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12:58 19 Oktober 2019
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    Chef des Axel-Springer-Konzerns, Mathias Döpfner bei Anti-Semitismus-Konferenz in Wien (Archivbild)

    Gut gebrüllt, Löwe! – Aber nun ziehen Sie ihr Faschingskostüm bitte wieder aus, lieber Herr Döpfner!

    © AFP 2019 / APA / HANS PUNZ
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    Der Chef des Axel-Springer-Konzerns, Mathias Döpfner, hat in einem Kommentar auf Seite 1 der Zeitung „Welt“ sowohl Politik als auch Medien im Zusammenhang mit dem Terroranschlag von Halle des „Systemversagens der offenen Gesellschaft“ bezichtigt. Im Kern ist Döpfners Ausbruch leider nur eines, verlogen, findet unser Kommentator.

    Wer schon lange nach einer Antwort auf die Frage sucht, warum ein Wirrkopf wie Franz-Josef Wagner oder ein alberner Schreihals wie Julian Röpcke in den Medien des Axel-Springer-Verlages nach wie vor ungehindert wie volltrunkene Hooligans herummarodieren dürfen, die oder der sollte sich ein Exemplar der Tageszeitung „Die Welt“ vom 11. Oktober 2019 besorgen und sich in aller Ruhe den Kommentar „Nie wieder 'nie wieder'!“ von Springer-Chef Mathias Döpfner anlässlich des Terroranschlages von Halle zu Gemüte führen – und es ist wirklich Ruhe dafür nötig, weil man und auch frau das nicht nur lesen, sondern auch noch ertragen müssen. Dann wird sie oder er feststellen, dass madige Äpfel nicht weit vom schiefen Birnenbaum herunterfallen, auch wenn dieser Birnenbaum so tut, als sei er einer der sagenhaften und edlen Mallornbäume aus Tolkiens Herr-der-Ringe-Saga, auf dem die weise Elbenkönigin Galadriel in Lothlorien ihre gütige Hand schützend über Mittelerde hält.

    Dass die komplette Seite 1 der „Welt“ für diesen wortgewaltigen Mummenschanz freigeräumt wurde, mag darauf hinweisen, in welchem Gemütszustand Mathias Döpfner seine Tirade sowohl geschrieben als auch ins Flaggschiff des Springer-Journalismus gedrückt hat. Doch Handlungen und Worte, deren Quelle hemmungslose Wut, Frustration und eine fatale Selbstüberhöhung sind, führen zu nichts Gutem, wie wir an dem Verbrecher von Halle sehen, dessen Bluttat Mathias Döpfner zum Ausgangspunkt seines gedruckten Wutausbruchs macht.

    Bereits Döpfners Kernthese ist ein Rohrkrepierer: in Halle habe sich ein grundsätzliches „Systemversagen der offenen Gesellschaft“ offenbart.

    Nein! Hat es nicht, lieber Mathias Döpfner!

    Wie ein kluger Mann wie Sie so einen ausgemachten Blödsinn von sich geben und darauf aufbauend dann wutentbrannt und undifferenziert in ihren Suppentopf diverse antisemitische Vorfälle, andere Gewaltverbrechen und gewiss tadelnswerte Reaktionen darauf von Staat und Medien werfen können , ohne dabei auch nur für eine Sekunde aus diesem Trance aufzuwachen und zu bemerken, dass sie gerade eine üble Suppe zusammenrühren, ist im Moment noch rätselhaft. Abgesehen davon, dass es wieder einmal bezeichnend ist, dass Sie, lieber Herr Döpfner, ihren Finger natürlich anklagend auf alles und jeden, nur nicht auf sich selbst und das Medienimperium, über das sie gebieten, richten.

    Dabei ist das Wesentlichste doch offenkundig. Vor allem anderen hat sich in Halle offenbart, dass primär eben nicht eine wie auch immer geartete offene Gesellschaft für ein Verbrechen wie das in Halle als Ursache herangezogen werden kann. Sondern, dass dieses Land offenkundig ein Problem mit einer geschlossenen Gesellschaft hat. Nämlich mit einem Milieu rechtsextremer Mitbürger, die keinerlei Skrupel mehr kennen, ihre antisemitischen und rassistischen Gewaltfantasien auch umzusetzen, von denen sie ansonsten in internen Chatgruppen schwadronieren. Vor allem anderen hat sich in Halle doch wohl offenbart, dass diese rechtsextremen Fanatiker nicht nur Juden hassen und bereit sind, sie zu ermorden, sondern es auch mit Menschen anderer Hautfarbe, anderer Religionen, anderer sexueller Orientierungen zu tun gedenken.

    Dass im Laufe der zurückliegenden Jahre eine große Anzahl von Menschen dieses Land unbehelligt betreten konnten, die mit beispiellosem Hass auf Juden, mit einem mittelalterlichen Frauenbild, mit einem absurden Machogehabe, mit Respektlosigkeit gegenüber staatlichen Autoritäten, mit der Akzeptanz von Gewalt zur Durchsetzung eigener Interessen und zur Lösung von Konflikten aufgewachsen sind, manche sogar regelrecht damit indoktriniert wurden, das ist, wie es so schön heißt, Binsen. Das ist gefährlich und inakzeptabel.

    Aber was hat das mit dem Verbrechen von Halle zu tun, lieber Mathias Döpfner?

    Dass der Umgang von einigen Teilen der Politik, der Medien und der Justiz mit Gewaltkriminalität und Antisemitismus, mit islamischem Fundamentalismus und Fanatismus, mit Kriminalität von Migranten und sogenannter Clankriminalität eines bestimmten Milieus in den letzten Jahren mindestens zweifelhaft ist und ganz offenkundig von einer völlig abgehobenen und weltfremden Sicht auf den Alltag der deutschen Bevölkerungsmehrheit geprägt zu sein scheint, ebenfalls alles Binsen. Das ist ärgerlich und inakzeptabel.

    Aber was hat das mit dem Verbrechen von Halle zu tun, lieber Mathias Döpfner?

    Richtig, nichts.

    Wenn wir uns schon darüber aufregen, und das sollten wir wirklich, lieber Herr Döpfner, dass hemmungsloser Judenhass mit Migranten aus arabischen und anderen muslimisch dominierten Staaten zu uns gelangt ist, und auf eigenartige Weise von einer Reihe von Politikern, Medien, Juristen und ganz normalen Mitmenschen milder behandelt wird als rechtsextremer Judenhass, dann können wir gerne entsprechende Fälle und Beispiele heranziehen, dann kann Ihnen nur zugestimmt werden, dass die von ihnen geschilderten Fälle empörend sind und einen wütend machen.

    Aber das Verbrechen in Halle hat damit nichts zu tun.

    Wenn wir uns schon darüber aufregen, und das sollten wir wirklich, lieber Herr Döpfner, dass eine politische und mediale Elite offenkundig die Bodenhaftung verloren hat, weil sie in ihren Filterblasen und Echokammern tatsächlich glauben, so sehe auch das Leben und die Interessenlage aller anderen Menschen in unserer Gesellschaft aus, dann können wir gerne beispielsweise darüber reden, was Ihr Unternehmen zu diesem Zustand dieser Eliten und dieser Gesellschaft beigetragen hat. Und dann stellen wir fest, dass die Art und Weise, wie die Medien Ihrer Axel-Springer SE, allen voran ihr Revolverblatt „Bild“ zur Verrohung der Sprache, zur Diffamierung und Hetze gegen Andersdenkende, zur Vergiftung der öffentlichen Debatte, zur Respektlosigkeit gegenüber staatlichen Vertretern beigetragen haben, sehr wohl auch mit dem Verbrechen in Halle zu tun haben.

    Wie verlogen Sie argumentieren, lieber Herr Döpfner, wird beispielsweise an dem kleinen Umstand deutlich, dass Sie sich nicht entblöden, erneut gegen den Bundespräsidenten zu hetzen, weil er „traditionell Glückwunschbriefe an die Mullahs im Iran verschickt“, aber über diese Hetze „vergessen“ Sie, dass beinahe zur gleichen Zeit ihre gedruckte Propagandaschleuder „Bild“ ein devotes Interview mit Kronprinz Reza Pahlavi führte, dem Erben jener Dynastie, die mit Hilfe eines brutalen Geheimdienstes namens SAVAK überhaupt erst den mentalen Nährboden dafür schuf, auf dem Ajatollah Khomeini 1979 seinen Siegeszug antreten konnte.

    Wenn Sie also schon Moral predigen wollen, lieber Herr Döpfner, dann fangen Sie doch bitte zunächst im eigenen Haus an. Da haben sie genug zu tun. Ihre Hetzer in der „Bild“ sind eben nicht die Helden, die das sagen, was sich andere nicht trauen, sondern sie sind einfach nur Hetzer. Punkt.

    Die beiden Ermordeten von Halle, die beiden Schwerverletzten von Wiedersdorf, die Opfer aller bisherigen antisemitischen Gewaltverbrechen in Deutschland, die Juden Deutschlands brauchen ihre Krokodilstränen und verlogenen Dampfplaudereien nicht. Sie bräuchten einen Springerchef, der nicht mit den anderen Eliten rumturtelt auf den roten Teppichen dieser Republik, der nicht Vertreter von Heuschrecken in seinen Aufsichtsrat beruft, der nicht rücksichtslose moderne Ausbeuter mit „Visionärs“-Preisen auszeichnet, sondern der in seinem eigenen Unternehmen die Wertmaßstäbe konsequent durchsetzt, die er anderen wie eine Monstranz vor die Nase hält.

    Ihren Mummenschanz, lieber Herr Döpfner, braucht kein Mensch. Also ziehen Sie Ihr Löwenkostüm besser schnell wieder aus, und brüllen Sie ohne Verkleidung und ohne Kreide zu fressen.

    Danke.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Die Welt, Bild-Zeitung, Julian Röpcke, Axel Springer, Mathias Döpfner, Halle