04:16 18 November 2019
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    Das Thüringer Verlangen – Wie „Die Linke“ Platz für die Rechte gemacht hat

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    Die bekannte deutsche Parlamentswelt ist zusammengebrochen: „Dass es in der Mitte keine Mehrheiten mehr gibt“, hat der Thüringer CDU-Spitzenkandidat Mike Mohring in der Wahlnacht verzweifelt ausgerufen und jede Menge Echo gefunden. Einen schönen Nachhall hat die „taz", das Blatt mit dem progressiven Anstrich, geliefert: „Ramelow ist die Mitte."

    Gemeint war der thüringische Ministerpräsident der Linkspartei, der unglückliche Wahlgewinner ohne Perspektive auf eine Regierung, weil seine Partner von SPD und den Grünen nicht genug Stimmen bekommen hatten.

    Die mittigste aller Mitten war über Jahrzehnte jene große Koalition der Bundesrepublik, deren Kern verlässlich von CDU und SPD gebildet wurde, sich aber auch gern mal mit der FDP oder den Grünen garnierte. Eher seltener, aber immer wieder, durfte auch die Linkspartei mal Regierungsluft auf Landesebene schnuppern. Neu an den parlamentarischen Futterkrippen, gefüllt mit Diäten und Dienstwägen, war die AfD. Obwohl sie mit unverbrüchlicher Treue zur Nato eine Grundbedingung für eine Amts-Karriere in Deutschland erfüllt, erinnert ihr Auftritt doch zu sehr an den Marschtritt brauner Kolonnen: Noch verkauft sich das schlecht, zumal der deutsche Exportweltmeister auch gern mit jenen Ländern handelt, die vor gar nicht so langer Zeit deutsche Truppen näher kennengelernt haben.

    Manchmal, so nach dem zweiten, dritten Bier, stimmten damals auch SED-Gastgeber das „Rennsteig-Lied" an, die heimliche Hymne der Thüringer. Es mochte den Gast aus dem Westen befremden, wenn die Genossen von einer „weiten Welt" sangen, in der sie dann doch ein „Verlangen" nach dem „Thüringer Wald" und seinen „Vöglein" packte. Zeigte das innige Singen doch, dass unterhalb des propagierten Internationalismus immer noch jenes Heimatgefühl hockte, das dem Nationalgefühl den Sockel gibt. Jenes Gefühl, an dem man sich festhält, wenn alles immer fremder und anonymer wird: Die kalten Call-Center zur Abwehr von Kunden, die Anglizismen als billiger Ersatz für Sprache, die Shisha-Bar statt der Eck-Kneipe. Mit dem befremdlichen Gefühl von der Veränderung der Heimat kann man vernünftig umgehen, wenn man sich sozial gesichert fühlt. Aber welcher Arbeitsplatz, welche Rente, welcher Mietvertrag hat denn noch eine lange Laufzeit? Und dann noch jene sonderbare nationale Einheit, in der die einen Deutschen glatt 17 Prozent weniger verdienen als die anderen: Ostlöhne eben.

    Die AfD kam jüngst in Thüringen auf 23,4 Prozent, verdoppelte damit ihr bisheriges Wahlergebnis und setzte so den Trend der Landtagswahlen in Brandenburg und Sachsen fort: Wer zur Zeit die Stagnation großkoalitionärer Bierruhe aufschäumen will, der wählt AfD. Die erschrockenen Schlagzeilen bestätigen jene Wähler, die auf der vergeblichen Suche nach einer echten Opposition auf die AfD reingefallen sind. Über Jahre war „Die Linke“, anfänglich noch als PDS firmierend, die genuine Ost-Partei, wie sie auch die nahezu einzige echte Oppositionspartei geworden war, nachdem die Grünen ihren konsequenten Pazifismus gegen ein Nato-Billet eingetauscht hatten. Ausgerechnet mit der sehr redlich gemeinten „Erfurter Erklärung" von 1997, die auch der damalige Gewerkschaftsvorsitzende Bodo Ramelow unterzeichnete, wurden jene Rot-Rot-Grünen Koalitionen eingeläutet, die der Linken den Weg zu einer parlamentarischen Macht ebnen sollte, die doch nur als Einbahn-Straße für Dienstwagen fungierte. Auf diesem Weg verlor die partei ihren Ostbonus und erst Recht ihren Oppositions-Ruf. Bodo Ramelow und seine Anhänger werden sich im Glück eines Wahlerfolges glauben. Wie sie sich als neue Mitte fühlen, mag man nicht denken.

    Als sich am 20. Oktober 2014 in Dresden jede Menge Unzufriedener unter dem Kürzel „Pegida“ sammelten, begann eine außerparlamentarische Bewegung von rechts manche Themen und Plätze zu besetzen, die lange Zeit für links reserviert schienen. Mit dieser Bewegung konnte sich die ursprünglich bürgerlich-konservative CDU-Ausgründung AfD extrem verstärken. Sie bekam bei der Bundestagswahl 2013 mal gerade 4,7 Prozent der Wählerstimmen. Aber nach und mit den Pegida-Aktionen konnte die AfD bei den Landtagswahlen im März 2016 in Baden-Württemberg immerhin 15,1 Prozent der Stimmen einfahren, bei denen in Rheinland-Pfalz 2016 12,6 Prozent erreichen und bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt sogar satte 24,3 Prozent einsacken. In jenem Maße, in dem auf den Parlamentsfluren die Mandatshoffnungen der Linkspartei wuchsen, marschierte auf Straßen und Plätzen die Rechte an ihr vorbei.

    Dass Angst vor dem Fremden ernst genommen werden muss, dass die Heimat keine Erfindung der Nazis war – auch wenn die den Begriff mißbrauchten – dass man sich als Gastgeber über die Zahl der Gäste verständigen muss: Diese Themen wurden in „Die Linke“ zum Tabu erklärt und mit einem ebenso flinken wie vereinfachenden „Nazis raus" niedergebrüllt. Wie nebenbei hat die Mehrheitsgruppierung an der Spitze der Linken mit der Kaltstellung von Sahra Wageknecht auch noch eine ihrer wenigen populären Medienfiguren auf dem Altar eines fiktiven Antifaschismus geopfert.

    Der Rennsteig führt durch den Thüringer Wald und gilt als einer der schönsten Wanderwege Deutschlands. Wer diesen Weg den Rechten überlässt, der wird, wenn alles so schief geht wie bisher, bald auswandern müssen.

    Quelle: rationalgalerie.de

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Landtagwahl, Deutschland, Thüringen