20:52 24 Januar 2020
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    Dem Weißen Haus macht es nichts, Verbündeten Schaden zu bringen, wenn es den Interessen Amerikas dient. Aber Sanktionen und Aggressionen erzeugen Gegenbewegungen auf der ganzen Welt: Ein vor dem US-Zugriff sicheres Verrechnungssystem auf Gold-Basis ist das jüngste Beispiel dafür. Die Türkei, Katar, Malaysia und Iran könnten sich dazu zusammentun.

    Gold (und wenn es sein muss, auch Waren) als Verrechnungsmaß nutzen – so lautet ein Vorschlag, den der malaysische Premierminister Mahathir Mohamad am Samstag auf einer Fachkonferenz in Kuala Lumpur gemacht hat. Der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan, auf jener Konferenz ebenfalls zugegen, hat das Gleiche angeregt: Den Handel zwischen Staaten, die vom Risiko der US-Sanktionen bedroht sind, zu entdollarisieren. Es sei wünschenswert, nationale Währungen bei internationalen Verrechnungen zu nutzen.

    Dass sein Vorschlag unmittelbar vom Druck durch US-Sanktionen herrührt, hat der malaysische Premierminister in seinem Vortrag offen ausgesprochen: Malaysia und andere Länder müssten stets im Auge behalten, „dass gegen jeden von uns [Strafmaßnahmen] beschlossen werden können“, so Mahathir Mohamad laut der Zeitung „Straits Times“ aus Singapur.

    „Ich habe vorgeschlagen, erneut den Gedanken zu prüfen, bei Verrechnungen zwischen unseren Ländern einen ‚Gold-Dinar‘ und Tauschhandel zu nutzen. Wir befassen uns eingehend damit und hoffen, einen Umsetzungsmechanismus zu finden“, ergänzte der malaysische Regierungschef laut der Zeitung „Tehran Times“. Denn: „Es ist offenbar so, dass, wenn wir den amerikanischen Dollar nutzen, es Sanktionen gibt, die unsere wirtschaftliche Entwicklung bremsen können.“

    Vor der Prüfung der wirtschafts- und finanzpolitischen Aussichten dieses Vorschlags ist ein überaus wichtiger psychologischer Aspekt zu beachten. Nämlich, dass für die Staats- und Regierungschefs der führenden muslimischen Länder bei der Konferenz in Kuala Lumpur die Möglichkeiten zur Vermeidung von US-Sanktionen überhaupt kein Thema waren. Sie alle gehen davon aus, dass Strafmaßnahmen gegen ihre Länder in Zukunft ganz bestimmt beschlossen werden. Und wenn sie schon beschlossen sind, werden sie ganz bestimmt nicht aufgehoben.

    Was daraus folgt, ist die Notwendigkeit, sich loszusagen von den eigenen Nationalinteressen und sich auf alle Forderungen des Weißen Hauses, der US-Senatoren und Kongressabgeordneten gehorsam einzulassen, um der Chance willen, die Strafmaßnahmen zu verhindern. Doch gerade damit wollen sich die Staats- und Regierungschefs von Malaysia, Katar, Iran und der Türkei nicht abfinden.

    Rein technisch betrachtet, sind vier mögliche Varianten der Entdollarisierung zu nennen, die in diversen Formen auch auf der Konferenz in Kuala Lumpur geäußert wurden. Es sind:

    • Umstellung auf Gold (Nutzung eines „Gold-Dinars“);
    • Umstellung auf Tauschhandel;
    • Nutzung nationaler Währungen;
    • Und die ausgefallenste: Variante von allen Umstellung auf Kryptowährungen.

    Sicher: Eine Rückversetzung des Finanzsektors und des Außenhandels in die Welt des Tauschhandels wäre für die vier genannten Länder kaum ein Gewinn. Die Rückkehr zum Tauschhandel käme einer Rückkehr ins Steinzeitalter gleich. Tauschhandel ist höchstens für singuläre Großgeschäfte geeignet, bei denen Warenvolumina in wenigen Transaktionen zwischen zwei Konzernen ausgetauscht werden können. Bei aller Schwerfälligkeit haben solche Transaktionen einen enormen Vorteil: Durch Finanzsanktionen sind sie nicht aufzuhalten, sondern höchstens durch die Anwendung militärischer Gewalt.

    Deutlich zeitgemäßer und an die breite Nutzung im internationalen Handel besser angepasster ist der Vorschlag von Recep Tayyip Erdogan zur Nutzung nationaler Währungen. Allerdings bringt dieses Konzept mehrere schwerwiegende Probleme mit sich.

    Das SWIFT-System ist das erste. Die Vereinigten Staaten können die (formal belgische) Einrichtung für internationale Banktransaktionen dazu zwingen, Geldhäuser aus Malaysia, Katar und der Türkei ebenso vom SWIFT abzukoppeln, wie der iranische Bankensektor davon abgekoppelt worden ist.

    Dieses Hindernis ist im Grunde umgehbar, allerdings muss dafür entweder ein nationales Gegenstück zum SWIFT entwickelt oder ein externer Partner zum Aufbau eines entdollarisierten Finanzsystems herangezogen werden, der ein solches Gegenstück bereits besitzt. Die Auswahl solcher Partner ist nicht sehr groß, umso größer aber sind die Chancen einer Übereinkunft: Es sind China und Russland – zwei Länder, die selbst bereits mit allerhand US-Sanktionen belegt sind.

    Das zweite Problem mit den Nationalwährungen ist deren Volatilität: Ihre Kurse ändern sich schnell und häufig auf unvorhersehbare Weise, was Exportgeschäfte und überhaupt verlässliche Prognosen im Außenhandel erschwert. Ein Blick auf den Kursverlauf der türkischen Lira, des malaysischen Ringgit oder iranischen Rial genügt als Beleg dafür, wie schwerwiegend dieses Problem ist. Es kann partiell gemindert werden, durch die verstärkte Nutzung spezieller Marktinstrumente zur Wechselkurskontrolle wie Features, Forwards u. ä. Dass Istanbul und Kuala Lumpur weiterhin starke regionale Finanzzentren sind, macht diese Lösung prinzipiell möglich.

    Doch als stärkere Alternativen für die Umsetzung der Entdollarisierung erscheinen vor diesem Hintergrund: Gold und Kryptowährungen. Nutzt man Kryptowährungen (deren Wert an den Goldpreis oder den Kurs mehrerer Nationalwährungen gekoppelt ist), löst sich das Problem mit dem internationalen Bezahlsystem von selbst. Als einziges Risiko bleibt die Möglichkeit einer Hacker-Attacke oder einer großflächigen Abkopplung vom Internet im Rahmen einer Strafmaßnahme.

    Nutzt man das Gold, entfällt das Problem mit den Kursschwankungen nationaler Währungen: Das Edelmetall ersetzt einfach den Dollar als Einheitsmaß im Waren- und Dienstleistungsverkehr. Was jedoch bleibt, ist das Problem mit dem elektronischen Verrechnungssystem, dessen Lösung allerdings nicht so schwer ist: Im schlimmsten Fall müssen dem Geschäftspartner Goldbarren als Zahlungsmittel überbracht werden.

    Jedenfalls müsste der Wert dieses Zahlungsmittels den Angehörigen konservativer Kulturen nicht extra vermittelt werden: Menschen von Doha bis Ankara und von Teheran bis Kuala Lumpur sind an dessen Nutzung als Finanzinstrument seit Jahrhunderten gewohnt. Es hat ja seinen Grund, warum der malaysische Premierminister auf den „Gold-Dinar“ verwiesen hat: die Münze, die im Mittelalter in der ganzen muslimischen Welt als Tauschmittel akzeptiert wurde.

    Zudem erleichtert ein goldbasiertes System der Entdollarisierung die Integration mit den Finanzsystemen anderer Länder, die ihre Abhängigkeit vom Dollar reduzieren wollen und eigene Goldbestände aufstocken: Länder wie China, Russland, Ungarn, Mongolei, Kasachstan etc.

    Dasselbe Gesetz über die Rüstungsausgaben, mit dem der US-Senat Sanktionen gegen Nord Stream 2 verhängt hat, enthält ja auch Maßnahmen gegen die Türkei – wegen der Offensive im Norden Syriens (gegen US-Verbündete) und wegen des Kaufs russischer Flugabwehrsysteme. Es ist anzunehmen, dass Ankaras verstärkte Anstrengungen zur Entdollarisierung eine folgerichtige Reaktion sind auf den Sanktionsdruck aus Washington und auf die Gefahr der Erhöhung dieses Drucks.

    Allmählich wird die Zahl der Länder wachsen, die zur Zielscheibe für die Strafmaßnahmen der Washingtoner Falken geworden sind. Dann wird eine kritische Masse erreicht sein und es wird genug Länder geben, die sich aus der dollarbedingten Verwundbarkeit befreien wollen, um eine echte weltumspannende Alternative zum bestehenden Finanzsystem aufzubauen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    US-Sanktionen, Türkei, SWIFT, Kryptowährung, Gold, Recep Tayyip Erdogan, Mahathir Mohamad, Kuala Lumpur, Asien