07:20 07 Dezember 2019
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    Bundesinnenminister Horst Seehofer (Archiv)

    Verschwörung, Ultimatum, Vermächtnis: Seehofers Leben als Polit-Thriller

    © AP Photo / Markus Schreiber
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    Horst Seehofer feiert seinen 70. Geburtstag. Dabei kann der CSU-Veteran auf eine lange und steinige Laufbahn blicken. Es wäre an der Zeit, das Leben Seehofers zu verfilmen: Als Politthriller in mehreren Teilen. Die Story des Hollywood-Blockbusters: Verschwörung, Machtkampf und Intrigen – Im Mittelpunkt ein Bayer, dem jedes Mittel recht ist.

    Kennen Sie die Hollywood-Filmreihe um den ehemaligen CIA-Agenten Jason Bourne, verkörpert von Schauspieler Matt Damon? Die Geschichte ist schnell erzählt: Ein ehemaliger Auftragsmörder verliert sein Gedächtnis und kämpft sich in mehreren Filmteilen durch ein Geflecht von Verschwörungen. Sie fragen sich jetzt zu Recht: Was bitte hat das mit dem eher gemächlich wirkenden „Heimat-Horst“ Seehofer zu tun? Nun, schaut man zum aktuell 70. Geburtstag auf das politische Leben des gebürtigen Ingolstädters, ergibt sich reichlich Stoff für einen mehrteiligen Action-Polit-Thriller, in dem „Gut“ und „Böse“ nur schwer auseinanderzuhalten sind.

    „Die Seehofer Identität“

    Als konservativ geprägtes Arbeiterkind aus Ingolstadt – der Vater Bauarbeiter, die Mutter Hausfrau – war Seehofer gewiss nicht mit dem goldenen Löffel im Mund geboren. Zwischen seiner Lehre als Amtsbote und dem Handballspiel in der Freizeit muss der junge Bayer schon gewusst haben, dass er für Höheres bestimmt ist. Doch was tun, wenn Einkommen und Ansehen nicht den eigenen Ansprüchen entsprechen? Die Lösung: Eine Karriere in der Politik. 1971 tritt Seehofer der CSU bei, einem Altherrenverein mit erzkonservativen Strukturen. Nach dem Motto: Anpassen, durchbeißen, Bündnisse schmieden, erlangt er nach großen Mühen 1994 dann endlich den Posten des stellvertretenden CSU-Vorsitzenden. Im Gegensatz zu vielen Parteikollegen reicht Seehofer das aber nicht.

    Gleichzeitig macht Seehofer nicht nur in München immer mehr auf sich aufmerksam, auch Berlin ist mittlerweile sein Missionsgebiet: Schon 1980 hatte sich Seehofer in den Deutschen Bundestag wählen lassen, 1989 wurde er zum Staatssekretär in das Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung berufen. Die Karriereleiter erklimmt Seehofer mit so viel Ehrgeiz und Machtwillen, dass er 1992 als Bundesminister für Gesundheit vereidigt wird. Mit harten Reformen und Sparauflagen sammelt Seehofer viele Sympathien im eigenen Lager. Diese hart erarbeitete Unterstützung wird der karrierebewusste Stratege später zu seinen Gunsten einsetzen.

    „Die Seehofer Verschwörung“

    Wir schreiben das Jahr 2007, Horst Seehofer sitzt mittlerweile als Bundesminister für Ernährung und Landwirtschaft fest im politischen Sattel. Doch in der Münchener Staatskanzlei braut sich etwas zusammen: Putsch-Gerüchte gegen den amtierenden CSU-Ministerpräsidenten Edmund Stoiber. Dieser war in Bedrängnis geraten, weil sein Büroleiter das Privatleben der CSU-Landrätin Gabriele Pauli ausspioniert haben soll, Gerüchte über Alkoholprobleme und „Männergeschichten“ Paulis wurden gestreut. Die Landrätin wirft Stoiber „Selbstherrlichkeit“ vor und fordert den Rücktritt. Dem schließen sich schnell Vertraute von Parteivize Horst Seehofer an.

    Laut Parteikreisen sollen CSU-Vize Seehofer als neuer Parteichef und Günther Beckstein als Ministerpräsident die Nachfolge übernehmen. Joachim Herrmann fordert als führender Christsozialer eine offene Debatte über Stoibers Rückzug. Dafür wird ihn Seehofer später mit dem Posten des bayrischen Innenministers belohnen. Der langjährige Ministerpräsident und CSU-Chef Stoiber muss schließlich im Herbst 2007 nach innerparteilichen Kämpfen und schlechten Umfragewerten zurückgetreten. Seehofer bewirbt sich für den Parteivorsitz, liegt in Umfragen sogar vorn. Doch die „Bild“-Zeitung veröffentlicht Informationen über eine langjährige außereheliche Beziehung. Es gewinnt der bisherige bayrische Wirtschaftsminister Erwin Huber, Günther Beckstein wird Ministerpräsident.

    „Das Seehofer Ultimatum“

    Ein Seehofer lässt sich nicht unterkriegen. Das schlechte Abschneiden der CSU bei der bayrischen Landtagswahl 2008 kommt ihm zu Hilfe. Nach über vier Jahrzehnten verliert seine Partei die absolute Mehrheit, als Konsequenz treten Beckstein und Huber nach kurzer Amtszeit zurück. Seehofer bringt sich für beide Ämter in Stellung. Auch verbreiten er und seine Gefolgsleute die Meinung, präsidiales Amt und Parteivorsitz gehörten in ein und dieselbe Hand. So kommt es auch: Seehofer zieht sich als Bundesminister aus Berlin zurück, als Parteichef und Ministerpräsident ist er auf dem Höhepunkt seiner Macht angekommen.

    Was ist die beste Drohung, um eigene Positionen durchzusetzen? Die Rücktrittsdrohung. Das erkannte auch Horst Seehofer schnell. Schon 1995 drohte er als Gesundheitsminister mit Rücktritt, sollte seine Krankenhausreform abgelehnt werden. 2004 ein weiteres Ultimatum: Im Kampf gegen eine „Kopfpauschale“ bei der Gesundheitsversicherung drohte Sozialpolitiker Seehofer in Berlin mit dem Rücktritt als Fraktions-Vize. Tatsächlich ging er damals, wurde von Stoiber aber wenige Monate später zurückgeholt. Ebenfalls trat Seehofer 2018 nach mehreren Ankündigungen vom Amt des Ministerpräsidenten zurück. Als Bundesinnenminister nur gut drei Monate im Amt das nächste Ultimatum: Wegen des Asylstreits stellte er sein Ministeramt und den Posten des CSU-Vorsitzenden zur Disposition. Dann der Rücktritt vom Rücktritt. Minister ist er bis heute geblieben, Parteichef nicht.

    „Das Seehofer Vermächtnis“

    Auch mit 70 Jahren denkt Seehofer nichts ans Aufhören. Zwar hat ihm der deutlich jüngere und medial kompetentere Markus Söder im innerparteilichen Machtkampf alle wichtigen Ämter im Freistaat abgeknüpft, doch in Berlin will er sein Einflussgebiet weiter um jeden Preis erhalten. Dabei nimmt er weder Rücksicht auf seine Gesundheit noch auf Bundeskanzlerin Angela Merkel oder Kritiker aus der Regierungskoalition. Gegenüber der ARD sagte Seehofer, Politik sei eine Sucht und er sei eindeutig süchtig. Hätte er es nicht gesagt, man hätte es vermuten können.

    Doch was wird von Seehofer in Erinnerung bleiben, wenn er denn tatsächlich irgendwann einmal in den Ruhestand geht? Er war weder längster CSU-Chef (Franz Josef Strauß), noch als Dienstältester Ministerpräsident im Freistaat (Alfons Goppel). Er hat keine grundlegenden Großreformen durchgesetzt, nicht einmal sein Herzensprojekt PKW-Maut wird sein Vermächtnis. Aber sollte jemand in zwanzig oder dreißig Jahren ein gutes Beispiel für politische Machtkämpfe, Intrigen und Siegeswillen in der Zeit um die Jahrtausendwende suchen, der Name Horst Seehofer würde fallen. Und wer weiß, vielleicht wird seine Geschichte ja doch einmal verfilmt, dann aber eher vom Bayrischen Rundfunk als in Hollywood. Ein spannender Stoff ist es allemal. Und wir dürfen nicht vergessen: Noch ist Seehofer im Amt. Das letzte Kapitel der Filmreihe ist also noch lange nicht geschrieben.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Hollywood, Leben, Horst Seehofer, Deutschland