13:52 14 August 2020
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    In Thüringen wollte die CDU mit Christine Lieberknecht eine Polit-Rentnerin zur Übergangsministerin wählen – doch diese lehnte nun ab. Aus NRW bewerben sich Friedrich Merz und Norbert Röttgen um den Parteivorsitz, beide wollen ein Comeback an die Spitze. Die CDU wirkt damit wie eine Resterampe. Stirbt die einstige Volkspartei nun endgültig aus?

    Was bitte ist denn da in der CDU los? Noch vor wenigen Monaten machte sich die Union aufgrund von Personalproblemen lauthals über den Koalitionspartner SPD lustig. Jetzt sind die Christdemokraten selbst quasi kopflos: Die Kanzlerin befindet sich im Spätherbst ihrer Amtszeit, innenpolitisch äußert sie sich nur noch selten. Und Annegret Kramp-Karrenbauer nimmt innerhalb der Partei eh kaum mehr jemand als Chefin wahr, sie wird noch in diesem Jahr ihren Posten schmeißen.

    Meinen Segen habt ihr nicht…

    Auch der Thüringer CDU-Landeschef Mike Mohring hat nach dem Wahldebakel seinen baldigen Rückzug angekündigt. Nach einem Vorschlag der Linken um Bodo Ramelow sollte die ehemalige CDU-Ministerpräsidentin Christine Lieberknecht nun für einige Monate übergangsweise das Ruder übernehmen. Doch der 61-Jährigen war das Gerangel zwischen den Parteien in Erfurt schlicht zu dumm. Die studierte Theologin lehnte ab und bringt nun sogar eine Koalition aus CDU und Linke in Thüringen ins Spiel. Im Berliner Konrad-Adenauer-Haus dürfte die Stimmung da wenig feierlich gewesen sein.

    ​Apropos Konrad Adenauer: Welchen Polit-Rentner will die CDU denn jetzt noch aus dem Hut zaubern – in Thüringen und für die Bundesparteispitze? Blicken wir zunächst auf den Freistaat, was macht eigentlich Josef Duchač? Der feierte an diesem Mittwoch übrigens seinen 82. Geburtstag, würde also genau in das Profil der aktuellen CDU passen. Der gebürtige Tscheche war von 1990 bis 1992 Thüringens Ministerpräsident. Nun gut, er musste sein Amt wegen Stasi-Vorwürfen abgeben, das dürfte für die Christdemokraten noch schlimmer wiegen, als der Linke Bodo Ramelow.

    Alles Nichts Oder?!

    Dann gäbe es noch den zumindest geistig noch taufrischen CDU-Veteranen Bernhard Vogel (87), Ministerpräsident in Thüringen von 1992 bis 2003. Und Vogel hatte sich sogar in die aktuelle Debatte eingeschaltet: Er habe Verständnis für die Wahl des FDP-Politikers Kemmerich, auch er unterstütze nun eine Zusammenarbeit von CDU und Linke. Ach ja, auch wieder schlecht für die Bundespartei. Und Vogels Nachfolger Dieter Althaus? Der ist mit 51 Jahren ja quasi noch ein junger Hüpfer. Der arbeitet allerdings mittlerweile gut bezahlt in der Privatwirtschaft, die Linke hatte ihm seinerzeit außerdem einen Lobbyskandal vorgeworfen. Für Althaus stehen die Chancen also auch recht mies.

    Streichquartett spielt Aufmarsch

    Vielleicht muss ja doch ein alter CDU-Recke aus anderen Bundesländern einspringen. Aus NRW aber besser nicht, dort streitet sich die Partei bereits um einen Kandidaten für den Parteivorsitz und die Kanzlerkandidatur. Friedrich Merz, Armin Laschet, Norbert Röttgen, Jens Spahn – ein nordrhein-westfälisches Quartett mit großen Ambitionen. Zumindest Spahn fällt mit seinen 39 Jahren da klar aus dem Rahmen, was ihn für große Teile der eigenen Partei aber auch unwählbar macht. Auch Laschet ist mit 59 Jahren quasi noch jung – aber immerhin schon Ministerpräsident. Wenn es mit dem Parteivorsitz nicht klappt, könnte er sich in fünf bis zehn Jahren ja vielleicht in Thüringen wählen lassen.

    ​Von der Seitenlinie zurück ins Rampenlicht wollen Merz (64) und Röttgen (54). Der eine ist ein millionenschwerer Lobbyist und der andere war einst „Muttis Klügster“, wurde dann von der Kanzlerin als Umweltminister entlassen und im Auswärtigen Ausschuss des Bundestags geparkt. Beide vielleicht auch keine Optimalbesetzung? Doch wer dann? NRW hat nicht allzu viele Ex-CDU-Ministerpräsidenten zu bieten, wie Thüringen. Wann meldet sich wohl Jürgen Rüttgers? Mit 68 genau im richtigen Alter. Oder Norbert Blüm? Der 84-Jährige war zwar kein Ministerpräsident, aber Bundesminister. Seine Rente ist sicher.

    Spaß beiseite…

    All das sind natürlich sehr überspitzte Ideen. Fakt ist aber, die CDU hat ein großes Problem: Die Partei steht aktuell zwischen einer glorreichen Vergangenheit und einer wohl erschütternden Zukunft. Kein Wunder, dass innerhalb der Union die Sucht nach Führungspersonen groß ist, die diese „gute alte Zeit“ vollends verkörpern. Denn Lieberknecht, Merz, Rüttgers – sie alle waren im Amt, als die CDU noch als die große Volkspartei galt. Es ist allerdings ein Irrglaube, dass altes Personal auch die alten Erfolge wieder herzaubert. Die Gesellschaft hat sich geändert, die Bedürfnisse der Bevölkerung haben sich geändert – und die CDU ist nicht mit der Zeit gegangen.

    Setzen, sechs.

    Nun regiert die Resterampe. Es herrscht eine spürbare CDU-Sehnsucht nach einem alten und am besten männlichen Messias. Doch wer nur regiert um des Regierens Willen, wer nur auf Berlin schaut und nicht auf die Menschen in Kleinmachnow, Sindelfingen oder Bottrop, der macht sich überflüssig. Wie hat schon Kurt Tucholsky gesagt: „Erfahrung heißt gar nichts. Man kann seine Sache auch 35 Jahre schlecht machen.“ Liebe CDU, denkt darüber doch bitte mal ein Weilchen nach.

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    Tags:
    Friedrich Merz, Norbert Röttgen, Mike Mohring, Annegret Kramp-Karrenbauer, Angela Merkel, Thüringen, CDU