Widgets Magazine
18:49 22 Juli 2019
SNA Radio
    Bergarbeiter im Ural (Archivbild)

    Polen: Ohne russische Kohle geht es nicht

    © Sputnik / Pawel Lissizyn
    Kommentare
    Zum Kurzlink
    Natalja Dembinskaja
    331157

    Polen beschafft sich immer mehr russische Kohle, egal wie intensiv die antirussische Rhetorik auch ist. Selbst die Versuche, ein Embargo gegen Lieferungen zu verhängen, und auch die eigenen Bergwerke halfen nicht, den Import aus dem östlichen Nachbarland zu reduzieren.

    Warum Warschaus Abhängigkeit von russischen Rohstoffen nur größer wird, lesen Sie in in diesem Beitrag.

    Eigene Kohle reicht nicht aus

    Die EU-Länder reduzieren konsequent die Stromproduktion aus Kohle im Rahmen der Klimapolitik, weil dieser Rohstoff die größte Quelle von CO2-Ausstößen in die Atmosphäre ist. Polen, wo mehr als 80 Prozent des Stroms von Kohlekraftwerken erzeugt werden, ist da aber eine Ausnahme.

    Polen ist der größte Kohleproduzent in der ganzen Europa, aber mehr als die Hälfte der Kohleförderung entfällt auf die kalorienarme Braunkohle. 20 Prozent des Stroms liefert das Wärmekraftwerk Belhatow, das weltweit größte Wärmekraftwerk, das mit Braunkohle betrieben wird.

    Polens Bedarf an qualitätsvoller Kohle für die Energiewirtschaft wird immer größer, wobei die Förderung in den letzten Jahren stabil sinkt – durch dieSchließung von unrentablen Bergwerken.

    Die Behörden in Warschau haben in letzter Zeit mehr als 800 Millionen Dollar in die Branche investiert, aber die Kohleunternehmen konnten die Produktion nicht aufstocken.

    Deshalb müssen die vom Staat kontrollierten Energiekonzerne PGE und Tauron russische Kohle importieren. Im vorigen Jahr hat Tauron um 1,8 Millionen Tonnen Kohle weniger als geplant gefördert.

    Außer Konkurrenz

    Der frühere Vizepremier Janusz Steinhoff verkündete im April, dass in Polen aktuell keine neuen Bergwerke eröffnet werden, wobei die in Betrieb bleibenden Bergwerke die Förderung nicht erhöhen können.

    „Das bedeutet, dass der Kohleimport wachsen wird. Russland ist der größte Lieferant, und zwar aus verschiedenen Gründen: vor allem wegen des niedrigen Preises, der hohen Qualität des Rohstoffs und des minimalen Verkehrsaufwandes“, erläuterte er gegenüber der Ausgabe „BiznesAlert“.

    Steinhoff teilte mit, dass die Preise für die russische Kohle in Polen Ende April im Durchschnitt um acht Prozent gesunken seien. Wie die polnische Zeitung„Dziennik Gazeta Prawna“ schrieb, seien Verhandlungen der russischen Exporteure mit dem Staatskonzern „Russlands Eisenbahnen“ (RZD) über die Senkung der Beförderungstarife im Gange, „was die Konkurrenzfähigkeit der Kohle aus dem Osten auf unserem Markt noch weiter steigern wird“.

    >>>Andere Sputnik-Artikel: Russisch-deutsche Firma koppelt Schweden von Billigstrom ab – Deutsche und Briten als Nächste dran<<<

    Im vorigen Jahr hatte Polen 20 Millionen Tonnen Kohle importiert, darunter nahezu 13,5 Millionen Tonnen aus Russland.
    In Warschau wird schon seit geraumer Zeit von einer „gefährlichen Abhängigkeit“ von Moskau geredet. Die Partei „Recht und Gerechtigkeit“ hatte noch 2016 versucht, den Kohleimport aus Russland zu verbieten. Doch das war nicht so einfach zu bewerkstelligen.

    Denn erstens ist für Importbeschränkungen Brüssel zuständig und nicht die polnische Führung. Und zweitens mussten die Polen an die WTO-Normen denken, die Handelsembargos untersagen.
    Die Hauptsache ist aber, dass die russische Kohle die allerbeste nach dem Preis-Qualitäts-Verhältnis ist. Hinzu kommt auch die Schnelligkeit der Lieferungen: Aus Russland wird der Rohstoff nur zwei bis drei Wochen befördert, während Schiffe aus den USA, Südafrika oder Australien mindestens einen Monat lang unterwegs sind, wobei die Qualität des Rohstoffs manchmal fraglich ist. Von den Ausgaben für die Beförderung schon ganz zu schweigen.

    Gasfalle

    Warschau versucht, die russische Kohle durch Flüssiggas zu ersetzen. Im vorigen Jahr wurde beispielsweise ein 20-jähriger Vertrag mit dem US-Unternehmen Venture Global LNG abgeschlossen.

    Wie der Chef der polnischen Firma PGNiG, Piotr Wozniak, damals betonte, würde das Flüssiggas aus Übersee „um mehr als 20 Prozent preiswerter undnahezu um 30 Prozent billiger als das russische Gas“ sein.

    Aber die im Vertrag verankerten Zahlen bestätigen das nicht. So verpflichten sich die Polen, den Brennstoff unmittelbar bei den Betrieben von Venture Global in Louisiana zu kaufen. Das bedeutet, dass der Vertragspreis dem Verkaufspreis des Betriebs gleich ist, wobei aber die Kosten für die Beförderung und die Regasifizierung (Verwandlung des LNG in den Gaszustand) nicht berücksichtigt werden.

    Diese Ausgaben werden das amerikanische Flüssiggas allerdings um 30 Prozent teurer machen.

    Darüber hinaus bemüht sich Polen neben Dänemark um den Bau der Gasleitung Baltic Pipe aus Norwegen, die 2022 in Betrieb genommen werden sollte. Es gibt aber eine Nuance: Für Warschau wäre es günstiger, das norwegische Gas zu reexportieren als es in seinen Wärmekraftwerken zu verbrennen. Zumal der Umbau der Kohlekraftwerke ein teurer Spaß wäre.

    Deshalb bleibt Polen auch weiterhin ein aussichtsreicher Absatzmarkt für die russische Kohle-Industrie. Im April berichtete das Kusbass-Brennstoff-Unternehmen, es habe die Absicht, gemeinsam mit dem Konzern „Russlands Eisenbahnen“ im Gebiet Kaliningrad einen Komplex für den Kohleexport nach Polen zu bauen. Dafür wären etwa 147 Millionen Rubel (etwa zwei Millionen Euro nach dem aktuellen Wechselkurs) erforderlich. Planmäßig sollte der Betrieb schon in diesem Jahr seine Arbeit aufnehmen.

    Russlands Kohleexport steigt nachhaltig

    Im vorigen Jahr hat Russland einen neuen Rekord in seinem Kohleexport aufgestellt: mehr als 200 Millionen Tonnen laut dem stellvertretenden Energieminister Anatoli Janowski. Die unabhängige internationale Preisagentur Argus führte an, dass Russlands Anteil am europäischen Kohleimport im Jahr2018 auf 50 Prozent gestiegen sei.

    >>>Mehr zum Thema: Polen gerät in Abhängigkeit von russischer Kohle - Zeitung<<<

    Präsident Wladimir Putin hatte seinerseits die Aufgabe gestellt, den Kohleexport auf 50 Prozent aufzustocken. Es geht vor allem um Lieferungen nach China, Indien, in die Türkei und die Länder Südostasiens. Bis 2025 sollte der Anteil der russischen Kohle auf dem asiatischen Markt von den jetzigen 9,3 Prozent auf 20 Prozent steigen. Damit diese Zahl erreichbar wird, soll die Förderung bis 2025 auf 560 Millionen Tonnen und bis 2030 auf 590 Millionen Tonnen erhöht werden.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Facebook kommentierenvia Sputnik kommentieren