06:09 08 Dezember 2019
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    US-Präsident Donald Trump spricht Mitarbeiter des LNG-Terminals in Hackberry an (Archivbild)

    Gas-Schwemme: US-Fracker schlittern in die Pleite

    © AP Photo / Gerald Herbert
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    China hat die Käufe von US-Flüssiggas vollständig gestoppt. Investoren halten sich zurück. Vielen Frackingfirmen droht in den kommenden sechs Monaten die Pleite, weil sie die milliardenschweren Kredite nicht tilgen können.

    Die Pläne der USA, 2024 zum weltweit größten LNG-Exporteur aufzusteigen, werden wohl scheitern.

    Perfekter Sturm

    Seit Februar hat China kein Flüssiggas aus den USA mehr importiert. Zu diesem Schluss kamen Analysten der Agentur Bloomberg, nachdem sie die Routen von Tankschiffen analysiert hatten.

    Branchenexperten sind darüber weniger überrascht, weil Peking als Antwort auf die Erhöhung der US-Tarife zunächst neunprozentige Zölle für den Import des amerikanischen Flüssiggases einführte, später stiegen sie sogar auf 25 Prozent.

    Die Folgen waren schnell spürbar – viele LNG-Projekte wurden in den USA auf Ende des nächsten Jahres verschoben. Darüber berichtete die Bank of America Merill Lynch (BofA) in einer analytischen Übersicht in dieser Woche.

    Zuvor erfreute sich das US-Flüssiggas einer großen Nachfrage bei chinesischen Abnehmern. Dennoch stoppte Peking die Käufe. Es ist kaum noch möglich, die Gasprojekte zu finanzieren. Deswegen sind BofA-Analysten sich sicher, dass viele Unternehmen ihre endgültigen Investitionsbeschlüsse zu neuen LNG-Projekten verschieben müssen. Dem Terminal Driftwood in Louisiana im Wert von 28 Milliarden Dollar droht der Stillstand.

    „Wir halten Verzögerungen bei diesem Projekt angesichts des Handelskriegs zwischen den USA und China und den minimalen Chancen auf den Abschluss von Verträgen für LNG-Lieferungen in der nächsten Zukunft für möglich“, so BofA.

    Ähnlich ist die Situation beim Terminal Magnolia der Firma Liquefied Natural Gas Ltd und Terminal in Rio Grande in Texas der Firma NextDecade. Nach der Veröffentlichung des BofA-Berichts verloren die Aktien vieler LNG-Firmen massiv an Wert.

    Verlorener Markt

    Neben dem Handelskrieg sind die Investoren durch die zunehmende Konkurrenz auf dem Weltmarkt beunruhigt. Viele Experten sind sich sicher, dass die Amerikaner es nie schaffen werden, ihre Positionen auf dem aussichtsreichsten Markt – dem chinesischen –  wiederherzustellen.

    Denn Ende dieses Jahres soll die Pipeline „Kraft Sibiriens“ in Betrieb genommen werden. Durch diese Gasleitung wird Russland 38 Milliarden Kubikmeter Gas pro Jahr nach China pumpen. Im August wurde das Vorkommen Tschajandinskoje an die Pipeline angeschlossen. Nun befasst sich Gazprom mit der Füllung des Rohres.

    Im Juni schloss Novatek mit der chinesischen Öl- und Chemiefirma Sinopec ein Abkommen über ein Gemeinschaftsunternehmen zur Lieferung von Flüssiggas und Erdgas an Endverbraucher in China.

    Zudem tauchen ständig neue Verkäufer auf dem Markt auf – beispielsweise der Inselstaat Papua-Neuguinea. Dafür können sich die US-Gasunternehmen bei Präsident Donald Trump „bedanken“.

    Beim Streben, ein Gegengewicht für das chinesische Programm „One Belt One Road“ zu   schaffen, überzeugte Trump beim APEC-Gipfel im November des vergangenen Jahres Japan und Australien, zusammen eine Milliarde Dollar in ein LNG-Werk in Papua-Neuguinea zu investieren. Nun ist es eine günstige Alternative für US-Flüssiggas.

    Wir wählen und werden gewählt

    In den vergangenen Monaten wachsen die Sorgen der Investoren aber auch aus einem anderen Grund – die kommenden Präsidentschaftswahlen. Die Kandidaten der Demokraten haben vor allem „grüne Themen“ auf die Agenda geschrieben, die auf den Kampf gegen den Klimawandel gerichtet ist. Im Visier der Demokraten stehen vor allem Öl- und Gasunternehmen.

    Während der Debatten am 31. Juli sprach sich der Spitzenkandidat der Demokraten, der ehemalige Vizepräsident Joe Biden, für eine Beendigung der Subventionen für Öl- und Gassektor aus. „Wir werden uns bemühen, dass sie ausgeschlossen werden, und es für keines dieser Projekte Subventionen gibt“. Am 22. August äußerte sich der demokratische Kandidat Bernie Sanders noch härter: „Die Leiter der Unternehmen, die sich mit Förderung der  fossilen Rohstoffe befassen, sollten wegen des Schadens zur strafrechtlichen Verantwortung gezogen werden, den sie bewusst zufügt haben“. Sollten die Demokraten bei den Wahlen gewinnen, wird die Gasindustrie auf ernsthafte Probleme stoßen.

    Die Chancen auf eine Wiederwahl Trumps werden mit jedem Tag geringer. Der US-Wirtschaft geht es zunehmend schlechter. Die Landwirte, die zum Trumps Wahlsieg 2016 entscheidend beitrugen, werfen ihm nun die Zerstörung der Handelsbeziehungen mit den wichtigsten Partnern vor.

    „Statt die existierenden Probleme in unserem Landwirtschaftssektor zu lösen, schafft diese Administration neue“, sagte der Präsident der National Farmers Union, Roger Johnson, der Zeitung „Markets Insider“. „Trump verbrennt die Brücken mit allen unseren größten Handelspartnern“.

    Laut Einschätzungen der analytischen Firma Nebraska Farm Business belaufen sich die Schulden eines durchschnittlichen US-Landwirts auf 1,3 Mio. Dollar. „Wir sind konfrontiert mit der schlimmsten Landwirtschaftskrise in der neueren Geschichte“, so Experten von Nebraska Farm Business. Die Landwirte würden Trump kaum bei den nächsten Wahlen unterstützen.

    Kein Ausgang

    US-Gasunternehmen setzen auf zwei Krisenstrategien, wie es in einer Übersicht von Institute for Energy Economics and Financial Analysis (IEEFA) heißt. Die einen bauen die Förderung aus, wobei sie zusätzliche Einnahmen bekommen und Reserven für schlechte Zeiten anlegen wollen. Die anderen versuchen, die Kosten durch den Abbau der Förderung zu drücken.

    Laut IEEFA-Experten sind beide Strategien weniger geeignet – selbst wenn die Erdgasproduzenten ihre Anstrengungen koordinieren, was kaum wahrscheinlich ist, ist ein Anstieg der Preise nicht zu vermeiden.

    Jeder bedeutende Preisanstieg würde eine aktivere Nutzung von erneuerbaren Energien auslösen, wonach die Nachfrage nach fossilem Kraftstoff sinken wird.

    „Im Laufe von vielen Jahren galt Naturgas als die billigste Energiequelle, doch jetzt, wenn der Selbstkostenpreis für Sonnen- und Windenergie sinkt, sind sie ein realer Konkurrent für Gas geworden“, so die Verfasser der Übersicht.

    Doch selbst bei einem Preisanstieg wird sich die Krise von den Förder- in die Verarbeitungsindustrie verlagern. „Die Senkung der Gaspreise provozierten einen  Investitionsboom in der Ölchemie – die Investoren setzten darauf, dass Gas auch weiterhin billig bleiben wird. Sollten sich diese Prognosen nicht bewahrheiten, werden wir nicht nur in der Gasbranche, sondern auch in der Chemiebranche Insolvenzen sehen“, warnen Experten.

    „Die Turbulenzen und Verzweiflung erschüttern die Fracking-Branche“, so IEEFA-Experten. In den kommenden sechs Monaten müssen US-amerikanische Öl- und Gasunternehmen Schulden in Höhe von hunderten Milliarden Dollar zahlen beziehungsweise refinanzieren. Viele können das nicht und werden pleitegehen.

    Angesichts dieser Faktoren könnte sich die Investitionspause in der US-Gasbranche mindestens bis 2021 hinziehen. Damit werden die Pläne der USA, 2024 zum weltweit größten LNG-Exporteur aufzusteigen, scheitern.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    China, USA, Flüssiggas, Fracking, LNG