16:34 21 November 2019
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    Tonight With Vladimir Putin (Standaufnahme)

    BBC will Wladimir Putin verspotten und macht sich selbst zum Gespött – Comedy-Desaster

    © Foto: BBC Two
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    Der britische öffentlich-rechtliche Sender BBC hat zwei Pilotfolgen einer neuen Comedy-Show präsentiert, die schon im Mai groß angekündigt worden war, „Tonight With Vladimir Putin“. Star der Show ist eine computeranimierte Puppe des russischen Staatspräsidenten, der als Talkmaster fungiert. Die Publikumsreaktionen sind ein Desaster für die BBC.

    Die Abteilung Comedy der BBC hat einen legendären Ruf. Immer wieder hat diese Abteilung Fernsehshows entwickelt, die weltweit Maßstäbe setzten in punkto Fernsehunterhaltung, die bis heute weltweit kopiert und zitiert werden, weil sie für den berühmten britischen Humor stehen. Von A wie „Absolutely Fabulous“ über B wie „Blackadder“, F wie „Fawlty Towers“ bis hin zu L für Little Britain, M für „Monty Python´s Flying Circus“ oder T für The Office und Y für „Yes Minister“. Doch auch hochgelobte Redaktionen sind nicht vor Missgriffen gefeit.

    Schon als die BBC Ende Mai in einem kleinen Spot eine neue Show ankündigte, hätte man in London von den eher verhaltenen Reaktionen gewarnt sein können. Denn warum ausgerechnet eine computeranimierte Puppe des russischen Staatspräsidenten eine politische Talk-Show in Großbritannien moderieren sollte, war bereits das erste große Fragezeichen, das bei der Ankündigung von „Tonight With Vladimir Putin“ bei vielen aufleuchtete.

    Innovativ ist nur die Technologie

    Der Sender BBC Two kündigte die Show als „innovatives“, „bahnbrechendes“ neues Format an. Technisch gesehen kann man dem wohl nur zustimmen. Die ausführende Firma Framestore hat tatsächlich handwerkliche Spitzenarbeit abgeliefert und ist zu Recht stolz darauf, wie sie in einer Mitteilung auf ihrer Internetseite kundtut:

    „The real-time puppeteering technology used to allow Putin to host his own chat show is comprised of two tools - a performance capture and a facial capture system. Nat Tapley, who plays Putin, gives a performance as if he’s sitting next to the guests which is captured by the system and live rendered as the 3D Putin. The character’s actions are then combined with the show’s broadcast camera feeds, as well as a virtual camera, giving virtual Putin a physical presence in the real world, in realtime to both guests and the audiences.”

    (Deutsch: Die Echtzeit Puppenspieler Technologie, die es Putin erlaubt, seine eigene Talk Show zu präsentieren, besteht aus zwei Elementen – einem Bewegungs- und einem Gesichtsaufnahmesystem. Nat Tapley, der Putin spielt, gibt eine Vorstellung, als ob er neben dem Gast sitzt, was durch das System aufgezeichnet und live als 3D-Putin wiedergegeben wird. Die Aktionen der Figur werden dann sowohl mit den Studioaufnahmen als auch einer virtuellen Kamera kombiniert, was dem virtuellen Putin eine physische Präsenz in der realen Welt gibt, in Echtzeit, für die Gäste und das Publikum.)

    Dieses sehr innovative technologische Konzept der Show wird auf den Seiten der renommierten Amsterdamer Branchenmesse International Broadcasting Convention (IBC) für technisch Interessierte ausführlich erklärt. Vielleicht hatte man bei der BBC am Ende aber doch letzte Zweifel. Vielleicht fragte sich die verantwortliche Redakteurin, Rachel Ashdown, die für die BBC unter anderem auch den Eurovision Song Contest mitverantwortet, ob eine solche technologische Innovation, ob solches Experimentieren nicht vielleicht doch mit einer anderen Figur und einem anderen Format besser bedient wäre. Jedenfalls wurden zunächst nur zwei jeweils rund 12 Minuten lange Pilotfolgen bei den Produktionsgesellschaften Phil McIntyre Television und Framestore bestellt.

    Möglicherweise bekreuzigt und beglückwünscht man sich inzwischen in der Comedy-Abteilung der BBC, dass es nur bei diesen beiden Pilotfolgen geblieben ist. Denn die Reaktionen auf die neue Show waren, um es so zurückhaltend wie möglich zu formulieren, desaströs. Das liegt weniger am virtuellen Wladimir Putin als vielmehr an einer redaktionellen Entscheidung, die komplett rätselhaft ist.

    Das größte Rätsel dieser Show: Wer kam auf die Idee mit „Meghan Markle's Royal Sparkle“?

    Aus unerklärlichen Gründen übernimmt in der Hälfte der beiden Pilot-Folgen jeweils eine virtuelle Version von Meghan Markle die Show mit „Meghan Markle's Royal Sparkle“ (Deutsch in etwa: Meghan Markles Königliches Funkeln). Die in den USA geborene und aufgewachsene Herzogin von Sussex, Ehefrau von Prinz Harry, der Nummer sechs in der britischen Thronfolge, wird hier als überkandidelte, etwas gewöhnliche junge Frau dargestellt, die offenkundig aus der US-amerikanischen Unterschicht stammen soll. Darauf deuten ihr Akzent und ihre ordinäre Wortwahl hin. Die virtuelle Herzogin beantwortet Fragen aus dem Publikum, die genauso tiefsinnig sind wie ihre Antworten.

    Viel entscheidender aber ist auch hier die Frage, wer bei der BBC warum auf die Idee kam oder sie guthieß, ausgerechnet ein Mitglied der Königlichen Familie für diese Art von „Unterhaltung“ zu wählen. Abgesehen davon steht die völlig überdrehte und latent aggressive Darstellung der Herzogin von Sussex offensichtlich in totalem Kontrast zum Auftreten der echten Meghan Markle. Ausgerechnet die als eher republikanisch geltende Tageszeitung „The Guardian“ nimmt Markle vor dieser beleidigenden Darstellung in Schutz. Wenig überraschend sind die vernichtenden Reaktionen der royalen Fangemeinde auf die neue Show der BBC. Sie werfen dem öffentlich-rechtlichen Sender nicht mehr und nicht weniger als Rassismus vor und fordern die sofortige Absetzung der Show beziehungsweise den Boykott der BBC.

    Skandal erwischt die BBC auf dem linken Fuß bei der Reform ihrer Finanzen

    Der Skandal trifft die BBC zur Unzeit. Denn die öffentlich-rechtliche Sendeanstalt versucht aktuell, einen anderen Shitstorm abzuwettern. Vor kurzem kommunizierte die Unternehmensführung der BBC eine Entscheidung, die sehr wahrscheinlich dazu führen wird, dass viele Rentner, die älter als 75 sind, ihre bislang kostenlosen Sendelizenzen verlieren werden. Hintergrund ist eine Vereinbarung mit der britischen Regierung aus dem Jahr 2015, wonach die BBC ab 2020 für die Gegenfinanzierung dieser freien Lizenzen zuständig ist.

    Die Labour Regierung von Tony Blair hatte 2000 eingeführt, dass Haushalte, in denen Menschen leben, die älter als 75 Jahre sind, kostenlos die BBC-Angebote nutzen dürfen. Untersuchungen hatten seinerzeit bestätigt, dass 46 Prozent aller Haushalte, in denen Menschen lebten, die älter als 75 waren, besonders arm waren. Die Kosten für die Finanzierung dieser Frei-Lizenzen betrugen damals 365 Millionen Pfund. Die konservative Nachfolgerregierung von David Cameron strich diese Vergünstigung 2015 und verpflichtete die BBC zur Übernahme der Kosten ab 2020.

    Die BBC hat nun vorgerechnet, dass sich die Kosten für die Frei-Lizenzen der Über-75-Jährigen ab 2021 auf rund 745 Millionen Pfund belaufen könnten, wenn es keine Reform der Regelung gibt. Das wäre ein Fünftel des erwarteten Gesamtbudgets. Die Gutachter von „Frontier Economics“, die von der BBC beauftragt wurden, Reformvorschläge zu machen, kamen zu dem Schluss, dass sich der Anteil der besonders armen Haushalte, in denen Über 75-Jährige leben, auf 32 Prozent verringert hat. Begründung der Gutachter: „incomes of over-75 households have grown much more rapidly than average". (Deutsch: Die Einkommen von Ü75-Haushalten sind schneller gewachsen als der Durchschnitt.) Deshalb sei es angemessen, wenn zukünftig nur noch die Haushalte von der BBC-Lizenz befreit sind, in denen mindestens ein Mensch lebt, der einen so genannten pension credit erhält. Das sind wöchentliche Zahlungen des Staates, die auf die jeweilige Pension aufgeschlagen werden, um eine Mindestrente zu gewährleisten.

    Sozialverbände und Labour-Politiker sind entsetzt und verweisen darauf, dass die neue Regelung dazu führen wird, das bereits ein Pfund über der zukünftigen Bemessungsgrenze darüber entscheidet, ob die derzeit 154,50 Pfund, die für die Jahreslizenz der BBC fällig sind, gezahlt werden müssen oder nicht. Viele Untersuchungen hätten ergeben, dass für die ärmsten Haushalte mit Rentnern über der Altersgrenze 75 das Fernseh- und Hörfunkangebot der BBC oft der einzige Sozialkontakt zur Außenwelt ist. Und genau diese Zuschauergruppe wird nun auch noch mit einer Comedy-Show konfrontiert, die man mindestens als verunglückt bezeichnen kann.

    Wer verantwortet das konfuse „Konzept“ dieser Show?

    Denn tatsächlich müssen sich die Verantwortlichen die Frage gefallen lassen, ob die Comedy-Show „Tonight With Vladimir Putin“, so wie sie konzipiert, umgesetzt und von der BBC auch abgenommen wurde, mit der offiziellen Strategie des zweiten Kanals der BBC in Einklang zu bringen ist, nimmt man die Eigendarstellung ernst:

    „The challenge for entertainment on BBC Two is to continue to bring younger audiences (25-44 year-olds) to the channel without alienating the older heartland. (…)Tonally, the BBC Two audience appreciates something that creates a conversation with them and includes them in new experiences as well as telling a compelling story with strong entertainment values.”

    (Deutsch: Die Herausforderung für Unterhaltung auf BBC Two ist, damit fortzufahren, ein jüngeres Publikum (25-44-Jährige) an den Kanal zu binden, ohne die älteren Stammzuschauer zu vergraulen. (…) Anders gesagt, das Publikum von BBC Two schätzt es, wenn das Gespräch mit ihm gesucht wird und es dabei sowohl in neue Experimente eingebunden als auch eine fesselnde Geschichte mit starken Unterhaltungswerten erzählt wird.)

    Das bevorzugt angestrebte junge britische Publikum liebt aber nachgewiesener Maßen die Ehefrau des nicht weniger beliebten Prinzen Harry. Das hätte man eigentlich bei der BBC wissen können und müssen. Und die Monarchie als Verfassungsinstitution derart lächerlich zu machen, wird wahrscheinlich auch der Stammkundschaft, die in den letzten Jahrzehnten einiges an Hohn und Spott über ihre geliebten Blaublüter ertragen musste, wohl mehr als nur unangenehm aufstoßen. Außerdem fragen sich beinahe alle britischen Medien, welche „fesselnde“ Geschichte mit welchen starken Unterhaltungswerten in dieser neuen Show präsentiert wurde? Die liberale Tageszeitung „The Guardian“ titelte am Tag nach der Erstausstrahlung, wie diese „idiotische Comedy“ überhaupt „je produziert werden konnte“. Und inzwischen berichten auch Zeitungen und Fernsehsender aus den USA und dem Commonwealth über das grandiose Scheitern dieser Comedy-Show.

    Die BBC hat sich bislang nur zögernd geäußert. Sie ließ lediglich verlauten:

    “Viewers will clearly recognise this performance as a spoof and highly satirical, within the context of a programme which lampoons a wide range of public figures and the public’s perception of them.”

    (Deutsch: Die Zuschauer werden diese Darstellung ganz klar als eine äußerst satirische Parodie erkennen, innerhalb des Kontextes eines Programmes, das eine ganze Reihe von Personen des öffentlichen Lebens und deren Wahrnehmung in der Öffentlichkeit verspottet.)

    Doch blättert man sich durch die bislang vorliegenden Kritiken von Sun, Daily Mail, Guardian oder Telegraph bis hin zu australischen und US-Medien, dann sind sich sowohl Zuschauer als auch die Rezensenten absolut einig: diese BBC Comedy ist ein Trauerspiel.

    Wirkte Putin zu nett und niedlich?

    Bei einigen Reaktionen in der britischen Presse kann man aber auch herauslesen, dass die Kritik nicht deshalb so verheerend ausfällt, weil die betreffenden Journalisten eine besonders innige Beziehung zum Britischen Königshaus oder zum Institut der Monarchie haben oder so besorgt um die BBC sind. Vielmehr kommt ihnen der computeranimierte russische Präsident ganz offenkundig als zu nett davon. Der 3D-Putin wirkt geradezu sympathisch und ganz und gar nicht wie der Dämon, als den ihn die meisten britischen und westlichen Medien ohne Unterlass hinstellen. Einige Medien, vor allem aber notorische Russland-Hasser in den sozialen Medien, beschimpfen deshalb auch die BBC, dass „Tonight With Vladimir Putin“ den russischen Staatschef einfach nicht kritisch genug darstelle, sondern eine niedliche Comicfigur aus ihm gemacht habe.

    Vor diesem Hintergrund drängt sich die interessante Frage auf: War dieser Effekt gewollt oder ist es ein kreativer und redaktioneller Unfall von Machern und BBC?

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    TV-Show, BBC Two, BBC, Wladimir Putin