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    Die frühere Staatsministerin im Bundeskanzleramt Hildegard Müller, die nach ihrer steilen politischen eine ebenso verlaufende Karriere als Lobbyistin absolvierte, erklimmt am 1. Februar eine weitere Stufe dieser Karriereleiter. Als Präsidentin des Verbandes der Automobilindustrie (VDA) wird und soll sie als Mächtige mit Mächtigen reden.

    Die Turbulenzen, Skandale und Bedrängnisse der deutschen Automobilindustrie, die wir seit dem 18. September 2015 verfolgen können, als mit dem Eingeständnis der VW-Schummel-Software der Dieselskandal losgetreten wurde, sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die deutsche Automobilindustrie nach wie vor eine der einflussreichsten und wirkungsvollsten, hervorragend vernetzten Wirtschaftsbranchen dieser Republik ist.

    Der Lobbyverband dieser Industrie, der VDA, ist unverändert ein Akteur, der an den meisten Türen auf den Korridoren der Macht nicht demütig klopfen und um Einlass bitten muss, sondern dem nach wie vor nicht unbedingt rote Teppiche ausgerollt, aber der gerne zum Eintritt aufgefordert wird. Denn er repräsentiert ein Konglomerat an Unternehmen, von dessen Wohlergehen direkt und indirekt Millionen Jobs in Deutschland abhängen. Laut einer Studie der Beratungsgesellschaft Ernst und Young (EY) vom Februar 2019 waren in der deutschen Automobilindustrie 2018 mehr als 924.000 Menschen beschäftigt, sowohl bei Herstellern als auch Zulieferern. Die meisten in Bayern, mit fast 260.000, aber selbst in Mecklenburg-Vorpommern verdienten immer noch rund 3.000 Menschen ihr Einkommen in einem der mehr als 600 VDA-Mitgliedsunternehmen. Der Umsatz 2018 aller Unternehmen mit jeweils mehr als 50 Beschäftigten lag bei rund 412 Milliarden Euro. Ein Jahr zuvor wurde der Anteil der Automobilindustrie an der Bruttowertschöpfung in Deutschland mit rund 4,5 Prozent beziffert, wie das Statistische Bundesamt anlässlich der Internationalen Automobilausstellung 2017 in Frankfurt am Main bekanntgab.

    Doch nicht nur in Zahlen symbolisiert der VDA seine Ausnahmestellung innerhalb der deutschen Wirtschaft. Auch der Sitz der Lobbyvereinigung, der in der Eigendarstellung „die Kräfte der Automobilindustrie“ einen und „ihr eine starke Stimme“ verleihen soll, symbolisiert die Rolle als Primus inter pares innerhalb der deutschen Wirtschaftsverbände. Der Sitz des VDA ist im Markgrafen-Palais in der Behrenstraße in Berlin-Mitte mit direktem Blick auf den August-Bebel-Platz mit Staatsoper und Hedwigskathedrale, im Gebäude der ehemals Pommerschen Hypotheken-Aktienbank und Immobilien-Verkehrsbank. Das riesige Haus wurde 1913 von der Dresdner Bank übernommen, die damit ihr Hauptquartier in Berlin vergrößerte, das direkt am Bebelplatz lag, Sitz der Staatsbank der DDR wurde und heute die Luxusherberge Hotel de Rome ist.

    Das weckt vielleicht ein paar Erinnerungen bei Hildegard Müller, wenn sie am 1. Februar 2020 offiziell ihre Büroräume im VDA bezieht. Denn Frau Müller startete ihre Karriere 1995 mit 28 Jahren als Abteilungsdirektorin bei der Dresdner Bank. Und wie wir seit 2005 wissen, förderte die Bank den weiteren Aufstieg ihrer Mitarbeiterin mit großzügigen finanziellen Zuwendungen, beispielsweise der Bezahlung einer Sekretärin als Müller 1998 in den CDU-Bundesvorstand gewählt wurde und als erste Frau die Nachwuchsorganisation der CDU, die Jungen Union (JU) anführte. Das Investment sollte sich schnell auszahlen, denn die Wege von Hildegard Müller mit der damaligen Generalsekretärin der CDU, einer gewissen Angela Merkel kreuzten sich sofort. Es war der Beginn einer bis heute reichenden Serie von Fotos, auf denen Merkel und Müller abgelichtet wurden, die eine Vertrautheit zeigen, die Angela Merkel nicht mit jeder und jedem herstellt und zulässt.

    Allerdings ist es auch nicht mehr als Vertrautheit, denn Freundinnen sind Merkel und Müller nicht. Aber Vertrautheit mit der deutschen Regierungschefin und ihr Vertrauen zu genießen, das ist wahrscheinlich das alles entscheidende Kriterium nicht nur für Strategen in der Dresdner Bank gewesen, sondern auch für die Granden des VDA, sich für Hildegard Müller als neue starke Frau an der Spitze eines Verbandes zu entscheiden, der in der Außenwahrnehmung vor allem aus Alphamännern besteht.

    Die Aufgabe von Hildegard Müller dürfte klar sein. Nicht nur ihre Fähigkeiten als Lobbyistin und Organisatorin, die sie seit 2008 als Vorsitzende der Hauptgeschäftsführung des Bundesverbandes der Energie- und Wasserwirtschaft (BDEW) und später als Verantwortliche für Ladeinfrastruktur für E-Autos bei der RWE-Tochter Innogy präsentierte, sind von ihr gefragt, sondern vor allem ihr guter Draht zur Regierungschefin. Diese hat bekanntlich die Richtlinienkompetenz der deutschen Politik. Und die Unternehmen des VDA möchten, dass die Entfremdung, die spürbar zwischen Automobilindustrie und Politik eingetreten ist, wieder einer Harmonie gleicht, die für eine Politik sorgt, bei der die VDA-Unternehmen sich nicht mehr wie gehetztes Wild fühlen, sondern wieder wie früher im Streichelzoo mit ausreichend Leckerlis.

    Nicht vollkommen unwahrscheinlich könnte es deshalb sein, dass die letzte Tätigkeit von Hildegard Müller, die bereits erwähnte Verantwortlichkeit für ausreichend Ladestationen für E-Autos in Deutschland, auch ihr Hauptarbeitsfeld oder vielleicht korrekter formuliert Hauptbearbeitungsfeld im VDA werden könnte. Denn es ist ein offenes Geheimnis, dass die deutschen Automobilunternehmen keine Lust verspüren, die milliardenschweren Investitionen in die Ladeinfrastruktur zu bezahlen, sondern hoffen, dass dieses Geld von der Gemeinschaft der Steuerzahler aufgebracht wird.

    Vielleicht erlebt Deutschland aber auch ein Wunder, was für einige auch ein blaues werden könnte, sollte Hildegard Müller den VDA auf eine Neuausrichtung und Neustrukturierung der mobilen Fortbewegung in Deutschland einschwören können oder wollen. Es wird uns nichts weiter übrigbleiben, als abzuwarten und aufmerksam zu verfolgen, welchen Kurs Hildegard Müller einschlägt. Eine Duftmarke hat sie jedenfalls schon gesetzt. Ihr wird der Satz nachgesagt: „Man muss streiten, sonst kommen die Dinge nicht voran.“ Die spannende Frage wird sein, mit wem sie sich streiten will.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Verband der Automobilindustrie (VDA), Lobbyismus, Auto