16:58 08 August 2020
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    Geht es in Antholz eigentlich noch um den Sport? Als der Russe Alexander Loginow am Samstag Gold bei der Biathlon-WM holte, regnete es Missgunst vonseiten der Konkurrenten und der internationalen Medien. Statt eines strahlenden Siegers und Gratulationen für seine sportliche Leistung, bewegte nur ein Thema die Sportöffentlichkeit: Doping.

    War es Frust, weil sie sich selbst Chancen auf Edelmetall ausgerechnet hatten? Schock, weil am Ende einer ganz oben stand, den sie nicht auf dem Zettel hatten? Oder einfach eine anscheinend in Mode gekommene, abgrundtiefe Russophobie? Selten hat man es erlebt, dass einem Sieger in einem Biathlon-WM-Rennen so viel Missgunst entgegengebracht wurde, wie es vergangenen Samstag in Antholz geschah. Da gewann nämlich im Sprint der Herren einer, der nicht hätte gewinnen sollen: der Russe Alexander Loginow.

    „Loginow hat es nicht verdient, hier zu sein“, empörte sich Tarjei Bö, der mit Rang 4 das Podest knapp verpasst hatte. Zusammen mit seinem jüngeren Bruder Johannes Thingnes Bö wurde der Norweger im Vorfeld des Rennens als einer der Topfavoriten gehandelt. Mit ihrer Missgunst waren die erfolgsverwöhnten Bös nicht allein. Wie ZDF-Moderator Alexander Ruda im Gespann mit dem Ex-Biathleten und Experten Sven Fischer feststellte: Alexander Loginow freue sich ja gar nicht über den langersehnten WM-Sieg, und auch niemand anderes freue sich für ihn oder mit ihm. 

    Hintergrund ist Loginows positive Probe auf das verbotene Präparat EPO aus dem Jahr 2013, für die das junge russische Biathlon-Talent eine zweijährige Sperre von 2014 bis 2016 verbüßen musste. Die Strafe hatte Loginow widerspruchslos angenommen, ohne die B-Probe überhaupt öffnen zu lassen. Wer erwartet hatte, dass danach eine neue Chance, geschweige denn eine Rehabilitation möglich wäre, wurde eines Besseren belehrt.

    Zwei Monate nach Ende seiner Sperrzeit wurde Loginow für die WM 2017 in Hochfilzen nominiert – darüber empörte sich der französische Biathlon-Überflieger und oft als „Kämpfer für den sauberen Sport“ betitelte Martin Fourcade. Derselbe Fourcade, der bei Loginows erstem Sprint-Sieg nach der Sperre sagte: "Für mich ist es eine Schande. Er hat gewonnen, aber meinen Respekt bekommt er nicht." Loginows Rückkehr in den Biathlon-Zirkus ärgerte den Franzosen so sehr, dass er gar bei der Siegerehrung für die Mixed-Staffel das Podium frühzeitig verließ, um es nicht mit den hinter den zweitplatzierten Franzosen auf Rang drei gelegenen Russen (also mit Loginow) teilen zu müssen.

    Einmal Dopingsünder, immer Dopingsünder

    Dass Alexander Loginow seit seiner Sperre nicht mehr mit Verstößen gegen die Anti-Doping-Vorschriften aufgefallen ist und sich konstant, vor allem durch seine hervorragenden Schiessleistungen in der Weltspitze gehalten hat – davon ließ sich die kritische Biathlon-Prominenz nicht beirren. Und dass der Generalverdacht gegen russische Athleten, und insbesondere ehemalige „Sünder“ unvermindert besteht, zeigte das vergangene Wochenende einmal mehr.

    Nach seinem so lang ersehnten und hart erarbeiteten ersten WM-Gold huschte Loginow kein Lächeln über das gewohnt ernste Gesicht. Keine Jubelschreie, keine Siegerposen – und keine Interviews. Das Einzige, was der 28-Jährige auf die Fragen der russischen Journalisten entgegnete, war: „Zu früh“. Zu früh, sich über einen Sieg zu freuen, der die Krönung seiner Sportkarriere darstellen könnte, weil er ahnte, was auf ihn zukam?

    Das ZDF-Moderatoren-Team hatte schnell eine Erklärung für Loginows Schweigen parat: Er wolle bestimmt nicht über Doping sprechen. Über die eigene Dopingvergangenheit und über die am Morgen vor Loginows Sieg-Sprint vom IOC verhängten Doping-Strafen für die mittlerweile nicht mehr aktiven russischen Biathleten Ustjugow und Sleptsowa. Bei Letzterem fehlte selbst Martin Fourcade das Verständnis bezüglich des Zeitpunkts der Verkündung der Strafe.  Wie der russische Chef-Trainer Anatoli Chowantsew es ausdrückte:

    „Fourcade hat sich angemessen geäußert. Ich gebe ihm Recht: Weswegen hat man den Skandal um Ustjugow und Sleptsowa während der WM aufbringen müssen? Ich bin sicher, dass das Urteil schon vor langer Zeit gefällt wurde. Sie hätten es vorher oder danach publik machen können. Aber sie haben sich das Dessert für das Hauptrennen aufgehoben. Wie immer. Vielleicht wollten sie auf diese Weise unsere Mannschaft psychologisch aus der Spur bringen.“

    Angesichts des psychologischen Drucks mussten die ZDF-Moderatoren vor Loginow sogar auch ein wenig den Hut ziehen, als er nicht nur Gold im Sprint gewann, sondern am Sonntag auch bei der Verfolgung bis zum letzten Schießen vorn lag und am Ende eine Bronze-Medaille sein eigen nennen konnte. Und der Druck war enorm. Bei der Siegerpressekonferenz, wo sich der seit je her medienscheue und zurückhaltende Loginow den Fragen der internationalen Medien stellen musste, ging es nämlich nicht um seine sportliche Leistung.  Eine nach der anderen prasselten auf ihn Fragen nach seiner Dopingvergangenheit ein. Doch der frisch gebackene Weltmeister ließ sich nicht einschüchtern. Auf die Frage eines norwegischen Journalisten, wie viele Dopingproben er in der laufenden Saison denn abgegeben habe, sagte er, es seien 12 bis 16 gewesen. Darüber hinaus wiederholte der Russe sein Angebot an alle Sportkollegen, die Zweifel an seiner Sauberkeit oder sonstigen Klärungsbedarf hätten, dass er sie gern bei sich zuhause begrüßen würde und im persönlichen Gespräch ihre Fragen beantworten wolle.

    Martin Fourcade, der hinter Loginow und Quentin Fillon Maillet (Frankreich) bei WM-Sprint Rang drei belegt hatte, verkniff sich dieses Mal Protest-Bekundungen und gratulierte Loginow per Handschlag. Auch im Interview wollte er sich nicht zu Doping äußern und mahnte stattdessen an, sich auf das Sportliche zu konzentrieren.

    Ein „gewisses Geschmäckle“ sei für ihn schon dabei, wenn ein ehemaliger Dopingsünder wieder auf einem Niveau laufe, wie zu seinen EPO-Zeiten, ätzte hingegen der deutsche Biathlet Arnd Peiffer, der bei dem Rennen siebter geworden war. Auch wenn es nicht immer leichtfalle, gelte aber immer die Unschuldsvermutung und er hoffe, dass Loginow sauber sei, fügte er hinzu.

    Schon allein, wenn man die Schlagzeilen zu Loginows Sieg betrachtet, die nicht ohne den Titel „Dopingsünder“ auskommen – wundert es dann noch irgendwen, wenn der neue Sprint-Weltmeister, der im Gesamtweltcup derzeit auf Rang vier liegt, sich nicht zu Jubelschreien hingerissen fühlt? Und wann wird der „saubere Sport“ auch zu einem „fairen Sport“, wo ein gemäß den Regeln der WADA rehabilitierter Sportler eine neue Chance erhält und sich über WM-Titel auch freuen darf?

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Biathlon, Russland, Gold, WM