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19:21 12 November 2019
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    Sicherheitsberater des US-Präsidenten John Bolton im Moskauer Kreml (Archivbild)

    USA entdecken Opferrolle für sich: Wer ist schuld?

    © Sputnik / Alexej Druschinin
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    Die Liste der „Verbrechen Russlands“ ist wieder mal länger geworden. Laut dem Sicherheitsberater des US-Präsidenten John Bolton werden russische Hyperschallwaffen angeblich auf Grundlage von Technologien entwickelt, die von den USA gestohlen wurden.

    Die „Informationsbombe” über die Schaffung der weltweit ersten Hyperschallwaffe zündete am 1. März 2018 der russische Präsident Wladimir Putin während seiner traditionellen Botschaft an die Föderalversammlung.

    Damals hatte die Ankündigung Putins bei den Experten hysterische Reaktionen (ja, seht ihr: die Russen sagen solch einen Unsinn) und nervöse Zurückhaltung (zunächst sollte man alles detailliert klären und erst dann kommentieren) zur Folge. Ein halbes Jahr später spottete niemand mehr. Das Vorhandensein der Hyperschall-Raketenkomplexe Avantgarde und Kinschal, der Rakete Zirkon – der Start ihrer Serienproduktion und Versuchs-Indienststellung – wurde eine allgemein bekannte Sache.

    Was die Amerikaner betrifft, gab Washington in der vergangenen Zeit in verschiedenen Instanzen – vom Rechnungshof bis zum Pentagon – zu, dass die USA weder über solche Waffen, noch über den Schutz vor solchen Waffen verfügen, und ihre Schaffung zu den größten militärtechnischen Prioritäten des Landes zählt.

    Tatsächlich führen die USA seit langem Arbeiten im Hyperschallwaffenbereich durch. Seit den 2000er-Jahren wurden Hyperschallwaffen, die Rakete X-51A für Kampfjets u.a. entwickelt. Allerdings weniger erfolgreich: Ab Mitte der 2010er-Jahre wurden alle Projekte gestoppt. Doch seit dem vergangenen Jahr wurden einige Vorhaben wieder reaktiviert – aus verständlichen Gründen, denn es liegt auf der Hand, dass die Vereinigten Staaten in diesem Bereich stark hinter Russland zurückbleiben und die Aussichten, wann Russland eingeholt werden kann, sind ungewiss.

    Bolton wies wohl auf diese Entwicklungen hin, die angeblich von den Russen geklaut und auf deren Basis die eigenen Waffen schneller als bei den Amerikanern entwickelt wurden.

    Natürlich  könnte man sich darüber aufregen, dass unserem Land wieder einmal alles Mögliche unbegründet vorgeworfen wird. Doch die jetzige antirussische Paranoia der USA, darunter die jüngste Äußerung von Trumps Berater, könnte für die Vereinigten Staaten selbst weitestgehend negativere Folgen als für Russland bedeuten.

    Denn wenn man Bolton glaubt, ergibt sich Folgendes.

    Zunächst schafften die US-Waffenentwickler einen Durchbruch bei Hyperschalltechnologien, doch aus irgendwelchen Gründen wurde es nicht geschafft, diese Fortschritte in konkrete Militärerzeugnisse münden zu lassen – entweder steckte man selbst in der Sackgasse, oder die Arbeiten wurden als aussichtslos angesehen. Danach klauten die russischen Geheimdienste streng gesicherte US-Geheimnisse und übergaben sie an die russische Rüstungsbranche, wo in kürzester Zeit auf deren Grundlage prinzipiell neue Waffen entwickelt, getestet und in die Serienproduktion geschickt wurden, dank denen Moskau nun für viele Jahre jeden potentiellen Konkurrenten im entsprechenden Bereich voraus ist.

    In einer solchen Situation sieht unser Land wie ein superfortgeschrittenes und effektives System mit unglaublich ergebnisreichen Geheimdiensten und genialen Wissenschaftlern aus, wohingegen die USA wie jämmerliche Versager wirken, die sich nur über böse Konkurrenten und das ungerechte Schicksal beklagen können.

    Ein solches Bild wäre für Russland vorteilhaft, zumal es von den Amerikanern selbst kreiert wird.

    In der Weltpolitik wird keine Schwäche der Großmächte geduldet, denn die Konkurrenz ist zu stark. Sobald man Schwäche zeigt, wird man gefressen. Unser Land kennt das sehr gut.

    Die Positionierung als schwaches und armes Opfer wird gewöhnlich von kleineren Ländern praktiziert, die gezwungen sind, zwischen den herrschenden geopolitischen Kräften zu lavieren. Manchmal bringt das ihnen sogar Boni – sowohl politisch als auch wirtschaftlich. Doch häufig bleibt ihnen nur ein Platz in der zweiten beziehungsweise dritten Reihe der Weltpolitik.

    Umso erstaunlicher ist es, dass diese Taktik nun von den USA angewandt wird – einem Land, in dem es immer hieß: „Schläge einstecken und trotzdem lächeln“, „Sich nicht beschweren und keine Verwundbarkeit zeigen“.

    Die Beschwerden über die „russische Bedrohung“ verwandelten sich allmählich in eine von staatlicher Seite befeuerte Tendenz.

    Eine Antwort auf dieses ungewöhnliche Verhalten könnte sein, dass die USA selbst zum Opfer der eigenen ideologischen Waffen wurden. Wir haben uns daran gewöhnt, die Ideologie der aggressiven liberalen politischen Korrektheit zu kritisieren. Doch häufig bemerkt man nicht, dass die USA (und der Westen im Ganzen) diese Ideologie in zwei Versionen nutzen – für den innenpolitischen und außenpolitischen Gebrauch.

    Die Rakete des Typs Burewestnik (Nato-Codename Skyfall) vor dem Teststart (Standfoto)
    © Sputnik / Verteidigungsministerium Russlands / Handout
    In der Innenpolitik wurde dies zu einem sehr bequemen Instrument zur Fragmentierung der Gesellschaft und Vereinfachung der Manipulation. Wenn jede Minderheit gegen eine andere Minderheit kämpft und sie zusammen die „privilegierte Mehrheit der weißen Cisgender-Männer“ angreifen, werden viele gesellschaftspolitische Probleme für das Establishment viel einfacher zu lösen sein.

    In der Außenpolitik erwies sich die Wahrnehmung als Opfer bei vielen Ländern (darunter osteuropäischer) als ein effektiver Mechanismus zur Festigung der russlandfeindlichen Stimmung und ihrer geopolitischen Abspaltung von Russland.

    Ein solches Herangehen ist angesichts seiner Wirkungsmacht tatsächlich beeindruckend.

    Allerdings gibt es eine Nebenwirkung – die USA nutzten es so aktiv, dass sie sich selbst mit dem Virus der Opferrolle infizierten. Dieser Virus drang dabei so tief ein, dass selbst Vertreter der alten Schule davon befallen sind, zu denen auch der 70 Jahre alte Bolton gehört.

    Die Vereinigten Staaten werden das wohl auch wieder einmal Moskau vorwerfen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Vorwürfe, Spionage, Atomantrieb, Interkontinentalrakete, Marschflugkörper, Russland, USA, John Bolton