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    Ein zerstörter Panzer während Kampfgefechts zwischen LNA-Truppen und Regierungsarmee in Bengasi (Archivbild)

    Kein neuer Gaddafi: Tage für den „rebellierenden General“ in Libyen gezählt?

    © AFP 2019 / ABDULLAH DOMA
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    Die schon seit nahezu vier Monate andauernden Gefechte um Tripolis, die der libysche General Chalifa Haftar gegen die Regierung von Fayiz as-Sarradsch führt, kosten zunehmend mehr friedlichen Zivilisten das Leben. Eine der Konfliktseiten hat jüngst ein Flüchtlingslager in Schutt und Asche gelegt.

    Es ist immer noch unklar, welche von ihnen für diesen Luftangriff verantwortlich ist. Aber dieser Zwischenfall könnte der Karriere des „rebellierenden Generals“ ein Ende bereiten.

    Luftangriff gegen Flüchtlingslager

    Das Flüchtlingslager, das dem Luftangriff ausgesetzt war, liegt am Rande der libyschen Hauptstadt, unweit von einem Stützpunkt der Regierungstruppen. Sobald der Tod von etwa 40 friedlichen Einwohnern bekannt wurde, warf die Regierung den Angriff General Haftar vor.

    Sarradschs Anhänger verwiesen darauf, dass Haftar wenige Tage zuvor Luftangriffe angekündigt und Zivilisten aufgefordert hatte, sich um ihre eigene Sicherheit zu kümmern. Aber die Flüchtlinge sind wohl nicht deswegen ums Leben gekommen, weil sie das Lager nicht verlassen hatten. Die Rebellen hatten vermutlich auf den Stützpunkt der Regierungstruppen gezielt, jedoch danebengeschossen. Umso schlimmer war die Situation, weil die meisten Opfer aus anderen afrikanischen Ländern waren und vorhatten, sich bald über das Mittelmeer nach Europa zu begeben.

    Die Afrikanische Union, der Haftars Hauptsponsor Ägypten angehört, und Frankreich, das Sympathie für den General empfindet, haben den Luftangriff verurteilt und zur Bestrafung der Schuldigen aufgerufen. Auch die Türkei greift Haftar, mit der er erst vor wenigen Tagen eine Auseinandersetzung nur mit viel Mühe vermeiden konnte, verbal an.

    Haftars „türkisches Gambit“

    Im Juli hat die Libysche Nationale Armee mit General Haftar an der Spitze die Kontrolle über die strategisch wichtige Stadt Garian verloren. Von dort aus plante er einen Vormarsch nach Tripolis, um Sarradschs Kräfte zu bezwingen. Doch seine Pläne sind gescheitert.

    Die Truppen der Regierung der nationalen Einheit, die die Unterstützung bewaffneter Kräfte aus Misrata (der drittgrößten Stadt Libyens) genossen, haben Haftars Kämpfer aus Garian verdrängt. Das war ein herber Schlag gegen die Ambitionen des Generals. Der weitere Vormarsch nach Tripolis wurde unmöglich.

    Kurz vor der entscheidenden Schlacht traten auch die türkischen Behörden auf die Seite Sarradschs. Präsident Recep Tayyip Erdogan gab zu, dass Ankara Tripolis mit Waffen unterstützt.

    „Wir werden Sarradsch mit Waffen beliefern, wenn wir die entsprechende Anfrage und eine rechtzeitige Zahlung bekommen“, so Erdogan.

    Dafür wurde der türkische Staatschef von der Uno kritisiert, erwiderte jedoch, dass sein Land die legitime Regierung Libyens unterstütze, während Ägypten und die VAE dem Rebellen Haftar zur Seite stünden.

    Nach der Niederlage in Garian befahl der General, türkische Schiffe im libyschen Hoheitsgewässer anzugreifen und alle türkischen Staatsbürger im Osten Libyens festzunehmen. Festgenommen wurden insgesamt sechs Personen.

    „Die Türkei erwartet die unverzügliche Freilassung ihrer Bürger. Andernfalls werden Haftars Objekte unser legitimes Ziel“, reagierte darauf das Außenministerium in Ankara.

    Haftar sah offenbar die Aussichtslosigkeit seiner Lage ein, und nur einen Tag später wurden die festgenommenen Türken wieder freigelassen.

    „Der General hat verloren“

    Der Leiter des russischen Zentrums für Islam-Studien beim Institut für innovative Entwicklung, Kirill Semjonow, sieht im künftigen Libyen keinen Platz für Haftar:

    „In Garian war der Hauptstab des Generals, in dem er die ‚Libysche nationale Armee‘ anführte, die für Stabilität an der ganzen Frontlinie sorgte. Der blitzschnelle Verlust dieser Stadt hat aber seine Versuche, Tripolis zu erobern, auf einmal aussichtslos gemacht. Allen wurde klar, dass der General die Hauptstadt nicht erobern kann“, stellte der Experte fest.

    Er verwies darauf, dass der General das erwähnte Flüchtlingslager bereits nach dem Verlust Garians beschießen ließ. Das sei ein Beweis dafür, dass Haftar machtlos sei und seine Niederlage auch begriffen habe.

    „Er hat ja nicht einmal versucht, Garian zurückzuerobern. Offensichtlich sind seine Kräfte am Ende, und alle Pläne sind gescheitert. Übrigens hatte er diese Stadt unter Kontrolle genommen, weil er diverse bewaffnete Gruppierungen quasi geschmiert hatte – und verloren hat er sie nach blutigen Gefechten“, betonte Semjonow.

    Noch im Frühjahr hätte General Haftar Verteidigungsminister in der Regierung der nationalen Verständigung werden können. „UN-Generalsekretär António Guterres kam höchstpersönlich nach Libyen, um Haftar zu Verhandlungen mit Sarradsch zu überreden. Dieser weigerte sich aber. Nach allen weiteren Schritten des Generals hält Sarradsch ihn für einen Kriegsverbrecher“, so Semjonow weiter. „Selbst der Leiter der russischen Kontaktgruppe für die Libyen-Regelung, Lew Dengow, nannte Haftar einen Aggressor.“

    Der Politologe verwies darauf, dass sich die russischen Behörden bis zuletzt um Verhandlungen mit allen Konfliktparteien in Libyen bemüht und sich mit Haftar mehrmals getroffen hatten. „Aber heute will niemand mehr mit Haftar etwas zu tun haben. Es ist allen klar, dass er verloren hat.“

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Muammar al-Gaddafi, Libyen, LNA, Khalifa Haftar