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04:48 22 August 2019
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    US-Kernkraftwerk in Goldsboro (Archiv)

    Darum haben die Amerikaner das „nukleare Rennen“ gegen Russland und China verloren - Kommentar

    © REUTERS / Carlo Allegri
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    Natalja Dembinskaja
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    In den USA geht die Zahl der Kernkraftwerke nachhaltig zurück. Im Kongress macht man sich Sorgen, denn Russland und China erschaffen gerade eine neue „Landschaft“ in der Atomenergie. Bis mindestens 2025 haben die Amerikaner keine Chance, ihren Rückstand wettzumachen.

    Den Perspektiven Washingtons in diesem strategisch wichtigen Bereich ist dieser Beitrag von Sputnik gewidmet.

    Massenhafte AKW-Schließung

    In den kommenden sieben Jahren sollen in den USA zwölf Atommeiler außer Betrieb gesetzt werden, deren gesamte Kapazität 11,7 Gigawatt erreicht. Das berichtete vor kurzem die Energy Information Administration (EIA) in Washington.

    Um diese Verluste aus alternativen Energiequellen auszugleichen, wären nahezu 36,5 Millionen Solarbatterien oder 5000 Windturbinen nötig, was jedoch völlig unrealistisch klingt.

    In den USA bleiben immer weniger AKW in Betrieb. 2014 wurde das Kraftwerk Vermont Yankee im Windham County abgeschaltet, 2017 das Kraftwerk Clinton am gleichnamigen Stausee. Im September 2018 wurde das älteste AKW in den ganzen Vereinigten Staaten geschlossen: Oyster Creek in New Jersey.

    Im Juni soll das AKW Pilgrim in Massachusetts außer Betrieb gesetzt werden, das insgesamt 43 Jahre funktionierte. Diese Entscheidung hatte der Betreiber, die Entergy Corporation, noch vor vier Jahren getroffen. Als Grund wurde die „finanzielle Lebensunfähigkeit“ des Projekts genannt. „Die Preissenkung für Erdgas trug zum Anstieg der zu erwartenden finanziellen Verluste des Unternehmens bei. Es wurde klar, dass der weitere Betrieb des AKW unrentabel wäre“, geht aus der Entergy-Mitteilung hervor.

    An der Reihe sind auch die Kraftwerke Palisades am Michigan-See, Indian Point unweit von New York und FitzPatrick am Ontariosee. Die Gründe sind dieselben: immer größere Konkurrenz seitens des Erdgases und alternativer Energien.

    Experten stellen fest: Das Abschalten vieler Kernkraftwerke binnen weniger Jahre ist ein klarer Beweis für Probleme in der Branche.

    Früher war alles anders

    Dass die amerikanische Atomenergie „großen Prüfungen“ ausgesetzt wird, hoben die Kongressmitglieder Mike Crapo und Sheldon Whitehouse hervor.

    „Wenn die USA ihre globale Führung in der Branche nicht wieder erobern, werden das andere tun. Auf Russland und China entfallen aktuell mehr als 60 Prozent der neuen Kernkraftwerke in der Welt. Angesichts des Problems Klimawandel, der geopolitischen Risiken und der Gefahren für unsere nationale Sicherheit können wir es unseren Konkurrenten nicht überlassen, die Landschaft der Atomenergie zu prägen“, betonten die Parlamentarier auf der Website des TV-Senders CNBC.

    Laut der EIA werden in den kommenden Jahren nur zwei Meiler des dritten und vierten Energieblocks des AKW Vogtle im Bundesstaat Georgia in Betrieb genommen: in den Jahren 2021 und 2022. Aber sie können nicht die bis 2025 geplante Außerbetriebnahme von zwölf Meilern ersetzen.

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    Die Amerikaner verbinden ihre Hoffnungen mit der nächsten Generation von Atomreaktoren sowie mit neuen Technologien in der Branche. Der Kongress hat bereits zwei Gesetzentwürfe gebilligt: über innovative Möglichkeiten der Atomenergie (NEICA) und über nukleare Innovationen und Modernisierung (NEIMA).

    Cparo und Whitehouse schlagen noch ein weiteres Dokument vor: über die Führung in der Branche. „Der Gesetzentwurf bestimmt zusätzliche Mechanismen zur Finanzierung der nächsten Welle von moderneren  Atommeilern und die Entwicklung einer nationalen Strategie auf diesem Gebiet. Diese Maßnahmen werden zu einem großen Sieg der amerikanischen Atomenergetik“, behaupten die beiden.

    Den Rückstand wieder aufholen

    Aber das Problem lässt sich nicht nur durch Verabschiedung von neuen Gesetzen lösen, denn westliche Unternehmen haben inzwischen die wichtigsten Kompetenzen beim Bau von Kernkraftwerken verloren. Davon zeugt ein noch in den 2000er-Jahren abgeschlossener Vertrag von Westinghouse über acht Meiler in China. Der Bau von vier Reaktoren begann praktisch zeitgleich in den Jahren 2009 und 2010, doch ihre Inbetriebnahme wurde wegen immer neuer technischer Probleme verschoben.

    Im Januar 2019 kam es zu Problemen mit den Hauptkühlwasserpumpen im Kraftwerk Sanmen, und die Amerikaner lieferten an China sechs zusätzliche Reservepumpen. Also können ihre Konstrukteure keine anderen Lösungen finden als den Ersatz der Pumpen anbieten, die eigentlich 60 Jahre lang problemlos funktionieren sollten.

    Dem zweiten führenden AKW-Bauer im Westen, der französischen Firma Areva, geht es nicht gerade besser. Das Unternehmen kann schon seit zehn Jahren den dritten Block des AKW Olkiluoto in Finnland nicht fertigbauen. Ursprünglich hätte er noch 2009 in Betrieb genommen werden sollen, doch die Fristen wurden zunächst auf 2013, dann auf 2015 und 2018 verschoben, wobei sich die Baukosten  verdreifacht haben – von drei auf neun Milliarden Euro. Für das Nichteinhalten der Fristen mussten die Franzosen eine Entschädigung von 450 Millionen Euro zahlen.

    Am Ende haben sich solche Länder wie Russland, China und Südkorea als größte AKW-Bauer der Welt etabliert.

    „Die Chinesen könnten rein wirtschaftlich attraktivere Abkommen bieten. Die Russen werden möglicherweise die Möglichkeit zur Lokalisierung der Lieferungen voranbringen sowie ein Programm zur umfassenden Ausbildung der Fachkräfte bieten. Andere Lieferanten sind nicht imstande, ein solches Basispaket von Dienstleistungen zu bieten, wie die Russen“, sagte Tim Yeo, früherer Vorsitzender des Sonderausschusses für Energetik und Klimawandel im britischen House of Commons und einer der führenden Experten für Atomenergie in der Welt, gegenüber der saudi-arabischen Online-Zeitung “Sabq”.

    Der russische Staatskonzern Rosatom ist der weltweit größte Hersteller von Atommeilern. Der Konzern betreibt 35 AKW in Russland, deren Gesamtkapazität 28 Gigawatt erreicht. In den letzten Jahren hat die Firma sechs Meiler in Indien, im Iran und in China gebaut. Weitere neun Reaktoren werden aktuell in der Türkei, in Weißrussland, Indien, Bangladesch und China errichtet.

    Im vorigen Jahr hat Rosatom mit dem Bau und der Wartung von Meilern 6,5 Milliarden US-Dollar verdient. Aktuell ist das Unternehmen am Bau von 36 Meilern in zwölf Ländern beteiligt.

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    Amerikaner haben Probleme

    Washington tut sein „Bestes“, um die russische Expansion zu behindern. Die US-Administration hat im März einen Plan gebilligt, dem zufolge das Zusammenwirken mit Ländern, die an der Atomenergie interessiert sind, schon in der frühen Phase ausgebaut werden sollte.

    Das US-Außenministerium will nämlich mit potenziellen Auftraggebern verhandeln, noch bevor diese an den Kauf eines Meilers gedacht haben. Und dadurch hoffen die Amerikaner, die globale Führung zu übernehmen.

    Aber selbst Beamte in Washington zweifeln daran, dass die aktuelle Konstellation auf dem internationalen Markt noch verändert werden könnte: Es ist immerhin sehr schwer, lukrative Verträge zu bekommen.

    „Wir haben ein riesiges Potenzial verloren. Einst kontrollierten wir 90 Prozent des globalen Marktes, und jetzt beläuft sich unser Anteil bestenfalls auf 20 Prozent“, stellte der Erste Vize-Energieminister, Ed McGinnis, fest. „Die meisten großen Deals für die kommenden 80 bis 100 Jahre, die im Ausland abgewickelt werden, gehören Unternehmen aus Russland, China und anderen Ländern.“

    Eine der wichtigsten „Schwachstellen“ der Amerikaner auf dem Gebiet Atomenergie ist ihre totale Abhängigkeit vom Uranimport. Nach Einschätzung des Ex-Energieministers Spencer Abraham wird das in diesem Jahr in den USA gewonnene Uran nicht einmal für einen Meiler reichen. Dabei bleiben in Amerika insgesamt 98 Reaktoren immer noch in Betrieb.

    Und mehr als 40 Prozent des nuklearen Brennstoffs, der für die US-Meiler nötig ist, werden aus Russland importiert.

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    Tags:
    Probleme, Energiequelle, Kraftwerk, US-Kongress, Chancen, China, Russland, USA