01:09 28 Februar 2020
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    Der bekannte deutsche Kabarettist Jürgen von der Lippe führte mit dem „Hamburger Abendblatt“ ein Interview, das sich eigentlich um seine neue TV-Show, um sein Verhältnis zu Fans und Formen des guten Umgangs drehen sollte. Doch wieder einmal lösen wenige Worte einen Entrüstungssturm im Internet aus, die nun ein Eigenleben führen.

    Jürgen von der Lippe ist im vergangenen Jahr 71 geworden. Die Liste seiner Platten- und Fernsehproduktionen und seiner anderen Aktivitäten ist lang und mit vielen Erfolgen und Ehrungen gespickt. Eigentlich muss sich der Mann nichts mehr beweisen, weshalb er in den zurückliegenden Jahren schrittweise kürzergetreten ist. Doch nach wie vor geht er auf Tournee durch Deutschland, aktuell mit seinem Programm „Voll Fett“, und auch Fernsehshows kann er nicht lassen, aktuell startete am 26. Januar im öffentlich-rechtlichen WDR seine neueste „Nicht dein Ernst!“.

    In der Show unterhält sich von der Lippe, zusammen mit seiner Ko-Moderatorin Sabine Heinrich, mit einem Gast über Alltagsfragen, deren Beantwortung mitunter schwer ist, weil ungeschriebene Gesetze des guten Benehmens und guter Umgangsformen das verhindern. Das Konzept der Sendung war auch der Aufhänger des Interviews von Jürgen von der Lippe mit dem „Hamburger Abendblatt“, das natürlich als Werbung für seine neue Fernsehsendung konzipiert worden war, alle Künstler zelebrieren diesen Trick heutzutage.

    In dem Interview bekannte sich von der Lippe gleich in der ersten von sieben Fragen dazu, „ein großer Freund guter Manieren“ zu sein, „gerade, weil sie vielfach nicht mehr vorhanden sind.“ Vor allem im Umgang mit Frauen sei die Etikette auf dem Rückzug, wie von der Lippe die entsprechende Frage der Zeitung mit Ja beantwortete:

    „Es ändert sich einiges in Zusammenhang mit Emanzipation und MeToo. Ich bin ein großer Fan der alten Schule, wo alle Männer aufstehen, wenn eine Frau den Raum betritt, wo man einer Dame den Mantel abnimmt, wo man ihr den Stuhl zurechtrückt. Damit bin ich ja nun groß geworden. Heute muss man aber damit rechnen, dass einem das um die Ohren geschlagen wird, dass eine Frau sagt: ‚Hören Sie mal, ich bin kein Kind, ich kann das alleine.‘“

    Jürgen von der Lippe wird regelmäßig vorgeworfen, schlüpfrige Witze, die immer nah an der Grenze zur Zote stehen, auf Kosten von Frauen zu machen. Gegen diese Kritik schützt ihn bis heute ein simpler Blick in die Säle seiner Tourneeauftritte, wo ein mehrheitlich weibliches Publikum begeistert lacht und applaudiert und den Vorwurf von frauenfeindlichem Sexismus der Lächerlichkeit preisgibt.

    Lachhaft ist für Jürgen von der Lippe auch das Auftreten einer jungen Frau. Auf die Frage, ob seine frivolen Witze in Zeiten von MeToo nicht umgehend Beschimpfungen als „alter weißer Mann“ nach sich ziehen, antwortet von der Lippe, dass er das als dreifache Diskriminierung empfinde, „wegen der Hautfarbe, des Alters und wegen des Geschlechts“, dass er befürchte, dass eine neue Zeit der Prüderie im Anmarsch sei, um dann nachzuschieben:

    „Ich stelle allerdings auch fest: Die Leute haben es satt, erzogen zu werden. Und die Leute haben Greta satt. Wenn sich so ein Mädel hinstellt und die Weltmächtigen anschreit „How dare you!“, und die dann kuschen, ist das für mich Comedy.“

    Es dauerte nicht einmal 24 Stunden und das auf die fünf Worte „die Leute haben Greta satt“ reduzierte Interview wird zum neuen Empörungsinstrument von Menschen, die inzwischen ein Verständnis von Meinungsstreit und Meinungsfreiheit haben, das noch weit hinter dem zurückbleibt, mit dem die Heilige Inquisition einst unliebsame Abweichler von der göttlichen Wahrheit auf die Scheiterhaufen schickte. Mit allerlei wüsten Beschimpfungen.

    Der Scheiterhaufen unserer Tage ist das Internet. Die wüsten Beschimpfungen sind geblieben. Eine simple Suchanfrage auf dem Kurznachrichtendienst Twitter „jürgen von der lippe greta“ schüttet ein Füllhorn von mehr oder weniger geistreichen Reaktionen auf von der Lippes Meinung aus, von denen wir hier die halbwegs jugendfreien wiederholen.

    Dass von der Lippe Applaus aus Richtungen erhält, die im mutmaßlich nichts bedeuten, darf vom virtuellen Beifall des AfD-Ko-Chefs Jörg Meuthen angenommen werden.

    ​Doch auch der grüne Bundestagsabgeordnete Kai Gehring, der für seine Partei als Obmann im Ausschuss für Bildung, Forschung und Technikfolgenabschätzung arbeitet, dürfte mit seiner virtuellen Abfälligkeit bei von der Lippe mutmaßlich ins Leere schießen.

    ​Vielfach wird in Kommentaren um Ironie bemüht gefragt, wer denn dieser Jürgen von der Lippe sei, es wird verkündet, dass er „unlustig“, „nicht komisch“, „Scheiße drauf“ oder „peinlich“ sei. Und natürlich wird ihm auch nach Kräften Lob und Ermutigung zugesprochen. Einige dieser Internetkommentatoren erinnern in diesem Zusammenhang nämlich daran, dass ganz offensichtlich die Empörungsmaschine bereits wieder auf Hochtouren läuft, angeworfen von Mitmenschen, die Diskussion sagen, aber offensichtlich Diktat meinen, nämlich das Diktat ihrer Meinung, die Meinungsaustausch offenbar als Einbahnstraße verstehen, die aber vor allem ein Problem mit verstehendem und vollständigem Lesen haben.

    Denn der eigentlich wichtige Satz von Jürgen von der Lippe kam nach seinen fünf lästerlichen Greta-Worten, die aber werden von den Dauerempörten Greta-Verteidigern natürlich entweder gar nicht erst gelesen oder bewusst weggelassen. Jürgen von der Lippe nahm nämlich eine Anleihe beim unvergleichlichen Max Goldt auf, der mal gesagt haben soll: „Wenn die Kritik an Zuständen mehr nervt als die Zustände selber, dann muss man aufpassen.“ Und von der Lippe ergänzte „und so weit sind wir gerade.“

    Das kann natürlich jeder anders sehen. Wie hoffentlich auch jeder nicht an der Götzenverehrung für eine 17-jährige Schwedin teilnehmen muss. Max Goldt sagte übrigens auch:

    "Wer wissen will, wie das Wetter ist, soll aus dem Fenster schauen. Wer wissen will, wie das Wetter morgen ist, der soll morgen aus dem Fenster schauen."

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Jürgen von der Lippe, WDR, Greta Thunberg