07:30 16 Juni 2019
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    Ein flammender Ölbrunnen an einem Vorkommen (Archivbild)

    Rohstoffkrise vertagt: Russland sitzt auf riesigem Ölschatz

    © Sputnik / Sergej Lidow
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    Tatjana Pitschugina
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    Das russische Mineralölunternehmen Gazprom Neft will 25 Mrd. Dollar in die Ölgewinnung aus dem Schwarzschiefer der Baschenow-Formation investieren. Dieses Förderverfahren ist kompliziert.

    Die Baschenow-Formation liegt tief unter der Erde nahezu im gesamten Westsibirien. Sie wird seit mehr als einem halben Jahrhundert erforscht, doch bislang ist unklar, wie dort nach Vorkommen gesucht werden soll und wie man die Erschließung rentabel gestaltet.

    Schicht ist dünn, aber teuer

    Das Öl bildet sich tief unter der Erde aus fossilen Organismen und Pflanzen. Mit der Zeit bewegt es sich in Rissen und Höhlungen im Gestein und sammelt sich in Form riesiger Reservoirs. Um an das Öl heranzukommen, muss ein Bohrloch angelegt werden. Auf diese Weise entstanden die meisten großen Ölvorkommen der Welt, auch in Westsibirien, dem größten Ölfördergebiet in Russland. Es gilt, dass der größte Teil des westsibirischen Öls aus der Baschenow-Formation stammt – einer Schicht Schwarzschiefer, zwei bzw. drei Kilometer tief unter der Erde.

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    Die Baschenow-Formation erstreckt sich auf den gesamten Teil des Westsibirischen Tieflandes. Nach verschiedenen Schätzungen birgt diese nur 26 Meter dicke Schicht 18 bis 170 Mrd. Tonnen Öl. Die Frage besteht darin, wie es dort gewonnen werden soll – während das Öl aus gewöhnlichen Vorkommen einfach hinausfließt, muss es aus dem Schwarzschiefer mit verschiedenen Methoden herausgezogen werden.

    Auf gut Glück

    Die Baschenow-Formation wurde erstmals 1959 vom sowjetischen Geologen Fabian Gurari, einem der Entdecker der Ölregion in Westsibirien, beschrieben. Er äußerte die Vermutung, dass sie Quelle von Kohlenwasserstoffen sein kann, was 1968 bestätigt wurde, als im Vorkommen Salym in den in Richtung Baschenow-Formation angelegten Bohrlöchern Öl  gefunden wurde.

    Wissenschaftler schrieben viele Artikel und Bücher über die Baschenow-Formation, doch die Hauptfragen blieben umstritten. So gibt es bis heute keine zuverlässige Methode zur Suche nach den Lagerstätten. Nahe beieinander gelegen Bohrlöcher können verschiedene Ergebnisse bringen – in einigen kommt es zu einem „Springbrunnen“, andere bleiben trocken.

    In der Baschenow-Formation gibt es keine gewöhnlichen Sammelräume – Abschnitte mit zahlreichen Hohlräumen, Rissen. Kohlenwasserstoffe sammeln sich dort in Höhlungen, kleinen Schichten oder gehören dem Gestein als organischer Stoff (Kerogen) an. 

    Es ist unmöglich, die Proben in einem Labor in unveränderter Form zu erforschen – wenn sie aus der Tiefe auf die Oberfläche gehoben werden, zerfallen sie in kleine Schuppen. Wissenschaftler versuchen, verschiedene Typen der Sammelräume der Baschenow-Formation nachzubilden, doch es entsteht kein einheitliches System, das bei der Suche nach dem Öl helfen würde. Daraus ergeben sich die starken Unterschiede (um eine Größenordnung) bei der Einschätzung der Vorräte.

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    Eine weitere Besonderheit dieses Gesteins ist die anomal hohe Temperatur, die in einigen Bohrlöchern bei 134 Grad Celsius liegt, sowie der Formationsdruck. Ihre Natur wurde nicht eindeutig festgestellt, was die Suche nach den Lagerstätten ebenfalls erschwert.

    Im tiefen warmen Meer

    Aber wie sind denn solch interessante Gesteine entstanden? Geologen haben inzwischen eine mehr oder weniger klare Vorstellung davon. Vor ungefähr 200 Millionen Jahren, in der späten Jura-Zeit, fiel der Superkontinent Pangaea auseinander.

    Die Abschnitte, wo sich die Erdkruste ausdehnte, wurden überflutet.  An der Stelle des jetzigen Westsibirien lag ein riesiges warmes Meer. Die Bodensätze sammelten sich sehr lange, Millionen Jahre lang, an. Vor allem waren das sterbliche Überreste von Mikroorganismen, von Phyto- und Zooplankton und von Pflanzen.

    Damals waren auf der Erde enorm viele Vulkane aktiv, und darauf führen Experten den enorm hohen Gehalt von Uran und Elementen der Seltenen Erden in der Baschenow-Formation zurück. Das Klima änderte sich, es starben etliche Tier- und Pflanzenarten aus. In der Geschichte unseres Planeten kam es zu einem Wandel der geologischen Zeitalter. 

    In dieser Situation entstanden in verschiedenen Erdteilen schwarze Schiefergesteine. Solche gibt es in den USA, Kanada, Venezuela, Algerien und in Zentralasien. Aber nur in Westsibirien kommen sie auf einem riesigen Territorium von 1,2 Millionen Quadratkilometern vor.

    Wie ließe sich die Erdölschicht nutzbar machen?

    Die Technologien zur Ölförderung aus unkonventionellen Quellen wurden noch während der „Schieferöl-Revolution“ in den USA in den 1990er-Jahren getestet. Es wird ein Bohrloch bis zur Ölschicht gebohrt, dann wird es senkrecht gerichtet, und an mehreren Stellen werden hydraulische Risse ausgelöst, so dass das Gestein zerstört wird, das dann durchlässig für Erdöl wird.

    Ein weiterer Weg zur Ölförderung aus dem Gestein besteht darin, das Bohrloch mit Luft zu füllen, so dass Kerogen oxidiert wird und sogar in Flammen aufgeht. Experimente haben bewiesen, dass diese Methode durchaus effizient ist.

    Bis zur Baschenow-Gesteinfolge wurden insgesamt etwa 200 Bohrlöcher gebohrt. In diesen Jahren wurden daraus um zehn Millionen Tonnen Öl gewonnen. Im Grunde kann man erst vom Beginn der Erschließung dieser unkonventionellen Ölquelle sprechen. Dazu wird die Ölbranche quasi gezwungen, wenn man bedenkt, dass die traditionellen Ölvorräte in Westsibirien allmählich zu Ende gehen. Mitte dieses Jahrhunderts werden sich Ölkonzerne entscheiden müssen: entweder den Rohstoff im Arktisschelf fördern oder die Methoden zur Schieferölförderung vervollkommnen. Und die zweite Variante scheint weniger riskant zu sein.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Energiekrise, Gazprom, Sibirien, Ölförderung, Öllieferungen, Ölexport, Russland, Rohstoffe, Ölvorräte, Ölvorkommen, Öl