. Politische Innovationen sind gefragt, keine konservativen Entrüstungskapriolen, wie sie seitens der CDU nach der Veröffentlichung des YouTube-Videos zu hören sind.

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    Richtungswechsel?

    Was ist also das Fazit: Das Video von Rezo kommt zur richtigen Zeit. Vielleicht sogar ein paar Jahre zu spät, aber vor der Europawahl goldrichtig. Allerdings nur, wenn man dem Clip einen Faktencheck unterzieht und das ganze Thema weiterdenkt. Wie gesagt: Es gibt keine einfachen Antworten auf komplexe politische Fragen. Wer Ihnen das weißmachen möchte, präsentiert in der Regel die schlechtesten Lösungen. Aber weitermachen wie bisher ist keine Option. Weitblick statt Rückblick, Aufbruch statt Entrüstung. Gehen Sie mit diesem Gefühl zur nächsten Wahl. Ich werde es jedenfalls tun.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Fazit, Lobbyismus, Wahl, Ungleichheit, CSU, Demokratie, Philipp Amthor, Vorwürfe, Proteste, Youtube, Zerstörung, CDU, Deutschland