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12:31 19 August 2019
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    Hans-Georg Maaßen (Archiv)

    Meinungsstreit oder Meinungsdiktat – Ist Maaßen wirklich rechts oder sind Journalisten arrogant?

    © AFP 2019 / ODD ANDERSEN
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    Andreas Peter
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    Der Bonner „General-Anzeiger“ hat ein Interview mit dem früheren Verfassungsschutzpräsidenten Hans-Georg Maaßen geführt. Die Darstellung der Zeitung suggeriert, Maaßen habe überreagiert. Doch beim Lesen entsteht der Eindruck, es könnte auch anders gewesen sein. Das Interview wirft erneut die Frage auf, ob wir tatsächlichen Meinungsstreit erleben.

    Es ist ein seltsames Gefühl, wenn man nach einem Interview mit einem Mann, den man aus mancherlei Gründen nicht unterstützen oder verteidigen möchte, auf einmal den Drang verspürt, ihm doch zur Seite zu springen, erst Recht als Journalist, der bekanntlich gut daran tut, sich nicht mit seinem Berichtsgegenstand zu solidarisieren oder einen solchen Eindruck zu erwecken.

    Bei dem Interview, das der „General-Anzeiger“ Bonn mit Hans-Georg Maaßen, dem ehemaligen Präsident des Bundesamtes für Verfassungsschutz, am 1. August 2019 veröffentlichte, ist bereits die Einführung durch die Zeitung verräterisch. „Keine Viertelstunde ist vergangen, als Hans-Georg Maaßen aufsteht, sein Sakko nimmt und das Gespräch abbrechen möchte.“ Mit diesem Satz werden die Leser in das Interview eingeführt. Dass schafft Erwartung. Erst recht, weil man als Leserin oder Leser erfährt, dass das Interview eigentlich ein Streitgespräch ist, ein deutlicher Unterschied zu einem „normalen“ Interview.

    Als durchschnittlicher Leser erwartet man also, dass Maaßen entweder aufgrund einer ihm nicht genehmen Frage oder aus Frust über die Erkenntnis, schwache Argumente zu haben, oder aus Empörung über eine als unfair oder unhöflich empfundene Behandlung durch die fragenden Journalisten das Streitgespräch abbrechen möchte.

    Der „General-Anzeiger“ erklärt den Lesern außerdem das journalistische Grundprinzip der Autorisierung eines Interviews, das nicht unter Live-Bedingungen geführt wird. Denn häufig sind gedruckte oder online veröffentlichte Interviews „nur“ Zusammenfassungen von zum Teil deutlich längeren Gesprächen, die ebenso häufig auch in nicht druckreifer Sprache ablaufen. Deshalb erhalten Gesprächspartner im Regelfall vor Veröffentlichung die Gelegenheit zur Klar- oder Richtigstellung von Aussagen des niedergeschriebenen Interviews.

    Das ist immer ein Balanceakt für Journalisten, denn natürlich wollen sie verhindern, dass ein Interview seine Lebendigkeit verliert. Vor allem aber wollen sie naheliegender Weise verhindern, dass ursprüngliche Aussagen ohne Not in ihrem Sinngehalt nachträglich komplett ins Gegenteil verkehrt werden und damit Sinnzusammenhänge verloren gehen könnten, die wiederum an anderer Stelle weitere Änderungen nach sich ziehen könnten. Ganz abgesehen vom Nachrichtenwert, den ein Interview mit solchen gravierenden Änderungen verlieren könnte.

    Im Fall des Streitgespräches zwischen zwei Journalisten des „General-Anzeigers“ und Hans-Georg Maaßen erfahre ich als Leser: „Hans-Georg Maaßen hat diese Gelegenheit genutzt, um weite Teile des Gesprächs neu zu formulieren und ganze Komplexe zu streichen – wie den Teil, in dem er das Interview beenden wollte. Daher fügen wir manche Passagen (gefettet) ein.“

    Wenn Maaßen das Interview so entstellte, warum veröffentlicht die Zeitung es?

    Ab hier beginnt ein Problem. Denn wenn ein Gesprächspartner „ganze Komplexe“ aus einem Interview herausstreicht, und in diesem Fall angeblich oder tatsächlich sogar einen ganz wesentlichen, der für die Journalisten so wichtig ist, dass sie mit diesem Komplex das Interview für den Leser einführen, es sozusagen damit bewerben, dann stellt sich anderen Journalisten, wie dem Autor dieses Kommentars, die Frage, warum der „General-Anzeiger“ nicht auf das Interview verzichtet hat, wenn es nicht nur in weiten Teilen neu formuliert, sondern in einem wichtigen Teil sogar noch gravierender verändert wurde?

    Wenn der „General-Anzeiger“ aus journalistischen Motiven, und nur die können maßgeblich sein, entscheidet, dieses Streitgespräch ist so wichtig, enthält so prägnante – im Idealfall neue – Aussagen, die wir gemäß unserer Chronistenpflicht den Lesern nicht vorenthalten dürfen, oder aber der Gesprächspartner offenbart ein derart eklatant unprofessionelles, grenzwertiges oder entlarvendes Verhalten oder Denken, dass angesichts seiner politischen Funktion, die er ausübte, für die Öffentlichkeit wichtig ist, dies zu dokumentieren, dann sollte das auch in einem solchen Interview für einen durchschnittlichen Leser in nachvollziehbarer, offenkundiger Weise nachzulesen sein.

    War tatsächlich ein Interview geplant oder ein Verhör?

    Doch regelrecht verstörend ist es, wenn ein solches Streitgespräch eingeleitet wird mit der Frage:

    „Herr Maaßen, wie rechts sind Sie?“

    Es ist bemerkenswert, dass Maaßen auf eine solche Gehässigkeit gleich am Beginn eines Gespräches überhaupt antwortet: „Ich bin nicht rechts.“ Aber vielleicht erklärt dieser kurze Moment am Beginn seine spätere Gereiztheit, von der wir allerdings nur als Behauptung des „General-Anzeigers“ wissen. Immerhin hat der Leser nun eine leise Vorahnung, was das Ziel dieses Streitgespräches zu sein scheint. Man mag Hans-Georg Maaßen als politisch rechts einordnen, aber eine solche Einordnung sollte doch wohl als Mindestanforderung den Nachweis einer solchen Gesinnung bedingen. Und hier sind wir beim nächsten Problem. Denn die Journalisten des „General-Anzeigers“ offenbaren im Weiteren, dass sie solche Nachweise nicht haben oder sie vorzubringen für unnötig erachten, sondern stattdessen ihnen nicht genehme Ansichten pauschal als rechts diffamieren.

    Dass Hans-Georg Maaßen sich in dem Gespräch ohne rot zu werden als links bezeichnet, was er davon ableitet: „Menschen, die mich näher kennen, halten mich für sozial und damit für eher links“, könnte als peinliche Wahrnehmungsverzerrung abgetan werden. Aber Maaßen erklärt dann leider sehr zutreffend, dass der Begriff rechts inzwischen als argumentative Totschlagskeule missbraucht wird:

    „Nur, weil man die Klimapolitik und die Migrationspolitik kritisiert, nur weil man Bedenken hat, was einige Punkte der Sicherheitspolitik angeht, ist man nicht automatisch rechts. Der Ausdruck rechts wird heute inflationär verwendet, um Personen auszugrenzen und um sich mit den Sachargumenten nicht auseinandersetzen zu müssen.“

    Gegen Klima- und Migrationspolitik zu sein, ist „rechts“?

    Spätestens hier hätten die Journalisten ein überzeugendes Beispiel liefern müssen, warum Maaßen ihrer Meinung nach rechts sei. Doch auch ihr Vorhalten einer umstrittenen Aussage Maaßens, er sei „nicht in die CDU eingetreten, damit 1,8 Millionen Araber nach Deutschland kommen“, ist maximal eine weitere peinliche Wahrnehmungsverzerrung des ehemaligen Verfassungsschutzchefs, aber nicht rechts. Der Eindruck verstärkt sich, dass die beiden Journalisten eine ihnen politisch nicht genehme Sichtweise auf deutsche Migrationspolitik unbedingt als rechts diffamieren wollen. Maaßen lässt sich das verständlicherweise nicht gefallen. Der rhetorische Ball springt hin und her, allerdings in keinem Tonfall, der für einen Leser auf einen gewissen Lautstärke- und/oder Erregungspegel des einen oder aller Gesprächspartner schließen lässt.

    Deshalb erfolgt für einen durchschnittlichen Leser auch etwas überraschend der erste fettgedruckte redaktionelle Einschub: „Danach unterbricht Maaßen das erste Mal scharf eine Frage der Interviewer. Man einigt sich, einander aussprechen zu lassen.“ Denn es drängt sich die Frage auf, welche Frage der Journalisten es denn war, die Maaßen angeblich oder tatsächlich scharf unterbrach und wieso eigentlich auch die Journalisten einwilligten, einander aussprechen zu lassen? Dass Maaßen auf die diesem redaktionellen Einschub unmittelbar folgende unspektakuläre Frage: „Wir schreiben über jugendliche Intensivtäter aus Nordafrika und über Rechtsextremis“, derart emotional reagiert haben soll, kann die Redaktion des „General-Anzeigers“ ihren Lesern nicht ernsthaft suggerieren wollen.

    An diesem Punkt sind wir wieder bei den Eingangsbemerkungen des „General-Anzeigers“, denn an dieser Stelle zeigt sich, dass es von sehr grundsätzlichem Interesse wäre, den nicht korrigierten Verlauf und Wortlaut des Gespräches zu kennen oder zumindest andeutungsweise das Thema jener Frage zu erfahren, die Hans-Georg Maaßen derart in Rage brachte. So aber sind die Leser gezwungen, den Darstellungen der Zeitung zu vertrauen, finden für ein eklatantes Fehlverhalten Maaßens aber keine Entsprechung in seinen Antworten. Und wenn dies durch die Korrekturen Maaßens verloren gegangen ist, welchen Sinn hat ein solches Interview dann eigentlich noch?

    Dabei erfahren die Leser in zwei späteren redaktionellen, fettgedruckten Einschüben durchaus Details des tatsächlichen Verlaufs und der tatsächlichen Wortwahl, die hilfreich sein können für eine bessere Einordnung des gesamten Gespräches. Warum allerdings Maaßen das Gespräch um alles in der Welt beenden wollte, als er darlegen sollte, wie er seiner Parteifreundin Serap Güler sein Zitat mit den 1,8 Millionen Arabern erklären würde, ist – vorsichtig formuliert – rätselhaft. Oder aber es ist vielleicht – wir erinnern uns an den Beginn des Gespräches – zu erklären mit der Tatsache, dass sich Maaßen von der ersten Minute an provoziert fühlte?

    Die politische Debattenkultur in Deutschland ist in einer ernsthaften Krise

    Spätestens ab diesem Moment hat der Autor dieses Kommentars dieses Gespräch mit dem unguten Gefühl gelesen, hier eine nicht authentische Gesprächssituation vorzufinden, die offenbar nur darauf zugeschnitten wurde, Hans-Georg Maaßen als notorischen Rechtsausleger vorführen zu wollen, dem das Wort im Mund umgedreht wird und der nur aufgrund einer von den Journalisten als ihnen nicht genehm empfundenen Meinung als rechts diffamiert wird.

    Wann ist eigentlich in diesem Land festgelegt worden, dass jede Einwanderung und jeder Einwanderer grundsätzlich als gut und erstrebenswert zu empfinden sind? Wann ist in diesem Land festgelegt worden, dass Zweifel und/oder Kritik an der derzeit aktuellen Migrationspolitik der Bundesregierung per se als rechts diffamiert werden dürfen? Wann ist in diesem Land festgelegt worden, dass dieses Land in seiner politischen Debattenkultur Anleihen beim Stalinismus aufnehmen muss, um abweichende Meinungen und Sichtweisen rücksichtslos mundtot zu machen, indem man sie reflexhaft als rechts diffamiert?

    Denn der Effekt dieser Totschlagskeulen ist ja nicht, dass notorische Ausländerhasser und Neonazis verstummen, sondern Menschen, die mit deren Gedankengut nichts am Hut haben, aber eben nicht in einer Welt, in einem Alltag leben, der von den negativen Auswirkungen von Armuts- und/oder Wirtschaftsmigration nicht oder nie betroffen ist und die ernsthafte Ängste und Sorgen haben, aber nicht mit echten Neonazis in einen Topf geworfen werden wollen, deshalb lieber schweigen und sich ins Private zurückziehen. Die DDR lässt grüßen!

    Wer ein weiteres Erstarken des rechten Randes in diesem Land ehrlich und aufrichtig eindämmen will, der sollte endlich aufhören, abweichende Meinungen fahrlässig oder vorsätzlich zu diffamieren und zu denunzieren, aber gleichzeitig zu behaupten, man führe doch einen offenen, demokratischen Meinungsstreit.

    Das gilt auch gegenüber ehemaligen Verfassungsschutzpräsidenten. Denn wie man solche Zeitgenossen am wirkungsvollsten bloßstellen kann, hat dieses Streitgespräch auch gezeigt, aber das ging leider unter. Denn dass Maaßen allen Ernstes seine Amtszeit als Erfolg gegen den Kampf gegen tatsächlich rechtsextreme Bewegungen in Deutschland darstellte, ist mehr als nur eine peinliche Wahrnehmungsverzerrung. Leider hatte der „General-Anzeiger“ wohl ein anderes Ziel mit diesem Streitgespräch.

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    Tags:
    Streit, Meinung, Kritik, Interview, Hans-Georg Maaßen, Deutschland