06:01 27 Oktober 2020
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    Heute finden in Jerusalem die Feierlichkeiten anlässlich des Jahrestages der Befreiung des KZ Auschwitz-Birkenau, welche die World Holocaust Forum Foundation in Kooperation mit der Gedenkstätte YadVashem organisiert hat, statt.

    Polens Präsident Andrzej Duda ist jedoch nicht nach Israel gereist, da die Organisatoren ihm keine Gelegenheit geboten haben, dort aufzutreten. Der Veranstaltung in Jerusalem wird in Polen eine eigene entgegengestellt, die für den 27. Januar geplant ist. Daher werden alle möglichen Anstrengungen unternommen, um die Feierlichkeiten in Israel kleinzureden. Inzwischen sind nach Jerusalem Politiker führender Staaten, darunter US-Vizepräsident Mike Pence, Frankreichs Präsident Emmanuel Macron, Deutschlands Präsident Frank-Walter Steinmeier, Italiens Präsident Sergio Mattarella, Russlands Präsident Wladimir Putin aufgebrochen, während der Teilnehmerkreis in Polen deutlich bescheidener ist. Der Präsident von Russland, des Nachfolgestaates der Sowjetunion, deren Soldaten Auschwitz befreiten, wird übrigens auch nicht nach Polen kommen.

    Schwarz-weiße Geschichte Osteuropas

    Ende Dezember machte Wladimir Putin mehrere kritische Äußerungen in Bezug auf die polnische Politik in der Zwischenkriegszeit und die Position Europas zu den Ursachen des Beginns des Zweiten Weltkrieges.

    Putin ging auf die „schwarz-weiße“ Herangehensweise an die Geschichte osteuropäischer Politiker ein, die an der Erstellung der  Resolution des EU-Parlaments mitgewirkt haben. In der Resolution heißt es unter anderem, dass der Zweite Weltkrieg „unmittelbar als Ergebnis der Unterzeichnung“ des Molotow-Ribbentrop-Paktes und dessen geheimen Zusatzprotokollen begonnen habe.

    Darüber hinaus zitierte Putin ein aus dem Jahr 1938 stammendes Schreiben des damaligen polnischen Botschafters in Berlin, Jozef Lipski, an den Minister Jozef Beck: „… er (Hitler) kam auf den Gedanken bezüglich der Lösung des jüdischen Problems via Emigration in Kolonien nach Vereinbarung mit Polen, Ungarn und vielleicht Rumänien (da antwortete ich, dass, falls dies eine Lösung findet, wir ein schönes Denkmal für ihn in Warschau aufstellen werden …)“.

    In Polen sorgten die Verlautbarungen aus Moskau für eine Welle von Äußerungen auf der höchsten Ebene. Allerdings zeigt der Vergleich dieser Kommentare mit den Worten Putins, dass das Thema der Diskussionen nicht der Inhalt von Putins Worten, sondern die polnische Auslegung seiner Worte ist.

    Polen und Antisemitismus

    Natürlich kann man sich empören und erklären, dass der Enthusiasmus Lipskis nur ein Element der diplomatischen Spiele gewesen sei, worauf sein Biograf Prof. Marke Kornat hinweist. Doch der Professor selbst schreibt, dass Hitler nicht geduldet habe, unterbrochen zu werden, doch er habe Lipski nicht ermahnt, wohl weil dessen Worte vom Führer des Dritten Reichs als eine Art Zeichen der Zustimmung zu seiner Weltanschauung wahrgenommen worden sei. Kornat versucht auch Lipski zu rechtfertigen, indem er betont, dass Lipski während des Zweiten Weltkrieges gegen die Deutschen gekämpft habe, als ob das als Rechtfertigung seiner antisemitischen Ansichten betrachtet werden könnte.

    Russlands Präsident sagte nichts, was die Historiker nicht wussten. Doch es geht darum, dass die historischen Fakten für einige an besonderer Bedeutung gewinnen, wenn über sie gerade Putin spricht.

    Niemand hat sich empört, als der deutsche Historiker Rolf-Dieter Müller in seinem Buch „Der Feind steht im Osten Hitlers: geheime Pläne für einen Krieg gegen die Sowjetunion im Jahr 1939“ schrieb, dass die Polen nach dem Wohlwollen Hitlers suchten, zusammen mit ihm einen Feldzug gegen die Sowjetunion und die endgültige Lösung der Juden-Frage planten. Putin erwähnte das Verhalten gegenüber der jüdischen Minderheit in Polen in der Zwischenregierungszeit nicht, er sagte nichts über „Ghetto an Schulbänken“ (eine diskriminierende Maßnahme in den 30er-Jahren, wobei in Unterrichtsräumen für nationale Minderheiten, darunter Juden, spezielle Schulbänke organisiert wurden), oder der „numerus clausus“ (Einschränkung für die Ausbildung von Juden an einigen polnischen Hochschulen  - Anm.d.Red.), er zitierte nicht den letzten Anführer des Aufstandes im Warschauer Getto Marek Edelman, der auf die Frage, warum er die Armia Ludowa und nicht die Armia Krajowa gewählt habe, als er nach einer Möglichkeit der Arbeit im Untergrund suchte, sagte: „Ich spiele nicht mit jenem, der mich töten will“ (Die Armia Krajowa war der polnischen Exilregierung untergeordnet, während die Armia Ludowa der Polnischen Arbeiterpartei untergeordnet war, die die Übergabe der polnischen Ostgebiete an die Sowjetunion anerkannte. Die Armeen kämpften zwar nicht gegeneinander, doch ideologisch waren sie verschiedenen Fronten zugeordnet).

    Edelman erzählte, wie während des Warschauer Aufstandes „er selbst in der Armia Ludowa als Jude getötet werden kann“. Während des Warschauer Aufstandes wurde er von Leuten aus der Armia Kraiowa mehrere Male an die Wand gestellt.

    Putin erwähnte nicht die Umstände der Ermordung des ersten Präsidenten Polens Gabriel Narutowicz, der bei seiner Wahl durch „linke“ und nationale Minderheiten unterstützt wurde und von Nationalisten „Präsident der Juden“ genannt wurde, ein Mord von der Hand eines polnischen Nationalisten. Putin erwähnte auch nicht die polnische Expedition auf Madagaskar, bei der nach einem Ort zur Ansiedlung von Juden gesucht wurde. Er sagte nur, dass der polnische Botschafter Jozef Lipski die Überzeugung äußerte, dass die Pläne Hitlers zur Befreiung Europas von den Juden „mit Verständnis“ in Polen wahrgenommen worden seien.

    Falls jemand über die Vorwürfe gegen die Polen wegen Antisemitismus empört ist, sollte er die Geschichte besser kennen lernen, bevor man Unmut ausdrückt, dann wird die polnische Toleranz im „freien Polen“ in ihrem ganzen Glanz erscheinen.

    Protest gegen „Kreml-Aggression“

    Putin stimmte des Weiteren ebenso nicht der These der Polen und der Balten darüber zu, dass der Molotow-Ribbentrop-Pakt ein „Trigger“ des Zweiten Weltkrieges geworden sei. Doch er machte auf die Befriedungspolitik aufmerksam, die mit der Teilung der Tschechoslowakei in München 1938 endete, wo Polen einer der Profiteure war.

    Angesichts dessen sollte man sich an die Reaktion Churchills auf die Ergebnisse dieses Vertrages von 1938 erinnern. Er beschrieb den Enthusiasmus Chamberlains:

    „England konnte zwischen Krieg und Schande wählen. Es wählte das Zweite, doch wird den Krieg bekommen“. Natürlich könnte man das mit einer Verkettung von Umständen erklären, wie die Äußerung  von Marschall Ferdinand Foch über den Vertrag von Versailles: „Das ist kein Friedensvertrag, sondern ein Waffenstillstand für 20 Jahre“.

    Die polnischen Politiker waren über die Worte Putins empört, so dass der Sejm eine Resolution verabschiedete, welche die „Manipulation der Geschichte“ durch Moskau verurteilte.

    Der bereits erwähnte Historiker Kornat sagte in einem Interview für das Portal „wPolityce“, dass die Russen das KZ in Auschwitz selbstverständlich befreit haben, jedoch nicht Polen. „Wir wissen doch sehr gut, dass das verbrecherische totalitäre Reich der Sklaverei den anderen Völkern keine Freiheit bescheren kann, obwohl es KZs befreien konnte. Freiheit kann nur jener bringen, der über sie verfügt“, so Kornat.

    Allerdings teilte Pan Professor auch eine „Entdeckung“ mit, dass es „im Falle der Juden in KZs (wie auch der Gefangenen anderer Nationalitäten) dennoch eine wahre Befreiung“ gewesen ist.

    Es ist schwer, die wissenschaftlichen Thesen des Professors zu bestreiten, doch daraus ergibt sich folgendes: Da die Polen nicht real befreit wurden, wäre es besser, falls ihr Aufenthalt im „Kurort“ von Rudolf Heß verlängert worden wäre.

    Yad Vashem plante „Opferung eines Polen“

    Wie bereits erwähnt, wurde die Veranstaltung in Jerusalem am 23. Januar von polnischen Politikern als der Veranstaltung in Polen entgegengesetzt betrachtet.

    Auf dem Portal Salon.24 schreibt der Historiker und Publizist Romuald Kalwa, dass die Feierlichkeiten in Jerusalem von „sowjetischen Juden und für sie“ organisiert würden.

    „In Yad Washem war eine nicht schlechte Aktion geplant – ‚Opferung eines Polen‘, doch es ist nicht zu einem Ritualmord gekommen, weil der Pole – Andrzej Duda – sich weigerte, vor den Henkern zu erscheinen“.

    Allerdings meine ich, dass er Unrecht hat.

    Die Russen haben überaus Gründe für eine harte Reaktion, doch sie sind sich des Prinzips der Zeit, des Ortes und der Handlung bewusst.

    Worüber wird Putin in Jerusalem sprechen? Wohl, dass die Versuche, die Verantwortung der Nazis für den Zweiten Weltkrieg kleinzureden sowie die Förderung der Wiedergeburt des Nazismus in Europa zu weiteren Tragödien führen können. Dies werden die Vertreter der USA, Frankreichs, Großbritanniens und Deutschlands hören.

    Putin würde an das großes Blutopfer der sowjetischen Soldaten während des Zweiten Weltkrieges erinnern, und dass ihr Opfer nicht vergessen werden darf, obwohl ihre Gräber zerstört werden und alles getan wird, um aus dem gesellschaftlichen Gedenken alle Beweise der Rolle der Sowjetunion bei der Zerschlagung von Hitler-Deutschland zu löschen.

    Die Russen tanzen nicht auf Gräbern, weshalb die polnischen Politiker die russische Mentalität nicht verstehen wollen und können.

    Feierlichkeiten für Duda als Vorspiel für den Wahlkampf

    Der Jahrestag der Befreiung von Auschwitz wird in Polen am 27. Januar unter Teilnahme von Botschaftern, bekannter Politiker, einiger Präsidenten und Regierungschefs sowie Mitgliedern der Königshäuser Europas begangen. Duda plant wohl die Feierlichkeiten als Beginn seines Wahlkampfes und wird sich wohl eher auf verbale Angriffe gegen Russland konzentrieren, dessen Botschafter nicht auf die „Offenbarungen“ des polnischen Präsidenten antworten werden kann.

    Polens Präsident, beflügelt durch eine höfliche Unterstützung von Seiten in Polen akkreditierter ausländischer Botschafter (Ende 2019 schrieb die US-Botschafterin in Warschau, Georgette Mosbacher, auf Twitter, dass Hitler und Stalin in den Beginn des Zweiten Weltkrieges einwilligten – Anm.d.Red.), wird sich bei seinen Äußerungen im historischen Bereich wohl nicht genieren.

    ​Duda fehlt es oft am Gefühl für den Ort und die Zeit, so dass er auch diesmal wohl kaum auf diese Gewohnheit verzichten wird. Deswegen ist wohl zu erwarten, dass er während seiner Rede in Auschwitz die Tragödie erwähnen und zum Thema Kommunismus sprechen wird, der eine kaum geringere Bedrohung als der Faschismus gewesen sein soll.

    Eine Verfälschung, die sich in die polnische Deutung der Geschichte einordnen lässt  – die einzige richtige aus der Sicht Warschaus.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Wladimir Putin, Andrzej Duda, Zweiter Weltkrieg, Israel, Polen, Drittes Reich, KZ Auschwitz-Birkenau, Auschwitz