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08:48 17 Juli 2019
SNA Radio
    Anhänger der Bewegung „Ende Gelände!“ bei einer Klimaschutz-Aktion in Deutschland (Archiv)

    „Hiermit erhalten Sie eine Ausladung“ – wenn Ziele der Ideologie geopfert werden

    © AFP 2019 / YANN SCHREIBER
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    Ilona Pfeffer
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    Zu gut für eine internationale Nachrichtenagentur? Für die mehrtägigen Protestaktionen im rheinischen Braunkohlerevier erteilen die Aktivisten von „Ende Gelände“ Sputnik und RT Deutsch eine „Ausladung“ – ohne Begründung. Offenbar steht bei dem Bündnis Ideologie über Idealen.

    Die folgenden Zeilen sind persönlich. Es geht um etwas, das jeder einzelne Journalist, der für Sputnik arbeitet, kennt und das (leider) oft vorkommt. Es zu verstehen oder sich gar daran zu gewöhnen gelingt trotzdem nicht.

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    Für einen guten Artikel und erst recht für die Gestaltung einer Radiosendung braucht man Stimmen – dafür, dagegen, live vor Ort oder als unabhängige Fachmeinung. Täglich fragen wir darum Politiker, Experten, Augenzeugen und viele, viele andere Menschen an, um im Interview Fragen zu stellen und Antworten zu erhalten, die dabei helfen sollen, den fraglichen Sachverhalt von allen Seiten zu beleuchten. Was wir selbst von der Fußball-WM in Katar oder von der PKW-Maut halten, tut nichts zur Sache, es zählen nur Fakten und Fachmeinungen.

    Es ist nicht immer leicht, die richtigen Experten zu finden und eine Zusage für ein Interview zu bekommen. Gerade, wenn es bekannte und vielbeschäftigte Personen sind, Spitzenpolitiker oder Prominente. Nicht selten bekommt man von ihnen eine Absage mit Verweis auf den vollen Terminkalender. Kein Problem, dann versucht man es eben das nächste Mal und hat vielleicht mehr Glück.  

    Weit weniger nachvollziehbar als Zeitgründe sind Absagen, die als Begründung einzig und allein anführen, dass man mit uns als "russischem Auslandsmedium" nicht spricht – prinzipiell nicht. Da wird nicht mit Fakten argumentiert. So gut wie nie werden konkrete Artikel als Beispiel dessen angeführt, warum sich Sputnik als Gesprächspartner aus der Sicht dieser Personen oder ganzer Gruppen disqualifiziert haben soll. Man will sich in solchen Fällen auch auf keinen Dialog einlassen, um seine Ressentiments darzulegen und uns die Chance zu geben, sie zu verstehen, vielleicht zu entkräften oder etwas besser zu machen. Stattdessen eine Mauer des Schweigens und der Abweisung. Fehlt nur noch ein Schild mit der Aufschrift „Wir müssen draußen bleiben“.

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    Aus der Politik kennen wir diese Mauer zu Genüge, vor allem von den Grünen, der Union und häufig auch der SPD. Aber auch aus der Mitte der Gesellschaft, von ganz normalen Mitbürgern gibt es diese Ablehnung. Ein aktuelles Beispiel gefällig?

    In den letzten Monaten berichteten wir immer wieder von den Aktionen von „Ende Gelände“. Die Aktivisten kämpfen gegen den Energieriesen RWE. Der Konzern will Braunkohle fördern und rodet dafür Wälder und räumt ganze Dörfer. Die Protestler wehren sich dagegen. Sie stehen ein für ihr Ziel, den Kohleausstieg zu erzwingen, die Politik endlich zum Handeln zu bewegen. Dafür sind sie bereit, teilweise jahrelang in selbstgebauten Baumhäusern im Hambacher Forst auszuharren und bei Räumungsaktionen von der Polizei Prügel zu beziehen. Und sie sorgen dafür, dass Deutschland dieses Thema nicht vergisst. Dieses Engagement finden wir berichtenswert.

    Natürlich ist man als Journalist stets um Neutralität bemüht, ganz unabhängig davon, wie man selbst zu einer Sache steht. Die Berichte zu den Aktionen von „Ende Gelände“ und unsere Video-Reportage aus dem Hambacher Forst, in der wir uns angesehen haben, wie die Aktivisten im Wald leben, und mit einem der Waldbesetzer gesprochen haben, waren sachlich und neutral, wenn nicht gar wohlwollend. Von den mehrtägigen Massenblockaden im rheinischen Braunkohlerevier, die für diese Woche angekündigt waren, wollten wir live vor Ort berichten. Statt Pressemitteilungen zu zitieren, planten wir, die Aktivisten selbst zu Wort kommen lassen. Das haben wir ihrer Pressestelle auch in einer freundlichen Email mitgeteilt und um ein Interview im Vorfeld der Proteste gebeten. Sie antworteten schnell und ebenfalls freundlich und wollten wissen, für welches Medium wir arbeiten. Als sie das erfuhren, kam lange nichts. Und dann diese beiden Sätze: „Hiermit erhalten Sie eine Ausladung. Kommen Sie nicht zu unserer Aktion“.

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    Begründung? Fehlanzeige. Von Kollegen von RT erfuhren wir später, dass sie eine ganz ähnliche Absage von „Ende Gelände“ erhalten haben.

    Es geht nicht nur darum, „russischen Auslandsmedien" keine Interviews zu geben. Nein, man möchte ihnen untersagen, bei einer öffentlichen Protestaktion überhaupt anwesend zu sein und darüber zu berichten. Werden wir gerade Zeuge dessen, wie „Ende Gelände“ seine Ideale im Namen einer Ideologie opfert? Wenn das Ziel an oberster Stelle steht und mediale Aufmerksamkeit essentiell für die Erreichung dieses Zieles ist, kann und sollte man sich da erlauben, auf die Berichterstattung zweier großer Medien zu verzichten, weil man wie auch immer geartete und wodurch auch immer motivierte Ressentiments gegen sie hegt? Dann kann es mit den Idealen nicht so weit her sein, oder? Und sorry, liebe Aktivisten, aber dann seid auch ihr es, die ein Glaubwürdigkeitsproblem haben.

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    Tags:
    Ideologie, Glaubwürdigkeit, Protestler, Proteste, Protest, Aktivisten, Bewegung, Absage, Ausladung, RT, Sputnik, Medien, Russland, Deutschland, Klimaschutz, Klima