02:11 23 November 2019
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    Frauen fotografieren sich vor dem Nachbau eines LNG-Tanks bei der Ausstellung in St. Petersburg (Archivbild)

    Warum die USA ohne russisches Flüssiggas nicht auskommen können

    © Sputnik / Ewgenij Biatow
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    Das US-Verkehrsministerium hat die Consultingfirma Poten and Partners Inc. mit einer Studie beauftragt, wie sich die USA des russischen Flüssiggases entledigen können. Warum einer der weltweit größten Gasproduzenten und Nettoexporteure in nächster Zukunft weiterhin Flüssiggas aus Russland importieren muss – das erfahren Sie in diesem Artikel.

    Die am Atlantik gelegenen US-Bundesstaaten wie New York, Massachusetts, Pennsylvania sind auf russisches Flüssiggas angewiesen, wenn Bedarfsspitzen erreicht werden.

    Allein im vergangenen Jahr war dies sieben Mal der Fall. Im Januar, als es im Nordosten des Landes zu anomalen Frosttemperaturen kam, trafen im Hafen Bostons zwei Tankschiffe mit russischem Flüssiggas ein – Gaselys und Provalys, die der französischen Firma Engie gehören.

    Im Juli mussten die Amerikaner wegen einer starken Hitze und ständig laufenden Klimaanlagen eine neue Partie Kraftstoff für Stromkraftwerke kaufen. Am 26. Juli lieferte Gaslog Hong Kong an den Bostoner Flüssiggasterminal Everett mehr als 100 Mio. Kubikmeter Gas von Jamal. Im vergangenen November, kurz vor dem Winter, legten in Boston vier weitere Tankschiffe mit Flüssiggas der russischen Firma Novatek an.

    Bemerkenswert ist, dass der russische Gasproduzent Novatek und der Mitbesitzer dieses Unternehmens, Gennadi Timtschenko, auf der US-Sanktionsliste stehen. Deswegen erfolgen die Deals über Zwischenhändler – über die französischen Firmen Engie und Total, die malaysische Petronas u.a. Allerdings bleibt der Fakt bestehen – die nordöstlichen US-Bundesstaaten sind auf russisches Gas angewiesen.

    Es ist klar, dass das den Amerikanern nicht sehr gefällt. Washingtoner Beamte warnen vor einer massiven Energiekrise, wenn Russland plötzlich die Lieferungen einstellen sollte.

    Im Nordosten der USA wäre man sogar froh darüber, wenn mehr Gas aus Russland geliefert würde, denn die lokalen Stromkraftwerke müssen bei hoher Belastung zur teuren und umweltschädlichen Kohle greifen.

    Exelon kündigte vor kurzem den Bau eines Gasheizwerks mit einer Kapazität von 2000 Megawatt zum Jahr 2022 in Boston an und erwarb bereits bei der französischen Engie das Flüssiggasterminal Everett. Doch zur Umsetzung des Projekts muss die wichtigste Frage gelöst werden: Woher kommt das Gas?

    Gehemmt durch Jones Act

    Es ist eine absurde Situation entstanden – die US-Flüssiggasprojekte am Mexikanischen Golf sind wegen ausbleibender Abnehmer bedroht, und die nördlichen Bundesstaaten müssen Flüssiggas im Ausland kaufen. Das ist mit einem fast vor 100 Jahren verabschiedeten Gesetz verbunden. Laut dem Jones Act können Frachten zwischen US-Häfen nur von Schiffen befördert werden, die in den USA gebaut wurden, amerikanischen Eigentümern gehören und über eine amerikanische Besatzung verfügen.

    Dieses rein protektionistische Gesetz schützte früher Schiffsbauer vor ausländischen Konkurrenten und sicherte Schiffsunternehmen ein Monopol für die Beförderungen in den Hoheitsgewässern. Doch der Nebeneffekt war der Verfall der amerikanischen Schiffsbauindustrie.

    „Zur Zeit der Verabschiedung des Jones Act bauten Japan, Südkorea und China fast keine Schiffe, doch 2015 entfielen auf sie bereits 91,4 Prozent des globalen Schiffsbaus nach der Tonnage“, heißt es in einer jüngsten Studie von Cato Institute. „Die Zahl der in den USA gebauten Schiffe der Ozean-Klasse sank von 45 im Jahr 1953 auf fünf im Jahr 2015.“

    Dank den Anstrengungen der Gewerkschaft der US-Schiffsbauer, einer der stärksten und einflussreichsten im Lande, wird die Zahl der Beschäftigten in der Branche fast nicht kleiner. „Das heißt, dass die Arbeitsleistung sehr niedrig ist, weshalb US-Schiffe fünfmal teurer als ausländische sind“, so die Verfasser der Studie. „Deswegen bevorzugen Schiffsunternehmen -  darunter amerikanische - japanische, koreanische und chinesische Schiffe, die viel attraktiver nach dem Preis, Zuverlässigkeit und Baufristen sind.“

    Keine Wahl

    Die Schiffsbaubranche in den USA überlebt nur dank Rüstungsaufträgen. Im zivilen Segment haben die Schiffsunternehmen kein einziges Gastransportschiff. Es gibt sie auch nicht im Portfolio der Schiffsbauer – ähnlich sieht es bei den Tankschiffen aus.

    Flüssiggas von Louisiana nach Boston zu liefern, würde erst mit der Aufhebung des Jones Act möglich. Doch laut Analysten des Cato Institute sind die Chancen gering wegen des erbitterten Widerstands seitens der Schiffsbau-Lobby. Denn die Aufhebung des Johnes Act würde unter heutigen Bedingungen dazu führen, dass nicht konkurrenzfähige US-Unternehmen den Markt den Ausländern überlassen müssen.

    Einen Ausweg aus dieser Sackgasse sollen nun Berater der Consultingfirma Poten and Partners finden. Laut einer Ausschreibung sollen sie bestimmen, wie viele Flüssiggastankschiffe im Land zur Beförderung aus dem Mexikanischen Golf nach Boston ohne Verletzung des Jones Act gebaut werden müssen.

    Angesichts des jetzigen Zustandes der Schiffsbaubranche in den USA werden für die Umsetzung dieser Pläne mehrere Jahre erforderlich sein. In dieser Zeit muss Boston ausländisches Flüssiggas kaufen - also russisches Gas (Yamal LNG), das vom Preis her konkurrenzlos ist.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    LNG, Flüssiggas, Russland, USA