07:05 16 Juni 2019
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    Bauer liefern den sowjetischen Beamten Weizen ab, Gebiet Kiew, ca. 1930

    Petition an Bundestag: Moskaus „Genozid“ an Ukrainern, oder wie Tragödien missbraucht werden

    © Foto: Zentrales Staatsfilm- und Fotoarchiv der Ukraine/Gemeinfrei
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    Tamta Agumava
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    Holodomor. Ein Wort, das wie Holocaust klingt – und entsprechende Assoziationen wecken soll. Ein gezielter Völkermord an den Ukrainern, befohlen von Stalin – so sieht es die US-Historikerin Anne Applebaum. Wer anders denkt, läuft Gefahr, als Stalin-Apologet beschimpft zu werden. Die Debatte ist jetzt auch in Deutschland aufgeflammt.

    Im vergangenen April war das Buch „Roter Hunger. Stalins Krieg gegen die Ukraine“ von der US-Historikerin polnisch-jüdischer Herkunft und Pulitzer-Preisträgerin Anne Applebaum erstmals auf Deutsch erschienen. Mehrere deutsche Leitmedien warben aktiv für das Buch.

    Wie wenig die deutsche Presse den Inhalt des Buches zu hinterfragen versucht, wird allein aus den Überschriften klar. Hier nur einige davon: „Hunger war Stalins Mordwaffe gegen die Ukraine“ hieß der Beitrag des Welt-Korrespondenten Richard Herzinger. Herzinger lobt Applebaums Werk in höchsten Tönen und plädiert dafür, dass der Bundestag den Holodomor als das „exorbitante Verbrechen“ gegen die Ukraine anerkennt. „Verdrängtes Trauma: Stalins Hungerterror wirkt bis heute“ titelte seinerseits der „Spiegel“.

    Man fragt sich, wie gut diese Journalisten die Geschichte kennen und warum sie ohne jede Frage die Version von Frau Applebaum hinnehmen, die die Tragödie in der Ukraine klar über die der anderen sowjetischen Völker stellt.

    In Deutschland werden derweil Forderungen laut, die Hungersnot in der UdSSR der 1930er Jahre als Genozid an den Ukrainern anzuerkennen. Eine entsprechende Petition an den Bundestag hat bereits die notwendige Zahl an Unterschriften gesammelt.

    Wollte Stalin die Ukrainer denn tatsächlich millionenweise zu Tode hungern? Wozu brauchte er das? Ist die Historikerin Applebaum unbefangen oder versucht sie, historische Fakten der heutigen politischen Konjunktur anzupassen? Sputnik hat mit Historikern gesprochen, um herauszufinden, ob tatsächlich von einem Völkermord die Rede sein kann.

    Aber eines vorweg: Das Ziel dieses Artikels ist es keinesfalls, die Tragödie in der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik mit Millionen von Toten zu verharmlosen. Es geht vielmehr darum, zu zeigen, dass der Hungertod von Kasachen, Russen, Wolgadeutschen und anderen Völkern nicht weniger tragisch war und dass sich der Massenhunger in der Ukraine vom restlichen Hunger jener Zeit nicht für politische Zwecke trennen lässt.

    Applebaum vs. Kondraschin

    Worin sich Applebaum und der russische Historiker und führende Experte für den Massenhunger in der UdSSR, Viktor Kondraschin, einig sind: Die Hungersnot geht auf das Konto der sowjetischen Führung, sie war ein Verbrechen gegen das Volk.

    Doch während Kondraschin Stalins Agrarpolitik und konkret die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft und überhöhte Ernteziele für die Tragödie verantwortlich macht, erklärt Applebaum alles mit Stalins Wunsch, die „widerspenstigen“ Ukrainer zu „brechen“, um ihnen die Grundlage für ihre nationale Identität zu entziehen.

    Laut Kondraschin hatte sich der Massenhunger damals keine konkreten Völker ausgesucht.  Applebaum zufolge war der Hunger hingegen eine Waffe, die direkt gegen die Ukrainer gerichtet gewesen sei.

    Kondraschin ist Autor des Buches „Der Hunger der Jahre 1932 bis 1933: Die Tragödie des russischen Dorfs“. Applebaum erwähnt Kondraschins Werk in ihrem Buch als das wichtigste „Konternarrativ“ zu diesem Thema.

    Wo bleibt die Logik?

    Ach, hätte es damals in den anderen Sowjet-Republiken doch keinen Hunger gegeben! Das würde die Argumentation über einen Genozid an den Ukrainern so überzeugender machen.

    Dem einen oder anderen Verfechter der ukrainischen Völkermord-Theorie muss dieser Gedanke mindestens einmal im Leben in den Sinn gekommen sein. Denn die Tatsache, dass es Massenhunger mit Millionen von Toten auch in anderen Teilen der Sowjetunion gab, muss diesen Menschen wirklich ein Dorn im Auge sein.

    Es gibt ziemlich viele Fragen, die die ganze Genozid-Argumentation bröckeln lassen. Doch die wichtigste davon lautet: Wenn Stalin die UdSSR schnellstmöglich industrialisieren wollte, und zwar auf Kosten der Landwirtschaft, wie hätte ihm das gezielte Aushungern von Millionen von ukrainischen Bauern geholfen, die das meiste Korn lieferten?

    Ukraine als große Kornkammer

    Stalin wollte die Sowjetunion schnell von einem schwachen Agrarland in ein mächtiges Industrieland verwandeln. Und zwar im Zuge der berühmten Fünf-Jahr-Pläne, die meist vorzeitig erfüllt wurden.

    Die Industrialisierung musste aber irgendwie finanziert werden. Die Sowjetunion brauchte dringend westliche Währung, um die notwendige Ausrüstung zu beschaffen. Doch weil der Staat keine Währungsreserven hatte, musste er auf massive Getreideexporte setzen.

    Die globale Wirtschaftskrise vor dem Hintergrund der Großen Depression in den USA machte die Situation nicht besser. Die sinkenden Preise für Korn auf dem europäischen Markt führten dazu, dass die Exportmengen erhöht werden mussten, um die Verluste zu kompensieren. 

     „Die Geschichte kennt keine schmerzlosen Fälle des Zerfalls der Bauernzivilisation unter dem Druck der industriellen. Aber in der UdSSR war dieser Prozess besonders dramatisch und mit harten Folgen für das Schicksal von Millionen von sowjetischen Bauern in allen Ecken des Landes“, so Kondraschin gegenüber Sputnik.

    Was man über die Ukrainische Sozialistische Sowjetrepublik unbedingt wissen müsse: Das war die wichtigste Getreideanbauregion in der gesamten UdSSR, die größte „Kornkammer“, die das ganze Land ernährte und auf die der Großteil der Getreideexporte entfiel.

    Genau darin sieht Kondraschin die Ursache für den verheerenden Hunger in der Ukraine. Anfang der 1930er Jahre habe die sowjetische Republik überspitzte Ernteziele von der Kommunistischen Partei erhalten – 510 Millionen Pud (mehr als 8 Millionen Tonnen) Korn. Die Rekordernte von 1930 habe die sowjetische Führung in Euphorie versetzt. Sie habe damit gerechnet, dass die folgenden Jahre noch bessere Resultate bringen würden.

    Was die Sache aber noch schlimmer machte: Stanislaw Kossior, der Erste Sekretär der Kommunistischen Partei der Ukraine, stimmte diesem unrealistischen Plan ohne jeden Widerspruch zu – trotz des tobenden Hungers in den Dörfern.

    Der russische Historiker stellt klar, dass damals alle Getreideanbaugebiete der UdSSR und Kasachstan vom Massenhunger betroffen waren: die Ukraine, die Zentrale Schwarzerde-Region, der Nordkaukasus, Powolschje, der Südural, Westsibirien und Weißrussland.

    Die größte Opferzahl hatte es tatsächlich in der Ukraine gegeben – nach Angaben der Zentralen Statistischen Verwaltung der UdSSR und nach Berechnungen des australischen Professors Stephen Wheatcroft etwa 2,5 Millionen Tote. Applebaum spricht allerdings von 3,9 Millionen Hungertoten in der Ukraine.

    Wegen der Hungersnot wurde auch die kasachische Bevölkerung um ein Drittel reduziert, prozentual weitaus mehr als die ukrainische. In Kasachstan soll es nicht weniger als eine Million Tote gegeben haben. In der Russischen Sozialistischen Föderativen Sowjetrepublik (Kasachstan nicht mitgerechnet) sollen es 1,5 Millionen Tote gewesen sein.

    Kossior – Opfer oder Bösewicht?

    Während Kondraschin die Rolle Stalins und des damaligen Regierungschefs Wjatscheslaw Molotows im Massenhunger betont, macht er auch die örtliche ukrainische Führung für die Tragödie verantwortlich.

    So habe der Erste Sekretär der Kommunistischen Partei der Ukraine, Stanislaw Kossior, der sowjetischen Führung wiederholt widersprüchliche Angaben zur Lage in der Ukraine geliefert, so der Historiker. In seinen Briefen an Stalin habe er das Ausmaß der Hungersnot in der Ukraine entweder geleugnet, oder stark heruntergespielt.

    Auch Applebaum verweist in ihrem Buch auf diese Tatsache. Allerdings stellt sie Kossior eher als Opfer dar, das Todesangst vor dem Diktator hatte, denn als gewissenslosen Politiker. 

    In einem Brief an Stalin im April 1932 schrieb Kossior: „Wir haben einzelne Fälle und sogar einzelne hungernde Dörfer, doch das ist ein Ergebnis der örtlichen Schlamperei, Überspitzungen (…) Jegliche Worte über ,Hunger‘ in der Ukraine müssen kategorisch zurückgewiesen werden.“

    Vielsagend war die Reaktion Stalins auf dieses Schreiben: „Genosse Kossior! Nach den Unterlagen zu urteilen scheint es, als hätte die Sowjetmacht an manchen Stellen der Ukrainischen SSR aufgehört zu existieren. Soll das etwa stimmen? Ist es um die ukrainischen Dörfer denn so schlecht bestellt?“

    Und weiter: „Wo sind die Organe der GPU (Geheimpolizei – Anm. d. Red.), was machen sie? Vielleicht sollten sie diesen Fall prüfen und das Zentralkomitee der KPdSU über die ergriffenen Maßnahmen informieren.“

    Wiederholt unterließ es Kossior, so Kondraschin, Stalin die wahre Lage in den ukrainischen Dörfern zu vermitteln. Während die Oberhäupter anderer Sowjetrepubliken auf Missernten hinwiesen und Moskau um eine Senkung des Ernteplans baten, versicherte Kossior die Hauptstadt, die Ukraine könne ihren Plan, den er als „zweifellos realistisch“ bezeichnete, ohne „nennenswerte Opfer unter den Bauern“ umsetzen.

    „Diese Genossen werden die Ukraine ruinieren“

    Nicht alle Politiker jener Zeit waren aber so unterwürfig und unehrlich. Grigori Petrowski, der Vorsitzende des Allukrainischen Zentralen Exekutivkomitees, kritisierte in einem Brief an Stalin Kossior für dessen bedingungsloses Befolgen der Richtlinien aus Moskau und warf ihm vor, keine Einwände vorgebracht zu haben, bloß um das angepeilte Tempo des „sozialistischen Aufbaus“ zu bewahren.

    Stalin selbst betrachtete Kossior mit großer Skepsis. So äußerte er in einem Schreiben vom Juli 1932 an seinen engsten Vertrauten Lasar Kaganowitsch und Molotow den Wunsch, Kossior und den ukrainischen Regierungschef Wlas Tschubar zu entlassen. Sonst würden sie mit ihrem „verbrecherisch leichtsinnigen“ Umgang mit der Sache „die Ukraine vollends ruinieren“„Diese Genossen sind dem nicht gewachsen, die heutige Ukraine zu leiten.“

    Auch Applebaum zitiert diesen Brief, interpretiert ihn aber eher als Beweis, dass Stalin seine „untreuen“ Untertanen loswerden wollte. Doch Kossior, der Stalins Wünsche um jeden Preis in die Tat umsetzen wollte, weckt nicht den Eindruck eines untreuen Politikers.

    Stalin: „Wir können die Ukraine verlieren“

    Gibt es ein Dokument, das eindeutig belegt, dass Stalin den Massenhunger in der Ukraine befohlen hatte? Nein, sagt Kondraschin. Obwohl die Verfechter der Genozid-Theorie lange danach gesucht hätten.

    Sogar Applebaum gibt in ihrem Buch zu: „Stalin hat niemals ein Dokument geschrieben oder aufbewahrt, in dem der Hunger befohlen wird.“ 

    Allerdings werden Stalins Briefe an seine Vertrauten oft als Beweis vorgebracht. Eine besondere Stellung scheint Stalins Brief an seinen Vertrauten Kaganowitsch vom 11. August 1932 zu haben. Applebaum sowie der ukrainische Historiker Stanislaw Kultschizki betrachten ihn als eines der wichtigsten Argumente für Völkermord

     „Das Wichtigste ist jetzt die Ukraine. Die Lage in der Ukraine ist erbärmlich. Und zwar mit Blick auf die Partei-Linie (…) Wenn wir uns nicht daran machen, die Lage in der Ukraine zu regeln, können wir die Ukraine verlieren“, schrieb der sowjetische Führer damals.

    Was bedeutet hier dieses „wir werden die Ukraine verlieren“? In dem Brief zeigt sich Stalin über Polens mögliche Agenten in der Ukraine besorgt. Einen Einfluss aus dem verfeindeten Nachbarland wollte Stalin unbedingt verhindern. Auch Applebaum spricht in ihrem Buch von Stalins „Paranoia“ mit Blick auf Polen.

    Doch Stalins Besorgtheit über Polen bedeutete nicht, so der russische Historiker, dass er die Ukraine und insbesondere die ukrainischen Bauern „bestrafen“ gewollt habe. Im Gegenteil: In dem Brief fordert der sowjetische Staatschef, die Ukraine wirtschaftlich und politisch zu stärken:

    „(Es ist nötig), sich das Ziel zu setzen, die Ukraine in kürzester Zeit in eine echte Festung der UdSSR, in eine wahre Vorbild-Republik zu verwandeln. Kein Geld darf dafür gescheut werden.“ Besonders sollten laut Stalin die westlichen Grenzgebiete der Ukraine gestärkt werden.

    Das klingt erstmal nicht wirklich nach einem bevorstehenden Genozid. Doch alles kommt ja auf die Interpretation an. Für Applebaum und die Verfechter der Genozid-Theorie hat dieser Brief Stalins eine ominöse Botschaft. Sie ahnen in Stalins Worten geplante Schreckensmaßnahmen gegen die Ukrainer.

    Man muss sich hier die Frage stellen: Wenn Stalin die Ukraine stärken und sie in eine  „wahre Festung der UdSSR“ verwandeln wollte, um einen wahren oder vermeintlichen Einfluss aus Polen zu verhindern, was hätte ihm die gezielte Ermordung von ukrainischen Bauern genutzt?

    Hasste Stalin die Ukrainer?

    Lag alles vielleicht daran, dass Stalin eine abschätzende Einstellung gegenüber den Ukrainern hatte, wie Applebaum das behauptet?

    Es gibt aber keinerlei historischen Beweise, dass der sowjetische Führer die Ukrainer irgendwie verachtet habe, so Kondraschin. Nur in einem Brief an Molotow habe sich Stalin einmal über ukrainische Bauern beklagt, die durch den europäischen Teil der UdSSR zogen und „mit ihren Beschwerden die Kolchosen zerlegen“ würden. 

    Repressionen gegen Bauern

    Dass der sowjetische Staat damals wegen der rückgängigen Ernten brutal gegen die Bauern vorging, lässt sich nicht bestreiten. Überall wurden „Saboteure“ und „Kulaken-Agenten“ vermutet, die für den Rückgang verantwortlich gemacht wurden. Der Sündenbock wurde bei der „fünften Kolonne“ gesucht und hart bestraft.

    Um die Erfüllung der hohen Ernteziele zu forcieren, setzte eine spezielle Kommission unter Leitung von Wjatscheslaw Molotow auf Repressionen. Die sowjetischen Bauern wurden verdächtigt, Korn zu stehlen und zu verstecken. Massenhafte Durchsuchungen wurden durchgeführt, um die versteckten Lebensmittel zu beschlagnahmen.

    Zu einigen Maßnahmen gegen Landwirte gehörten langjährige Haftstrafen bis hin zu Todesstrafe sowie die auf Initiative der ukrainischen Führung verhängte Warenblockade, die von Molotow kontrolliert und umgesetzt wurde. Diese Blockade sah das Verbot des Verkaufs von Streichhölzern, Salz, Kerosin und anderen wichtigen Gegenständen in den Regionen vor, die für rückläufige Ernten bestraft werden sollten.

    Doch dies alles galt nicht nur für die Ukraine. Der russische Schriftsteller und Nobelpreisträger Michail Scholochow berichtete Stalin in einem Brief im Jahr 1932 über die unglaublichen Gräueltaten und Schikanen der Behörden gegen die Bauern. Scholochow lebte damals in der Staniza (Kosakensiedlung) Wjoschenskaja in der Oblast Rostow.

    Stalin antwortete auf Scholochows Brief. Die Verantwortlichen für diese Gräueltaten sollten natürlich bestraft werden, so der sowjetische Führer. Doch die Bauern seien gar nicht so unschuldig, wie man denken könne. Stalin warf ihnen vor, einen „leisen Krieg“ gegen die Sowjetmacht zu führen:  Sie seien bereit, die Arbeiter und die Rote Armee ohne Brot zu lassen. 

    Laut Kondraschin hatten Landwirte damals tatsächlich oft Getreide gestohlen. Doch sie hätten dies aus Verzweiflung getan, um sich irgendwie vor dem Hunger zu retten. Stalins Agrarpolitik habe den Erfolg der Industrialisierung gesichert, die Dorfbevölkerung des Landes aber zum Hungertod verurteilt.

    Wurde den Hungernden geholfen?

    In ihrem Buch kritisiert Applebaum, Stalin hätte die Getreideexporte der Sowjetunion stoppen können, um den hungernden Bauern zu helfen, habe dies aber nicht getan. Diese Behauptung ist laut Historikern falsch.

    Trotz den Repressionen gegen die Landwirtschaft gab es damals auch Versuche, den Hungernden zu helfen. Auch wenn diese Hilfe nicht ganz selbstlos war und oft viel zu spät kam, lässt sie sich nicht leugnen.  

    Im Jahr 1932 habe die sowjetische Regierung die Kornexporte drastisch gesenkt – von 5,2 Millionen Pud (mehr als 83.000 Tonnen) im Vorjahr auf 1,6 Millionen Pud (mehr als 25.000 Tonnen), so Kondraschin. Dementsprechend sei auch das Ernteziel für die Ukraine reduziert worden. Schließlich beschloss Moskau am 31. März 1933, die Getreideexporte komplett einzustellen.

    Der Staat senkte nicht nur die Exporte, sondern begann, Getreide zu importieren. 1932 hatte die UdSSR mehr als 138.000 Tonnen Getreide und fast 70.000 Tonnen Reis aus dem Iran (damals Persien) eingeführt.

    Außerdem habe Moskau im Jahr 1933 der Ukraine und anderen Regionen mehrmals Lebensmittelhilfe in Form von Getreide-Darlehen bereitgestellt, um den Hunger zu bekämpfen. Doch die Lage wurde dadurch nicht sofort besser, schuld daran waren laut Kondraschin vor allem der Amtsschimmel der örtlichen Behörden und Veruntreuung. 

    Aus dem Briefwechsel der ukrainischen Parteiführung mit Stalin geht hervor, dass der sowjetische Führer den Bitten um mehr Getreide-Darlehen für die Ukraine meist nachkam. Von allen Sowjetrepubliken, die vom Massenhunger betroffen waren, hatte die Ukraine damals den größten Teil der Lebensmittelhilfe erhalten – etwas ungewöhnlich für einen Genozid.  Doch diese „Sorge“ hatte laut dem Historiker ein konkretes Ziel: Das Wirtschaftspotenzial der Ukraine als Kornkammer des Landes aufrechtzuerhalten.

    Ronald Reagan lässt grüßen

    Wer sich mit Holodomor befasst, muss sich früher oder später unweigerlich die Frage stellen: Warum wird der Hunger in der Ukraine in den 1930er Jahren von der Hungersnot im Rest der UdSSR getrennt?

    Der Historiker Kondraschin sieht dahinter eine klare politische Agenda, die direkt aus dem Kalten Krieg hervorgegangen sei. Zuerst sei die Idee eines gezielten Völkermords in den 1930er Jahren von ukrainischen Gemeinden in den USA, Kanada und Polen in die Welt gesetzt worden. Kaum jemand habe aber damals Interesse dafür gezeigt.

    Das habe sich aber im Kalten Krieg schnell wieder verändert, als US-Präsident Ronald Reagan Anfang der 80er Jahre die Sowjetunion als das „Reich des Bösen“ bezeichnete. Reagan unterstützte die Bildung einer Sonderkommission im US-Kongress, die sich mit dem Großen Hunger in der Ukraine befassen sollte.

    Zum Erstarken der Genozid-Idee trug laut Kondraschin auch der Zerfall der Sowjetunion bei, als in der Ukraine nationalistische und russlandfeindliche Kräfte an die Macht gekommen seien. Besonders gelte dies für Präsident Wiktor Juschtschenko: Unter ihm hatte das ukrainische Parlament 2006 den Massenhunger der 1930er Jahre offiziell als Genozid anerkannt.

    Unter Juschtschenko habe sich der ukrainische Holodomor zu einem Symbol der Russophobie in der Ukraine entwickelt, meint der Historiker.

    Hunger ist nicht gleich Hunger?

    Der Hunger hat sich die Völker nicht ausgesucht, so Kondraschin. In den russischen, ukrainischen, kasachischen Dörfern hätten die Bauern nicht deshalb gehungert, weil sie russisch, ukrainisch oder kasachisch gewesen wären oder weil Stalin seine eigenen „Präferenzen“ gehabt hätte, sondern eben weil sie Bauern gewesen seien.

    Der russische Historiker wirft Applebaum vor, einen riesigen Teil von Archivdokumenten ignoriert und sich der abgedroschenen These über Stalins angebliche Abneigung gegenüber den Ukrainern bedient zu haben. Die Idee, dass der sogenannte Holodomor ein gezielter Genozid an den Ukrainern gewesen sei, werde zudem von den meisten Forschern abgelehnt.

    Der Massenhunger der 1930er Jahre war eine gemeinsame Tragödie der Völker der ehemaligen Sowjetunion, meint der Historiker. Das Gedenken daran solle diese Völker nicht spalten, sondern vereinen. 

    Massenhunger mit schrecklichen Opferzahlen habe es in auch Indien während der britischen Herrschaft, in China während der „Kulturrevolution“ und in afrikanischen Ländern gegeben. Warum spreche die westliche Öffentlichkeit hier nicht von einem Genozid wie im Fall der Ukraine?, fragt der Historiker.

    Hunger in Lwiw?

    Der russische Historiker Boris Julin sieht die Dinge etwas anders als Kondraschin. Den Massenhunger der 1930er Jahre erklärt er mit massiven Missernten jener Zeit, und zwar nicht nur in der UdSSR, sondern auch in Polen, Rumänien, Bessarabien und der Tschechoslowakei.

    Als Quelle beruft er sich auf Zeitungsberichte jener Zeit. So habe die polnische Zeitung „Nowi Tschas“ 1932 geschrieben: „In Huculszczyzna  (eine Region im Karpatengebirge im Grenzgebiet zwischen der Ukraine, Polen und Rumänien) hat die Zahl der hungernden Haushalte 88,6 Prozent erreicht“. Huculszczyzna  war damals polnisches Territorium.

    Und weiter: „Menschen schwellen vor Hunger an und sterben im Gehen. Besonders tobt der Hunger in den Dörfern – Perekhresnij, Starij Gwisdetz und Ostrowzi. Mit dem Hunger haben sich Bauchtyphus und Tuberkulose verbreitet“. Auch ungarische und rumänische Zeitungen hätten über den Hunger in Polen und anderen Nicht-Sowjet-Republiken geschrieben, betont der Historiker.

    Der Historiker findet außerdem interessant, dass 2016 ukrainische Medien berichtet haben, dass den Überlebenden des Holodomors in Lwiw eine einmalige Finanzhilfe in Höhe 42.000 Hrywnja (umgerechnet etwa 1400 Euro) geleistet werden sollte. Doch bis zum Jahr 1944 gehörte Lwiw zu Polen und nicht zur Sowjetunion, erinnert Julin. Und gerade in der Oblast Lwiw sei der Hunger damals am stärksten gewesen, dabei hätten die Hungernden keinerlei Hilfen erhalten.

    Auch Julin hat gegenüber Sputnik bestätigt, der sowjetische Staat habe die Getreideexporte im zweiten Hungersjahr drastisch gesenkt. Die Briten hätten jedoch gefordert, so der Historiker, dass die UdSSR ihre Verpflichtungen erfülle und das Getreide in den früheren Mengen liefere. Als Moskau den Export trotzdem gesenkt habe, hätten die Briten Sanktionen verhängt, die es den Sowjets erschwerten, Getreide in anderen Ländern zu beschaffen. Also habe die Sowjetunion das Getreide im Iran kaufen müssen, um den Hungernden zu helfen. Die Ukraine habe zudem die meiste Hilfe von Moskau erhalten.

    Das Ziel der ganzen Genozid-Debatte in der Ukraine und im Westen sei es, die Ergebnisse des Zweiten Weltkrieges zu revidieren und die UdSSR mit Nazi-Deutschland gleichzusetzen.

    Was will Anne Applebaum?

    Applebaum geht mit dem Begriff Genozid in ihrem Buch vorsichtig um, sodass der Leser Gefahr läuft, nicht zu verstehen, ob sie den Hunger in der Ukraine als Völkermord einstuft oder nicht. Auch die angesehene australische Historikerin und Expertin für die Sowjetunion Sheila Fitzpatrick, die 2017 bei „The Guardian“ eine Rezension zu dem damals neu erschienenen „Roten Hunger“ verfasste, scheint Applebaums Botschaft zuerst missverstanden zu haben.

    Fitzpatrick lobte Applebaums Werk, auch dafür, dass sie das Argument der ukrainischen Nationalisten über ein angebliches Genozid „nicht gekauft“ habe. Fitzpatrick selbst lehnt die Idee eines gezielten Völkermords durch Stalin ab und verweist auf dessen Agrarpolitik und Misswirtschaft als Ursache für die Tragödie.

    Doch diesen „Lob“ wies Applebaum in einem Facebook-Posting entschieden zurück: Sie habe doch genau das Gegenteil sagen wollen!

    „Mein Argument ist, dass der Hunger sich perfekt in die ursprüngliche Definition des Genozids einfügt, wie sie vom Rechtsforscher Raphael Lemkin konzipiert wurde. Tatsächlich ist das zentrale Argument meines Buches (…), dass Stalin den Hunger absichtlich genutzt hatte, und zwar nicht nur um die Ukrainer zu töten, sondern auch die ukrainische nationale Bewegung zu zerstören, die er als Bedrohung für die Sowjetmacht auffasste, und um die Idee einer unabhängigen Ukraine für immer zu vernichten“, schrieb die US-Historikerin. 

    Dass der Holodomor in der Ukraine sich im Rahmen des Völkerrechts nicht offiziell als Genozid definieren lasse – daran sei die Sowjetunion schuld, so Applebaum. Bei der entsprechenden Debatte in der Uno um eine Völkermord-Konvention in den 1940er Jahren habe die sowjetische Delegation auf eine Änderung der rechtlichen Definition des Begriffs gedrängt, damit Hunger nicht mit eingeschlossen werde.

    Die wichtigste Frage lautet (und deutsche Mainstream-Journalisten täten gut daran, sich diese einmal zu stellen): Kann man Applebaum als objektive Historikerin bezeichnen oder verfolgt sie politische Ziele?

    Applebaum ist ein häufiger Gast bei der einflussreichen US-Denkfabrik und Lobbyorganisation der Nato, Atlantic Council. Die Denkfabrik ist unter anderem für ihr Engagement gegen die Nato-kritische „Desinformation“ bekannt – also gegen alles, was der Nato-Propaganda irgendwie widerspricht. Und Applebaums Nähe zu Atlantic Council spricht nicht gerade für ihre Unbefangenheit.

    Applebaum ist zudem eine überzeugte Kritikerin der russischen Regierung. Sie sieht es als ihre Mission, die Wahrnehmung der Sowjetunion in der Welt zu verändern, damit das Land schließlich auf eine Stufe mit Nazi-Deutschland gesetzt wird.

    Ihre Kritiker beschimpft Applebaum oft als Kreml-Trolle und präsentiert sich oft als Opfer der russischen Medien, die gegen sie angeblich hetzen.

    Seit 2008 spricht Applebaum von „Putinismus“ als antidemokratische Ideologie. Die Erniedrigung Russlands durch die Nato-Expansion sei bloß ein Mythos. Die Osterweiterung der transatlantischen Militärorganisation und der EU feiert sie als „phänomenalen Erfolg“.  In einem 2014 erschienen Artikel fragte Applebaum, ob sich die Ukraine vielleicht auf einen globalen Krieg gegen Russland vorbereiten sollte und ob sich die Europäer daran auch beteiligen sollten.

    Wie ist die Haltung des heutigen Russlands zum Holodomor?

    Sie ist in zwei Dokumenten festgehalten: Ein Dekret der Staatsduma vom Jahr 2008, in dem der Millionen Opfer der Tragödie „unabhängig von ihrer Nationalität“ gedacht und das stalinistische Regime verurteilt wird, das für seine wirtschaftlichen und politischen Ziele Menschenleben geopfert habe.

    Doch am interessantesten ist hier ein Brief des damaligen russischen Präsidenten Dmitri Medwedew aus dem Jahr 2008 an seinen ukrainischen Amtskollegen Viktor Juschtschenko. Medwedew erhielt damals eine Einladung nach Kiew anlässlich des 75. Jahrestages des Holodomors. Applebaum erwähnt in ihrem Buch nur, der russische Präsident habe die Einladung nicht angenommen – ohne  die in dem Brief angegebenen Gründe zu zitieren.

    Darin äußerte Medwedew sein Bedauern darüber, dass die ukrainische Regierung diese Tragödie für politische Ziele, darunter den gewünschten Beitritt zur Nato, missbrauche. Mit der gezielten Verbreitung der Genozid-Idee teste die ukrainische Führung die eigene Bevölkerung auf Patriotismus und Loyalität.
    Medwedew erinnerte seinen Kollegen zudem daran, dass laut dem 2006 verabschiedeten ukrainischen Gesetz alle, die die Auslegung der Tragödie als Genozid ablehnten, zu Verbrechern erklärt würden, was deren Meinungsfreiheit verletzte.

    Diese Einstufung der Hungersnot jener Zeit als Völkermord ziele auf eine „maximale Spaltung der Völker“ ab. Der Völker, die durch jahrhundertelange historische, kulturelle und geistliche Verbindungen vereint seien.

    Medwedew legte Juschtschenko nahe, diesen „gefährlichen Missstand“ zu beheben, mit dem die Tragödie anderer Völker der UdSSR heruntergespielt werde, und sich stattdessen auf professionelle Forschungen zu diesem Thema zu konzentrieren.

    Die Meinung des Autors muss nicht mit der der Redaktion übereinstimmen 

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