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00:40 21 August 2019
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    Stapellauf des neuen chinesischen Eisbrechers Xuelong 2 (Archivbild)

    Ansprüche auf die Arktis: Wozu baut China Eisbrecher?

    © AFP 2019 / STR
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    Andrej Koz
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    Die Wasserverdrängung erreicht nahezu 14.000 Tonnen, die Ausdauer auf hoher See liegt bei 60 Tagen, die Besatzung besteht aus 90 Mann. Das sind die technischen Daten des ersten chinesischen Eisbrechers, der kürzlich in Betrieb genommen wurde.

    Das Schiff heißt „Xue Long-2“, was so viel wie „Schneedrache-2“ bedeutet. Es wurde dem Institut für Polarforschungen übergeben. Schon in wenigen Monaten soll es auf Reise in Richtung Antarktis gehen und künftig bei der Arktis-Erforschung eingesetzt werden.

    Wozu das Reich der Mitte eine Eisbrecher-Flotte braucht, schreibt Sputnik in diesem Beitrag.

    Schneedrachen

    Aktuell verfügt China über zwei Eisbrecher: Die „Xue Long-1“ entstand einst auf Basis eines Frachtschiffes, das 1993 in der Ukraine gekauft worden war. Zwischen dem 22. Juli und dem 2. August 2012 passierte die „Xue Long-1“ die 2894 Seemeilen lange Nordostpassage und wurde damit zum ersten chinesischen Schiff, dem das gelungen ist. Diese Fahrt erfolgte im Rahmen einer umfassenden Arktis-Expedition, die 90 Tage dauerte. Chinesische Experten untersuchten dabei die Wasserqualität.

    Die „Xue Long“ wurde zwei Mal gründlich modernisiert, unter anderem mit einem neuen Triebwerk und einem Tieftauchgerät ausgerüstet. Es wird erwartet, dass der Eisbrecher bis 2030 in Betrieb bleiben wird.

    Die „Xue Long-2“ ist etwas kleiner: 122,5 Meter lang und 22,3 Meter breit. Ihre Diesel-Elektro-Triebwerke ermöglichen eine Geschwindigkeit von bis zu 15 Knoten im freien Wasser und von bis zu drei Knoten in einer anderthalb Meter dicken Eisschicht.

    Das Schiff verfügt über moderne Anlagen für ozeanografische Aufnahmen, zur Beobachtung der Eisschicht, zur Erforschung der Atmosphäre- und Umweltbedingungen, des Meeresbodens und der Bioressourcen. Zudem wird der Eisbrecher die Aufgaben zur Versorgung der chinesischen Forschungsobjekte in der Arktis und Antarktis übernehmen.

    Die Volksrepublik gehört zwar nicht zu den Arktis-Ländern, hat aber eigene Interessen im Hohen Norden. Im Januar 2018 veröffentlichte der chinesische Staatsrat das erste „Weißbuch“ zur Arktis-Politik. Dort wurde die Absicht festgeschrieben, gemeinsam mit anderen Staaten Seehandelswege im Rahmen der Initiative „Polare Seidenstraße“ einzurichten. Laut dem Dokument werden chinesische Unternehmen für die Beteiligung an der Entwicklung der Infrastruktur dieser Wege belohnt. Zudem macht Peking kein Hehl aus seiner Absicht zur Förderung von Öl-, Gas- und anderen Ressourcen in der Arktis.

    Das löste heftige Reaktionen in Washington aus. Am 23. Mai erklärte Trumps Sicherheitsberater, John Bolton, dass die US-Marine bald neue Eisbrecher bekommen würde, um mit Russland im Hohen Norden zu konkurrieren und der „illegalen Expansion“ Chinas zu widerstehen. Allerdings sind sich zahlreiche Experten einig, dass dies nichts als Propaganda und übliche Rhetorik der Amerikaner über „Gefahren“ ist.

    „Ich würde nicht über eine umfassende Expansion Chinas in der Arktis sprechen“, sagte Wassili Kaschin vom russischen Institut für Fernost-Studien, gegenüber RIA Novosti. „Peking hat zweifellos seine Interessen in der Region. Die Chinesen haben bereits ihre Mittel in unser Projekt ‚Jamal SPG‘ investiert. Theoretisch interessieren sie sich auch für die Nordostpassage als Alternative für andere Routen, die aktuell genutzt werden. Aber irgendwelche umfassenden Pläne zum Ausbau seiner Präsenz in der Arktis hat China nicht. Dass es einen vollwertigen Eisbrecher gebaut hat, zeugt von nichts. Polarforschungen führen alle Länder, die große Forschungs- und Seefahrtambitionen haben“, stellte der Experte fest. „Ohne Stationen in der Antarktis, ohne Expeditionen in die Arktis ist es unmöglich, den Klimawandel zu untersuchen und andere wissenschaftliche Richtungen zu entwickeln. Praktisch alle großen Staaten verfügen über Forschungseisbrecher – Japan, Frankreich, Großbritannien. Selbst Indien hat ein Programm zum Bau von Eisbrechern.“

    Die Region des Anstoßes

    Laut Medienberichten will China bis 2025 den Anteil der Nordostpassage bei der Güterbeförderung per See auf 20 Prozent erhöhen. Die Alternativen sind die längeren Wege über den Suez- und den Panamakanal. Während die Schiffe aus Murmansk nach Yokohama über den Suezkanal 12.840 Seemeilen überwinden müssen, ist der Weg über die Nordostpassage nur 5770 Seemeilen weit.

    Der Führungsakteur in der Arktis ist und bleibt Russland, das de facto allein die Nordostpassage kontrolliert, und zwar dank seiner starken Eisbrecher-Flotte. Im Hohen Norden sind nämlich vier Atom-Eisbrecher aktiv: „Jamal“, „50 let Pobedy“, „Taimyr“ und „Waigatsch“.  Zudem steht Russland der Atom-Leichtfrachter „Sewmorput“ zur Verfügung. Und es kommen noch mehrere Diesel-Elektro-Eisbrecher hinzu.

    In einem Schiffbaubetrieb in St. Petersburg werden aktuell drei weitere Eisbrecher LK-60Ja der Serie 22200 mit neuen Meilern RITM-200 gebaut. Alle drei Rümpfe sind bereits vom Stapel gelaufen. Das erste Schiff, das den Namen „Arktika“ tragen wird, soll 2020 fertig sein, das zweite „(Sibir“) 2021, das dritte („Ural“) 2022. Das werden die größten und stärksten Schiffe ihrer Klasse sein. Außerdem soll in absehbarer Zeit der Bau von superstarken Eisbrechern der neuen Generation beginnen (Projekt „Lider“ mit Meilern „RITM-400“).

    Die Entwicklung der Situation im Hohen Norden gefällt den USA nicht, die nur zwei Eisbrecher besitzen. Im November 2018 erklärte der amerikanische Rechnungshof die Notwendigkeit der militärischen Präsenz in der Arktis. Als wichtiger Risikofaktor gelten in Washington Russlands große Investitionen in die Energiewirtschaft, Logistik und Infrastruktur entlang der Nordostpassage. Zudem verwiesen die Amerikaner darauf, dass die Eisoberfläche in der Arktis seit 1981 wesentlich geringer geworden sei.

    „Diese Veränderungen haben zum Ausbau der kommerziellen sowie anderer Aktivitäten in der Region beigetragen, was von den USA – neben den Streitigkeiten über souveräne Rechte – erfordern könnte, ihre bewaffneten Kräfte in der Arktis aufzustocken“, heißt es in der Erklärung des Rechnungshofs.

    Die russische Führung hat angesichts dessen neue Regeln entwickelt, die von ausländischen Kriegsschiffen in der Nordostpassage eingehalten werden müssen. Jetzt müssen diese Moskau über ihre Pläne, die Nordostpassage zu passieren, 45 Tage zuvor benachrichtigen. Außerdem muss an Bord jedes Kriegsschiffs ein russischer Lotse zugelassen werden. Zudem behält sich Moskau das Recht vor, ausländischen Schiffen die Einfahrt in die Nordostpassage zu verweigern. Und sollte jemand dort unerlaubt erscheinen, könnte Russland außerordentliche Maßnahmen ergreifen: das jeweilige Schiff festnehmen oder sogar vernichten.

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