22:07 27 Februar 2020
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    Mit dem Stopp der Bauarbeiten an der russisch-deutschen Gaspipeline Nord Stream 2 durch die schweizerische Allseas drängt sich die Frage auf, welche Alternativen Russland nun bieten kann, solange die Bundesregierung „Verzögerungen fürchtet“. Ein Einblick in die Problematik der Verlegeschiffe.

    Eigentlich gibt es in Russland zwei Verlegeschiffe, die sich mit den Lobbyisten der US-Gasindustrie angelegen könnten. Im Ort Mukran des Fährhafens Sassnitz auf Rügen, wo nun die beiden aus der Ostsee zurückgeführten „Pioneering Spirit“ und „Solitaire“ demobilisiert sein sollen, ankert die russische „Fortuna“.

    Sie wurde 2010 in Shanghai gebaut und war als Flaggschiff des russischen Unternehmens für Leitungsbau, Mezhregiontruboprovodstroy (russische Abkürzung: MPTC), am Bau der betroffenen Pipeline in den russischen Gewässern beteiligt. Ausgestattet ist das Schiff mit drei Kränen und einer gesamten Tragfähigkeit von 1.890 Tonnen, einer Rohrverlegeanlage und einem 12-Punkte-Positionierungssystem. Aber die dänischen Behörden fordern nach Angaben des Informationsdienstes S&P Global Platts Analytics dynamische Positionierungssysteme. Auch der stellvertretende Generaldirektor des Instituts für Nationale Energie, Alexander Frolow, bemängelte gegenüber Sputnik, dass die „Fortuna“ ihre Position je nach Seegang nicht automatisch ändern könne. 

    Ein Schiff, auf das auch Russlands Präsident Wladimir Putin am Mittwochabend bei einem Treffen mit hochrangigen Geschäftsleuten anspielte, ist „Akademik Cherskiy“, benannt nach dem großen russischen Akademiker im Bereich der Öl- und Gasgewinnung, Nikolai Tscherski. Auch der russische Energieminister Alexander Nowak sprach davon am Freitag als wahrscheinlichste Option. 

    Der Energieriese Gazprom kaufte das Schiff 2016 bei der nigerianischen Sea Trucks Group für etwa eine Milliarde Euro – genau für den Fall, dass Allseas aus dem Projekt aussteigt. Es ankert jedoch im Hafen von Nachodka bei Wladiwostok im Fernen Osten, wo es vor einigen Monaten für über zehn Millionen Euro modernisiert wurde. Laut Frolow verfügt das Schiff zwar über ein dynamisches Positionierungssystem, hat aber eine Verlegegeschwindigkeit von nur einem Kilometer pro Tag.

    Das Pipeline-Verlegeschiff Pioneering Spirit
    Das Pipeline-Verlegeschiff Pioneering Spirit

    Das weltgrößte Verlegeschiff „Pioneering Spirit“ dagegen hat eine Verlegegeschwindigkeit von bis zu sechs Kilometern pro Tag. Das Schiff war am Bau von Nord Stream 2 seit Dezember 2018 beteiligt. Wenn man annimmt, dass die „Akademik Cherskiy“ mindestens einen Monat braucht, um den 10.000 Kilometer langen Seeweg bis zur Ostsee zu meistern, und noch 160 Kilometer Pipeline in zwei Kabelsträngen zu verlegen sind, bräuchte das Schiff alleine über ein Jahr für die Fertigstellung des Projekts. Laut Alexander Nowak würde sich die Inbetriebnahme dann bis Ende 2020 verschieben.

    Was tut „Akademik Cherskiy“ eigentlich bei Wladiwostok?

    Im Ochotskischen Meer befindet sich das sogenannte Kirinskoye-Gaskondensatfeld, das einzige im russischen Schelf, auf dem Gas mit einem Unterwasser-Produktionskomplex gewonnen wird. Gazprom erschließt das Feld im Rahmen des Projekts Sachalin-3 für die Ferngasleitung Sachalin-Chabarowsk-Wladiwostok für den inneren Bedarf sowie mit der Aussicht auf Gasexporte nach China und in andere Länder im asiatisch-pazifischen Raum. Geplant ist auch der Bau eines Küsten-Technologiekomplexes, um eine Erdgasleitung über den Meeresgrund und entlang der Küste zu verlegen. In dieser Hinsicht erwartet die „Akademik Cherskiy“ vor Ort eine Menge Arbeit. 

    Darüber hinaus ist das Kirinskoye-Gaskondensatfeld die Ressourcenbasis für die fernöstliche Gasversorgung „Kraft Sibiriens 3“. Anfang Dezember war schon das erste russisch-chinesische Projekt „Kraft Sibiriens“ in Betrieb genommen worden, die zweite Leitung wurde ebenfalls bereits in Auftrag gegeben.  

    US-Sanktionen treffen auch Turkish Stream – was ist mit den Schiffen?

    Am 8. Januar 2020 findet in Istanbul die offizielle Eröffnungszeremonie von Turkish Stream unter Teilnahme von Recep Tayyip Erdogan und Wladimir Putin statt. Die südliche Gaspipeline mit einer Gesamtkapazität von 31,5 Milliarden Kubikmetern pro Jahr ist bereits von der russischen Küste in Anapa über die Türkei bis nach Bulgarien fertiggestellt. Den 930 Kilometer langen Meeresteil baute dabei eben die „Pioneering Spirit“ mit Hilfe der „Audacia“, die nun im italienischen Hafen Ravenna ankert.

    Die Audacia und Unterstützungsschiffe in deutschen Gewässern
    Die Audacia und Unterstützungsschiffe in deutschen Gewässern

    Die „Audacia“ verlegte die Rohre überwiegend in den russischen Gewässern bei Anapa und gehört gerade der von den Sanktionen bedrohten Allseas, womit sie Nord Stream 2 wenigstens vorübergehend nicht zur Verfügung steht. Im Fall mit Nord Stream 2 verlegte das Schiff übrigens auch die Rohre in deutschen Gewässern.

    Gibt es Alternativen zu Allseas?

    Der Diskussion rund um die Rettung von Nord Stream 2 schloss sich kürzlich auch das größte Schiffbauunternehmen Russlands, United Shipbuilding Corporation, an. Laut dessen Präsidenten Alexej Rachmanow wäre die Firma bereit, innerhalb von viereinhalb bis sechs Jahren ein eigenes Verlegeschiff zu projektieren bzw. zu bauen. Rachmanow ist „absolut davon überzeugt, dass ein Land, das atomgetriebene Eisbrecher und U-Boote gebaut hat, in der Lage sein wird, alles zu tun“, sobald der Auftrag vorliege. Mit Blick auf ein Jahr Verzögerung bei der „Akademik Cherskiy“ eine pure Prahlerei.

    Außer Allseas arbeitet Gazprom mit der sich auf Offshore-Pipelines spezialisierenden italienischen Saipem und der rumänischen Grup Servicii Petroliere an Nord Stream für Deutschland-Exporte sowie am Blauen Strom in die Türkei. Die beiden Verlegeschiffe von Saipem, „Castoro Sei“ und „Saipem 7000“, sollten seit Ende 2014 auch die erste Leitung von South Stream bauen. Da das Projekt aber letztendlich abgebrochen wurde und Turkish Stream noch nicht ausgehandelt worden war, sollte Gazprom den Vertrag mit Saipem auflösen und die Wartezeit der Schiffe mit etwa 300 Millionen Dollar entschädigen.

    Vor allem „Saipem 7000“, das dem Navigationsportal MarineTraffic zufolge nun im niederländischen Eemshaven in der Nordsee ankert, könnte als eines der größten Arbeitsschiffe der Welt mit einem passenden dynamischen Positionierungssystem die Situation retten. Allerdings bleibt offen, ob eine unternehmerische Vereinbarung nach dem misslungenen South Stream-Projekt schnell zustande kommt. 

    Auf der anderen Seite ist die Pipeline trotz aller Vorwürfe kein eigenes Gazprom-Projekt, sondern wird zur Hälfte von fünf europäischen Energieunternehmen finanziert, nämlich von der österreichischen OMV, der englisch-niederländischen Royal Dutch Shell, der französischen Engie und nicht zuletzt von den deutschen Firmen Wintershall Dea und Uniper.

    Uniper hat mehrere Bezugsverträge für Pipeline-Gas aus Russland und ist ein potenzieller Abnehmer von nordamerikanischem LNG und Teilnehmer am ersten deutschen schwimmenden Terminal im niedersächsischen Wilhelmshaven. Wäre Deutschland nicht in der Lage, innerhalb eines halben Jahres ein Verlegesystem auf die Beine zu stellen?

    In einem BR-Interview sagte der Transatlantikkoordinator der Bundesregierung, Peter Beyer, am Freitag, man sehe schon „Bemühungen, dass Ersatz beschafft wird“. Das sei aber noch nicht ausgeplant. Gemeint ist damit offenbar das russische Schiff. Auf der anderen Seit hat der CDU-Politiker nach eigenen Angaben bei seinem letzten Besuch in Washington ganz klar gesagt bekommen: Sollte es unter der Vermittlung Deutschlands eine Einigung zwischen Russland und der Ukraine in Bezug auf den Gastransit geben, würden die Sanktionen nicht kommen. Von diesem Versprechen her müssten die Gespräche mit den USA intensiviert und dabei Klartext geredet werden, so Beyer.

    „Wir sind überzeugt, dass wir das Problem in Zusammenarbeit mit den europäischen Ländern – mit der EU – lösen und einen Kompromiss finden können“, deutete seinerseits der Vize-Ministerpräsident Russlands, Dmitri Kosak, kürzlich im russischen Fernsehen an. 

    Also erwartet Russland, dass man mit Berlin und Brüssel trotz der US-Sanktionen doch eine gemeinsame Lösung für das Projekt finden wird. Die „Akademik Cherskiy“ beeilt sich bis dahin nicht, ihren Hafen zu verlassen. 

    EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat ihrerseits am Freitag die US-Sanktionen zwar abgelehnt, aber weder rechtliche Schritte noch eine Lösung für die Fertigstellung der Pipeline angekündigt, denn das Projekt habe ja „auch eine politische Dimension“ und die EU-Kommission schütze mit ihren Mitteln die Interessen der östlichen EU-Staaten.

     

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Rohrlegeschiff Pioneering Spirit, Offshore-Dienstleister Allseas, Allseas Group, Pipeline-Projekt Nord Stream 2, Nord Stream 2 AG, Nord Stream 2