12:03 02 Dezember 2020
SNA Radio
    Kommentare
    Zum Kurzlink
    Von
    Coronavirus-Ausbruch: Aktuelle Entwicklungen zur neuartigen Lungenkrankheit (201)
    3395
    Abonnieren

    Wirtschaft – das größte Opfer der Corona-Epidemie? In den offiziellen Statistiken werden bislang die Folgen der Epidemie nicht widerspiegelt, doch in dieser Situation haben die Finanzjournalisten wohl eher Recht als hochrangige US-Beamten.

    Die Wirtschaftsnachrichtenagentur Bloomberg berichtet: „Das Coronavirus könnte der Todesschlag für die längste Wirtschaftsexpansion in der Geschichte sein“, wobei präzisiert wurde, dass „die USA sich bereits in Rezession befinden können“.

    Aus formeller Sicht gelten Rezessionen als offiziell erst bestätigt, nachdem in der Wirtschaft eines Landes zwei Quartale in Folge ein BIP-Rückgang fixiert worden ist. Allerdings gilt dieses Modell als überholt und ist de facto nur nützlich, wenn es um eine Situation geht, bei der die Aussichten nicht ganz klar sind und die Gründe für die sich verändernde Wirtschaftssituation ebenfalls nicht klar sind. Im Fall Coronavirus ist allerdings alles viel einfacher – der Grund des BIP-Rückganges ist offensichtlich. Es ist sehr schwierig, seine Folgen mit Haushalts- bzw. Kreditmaßnahmen zu bekämpfen. Die Frage besteht darin, wie stark und andauernd der Rückgang der amerikanischen und europäischen Währung sein wird (wobei China wohl die Rezession vermieden hat). Denn eine Krise in den USA bzw. in der EU könnte eine Krise globalen Ausmaßes provozieren.

    Allerdings gibt es auch gute Nachrichten für die US-Wirtschaft. Darüber berichtete die britische Zeitung „Financial Times“ und verwies auf eine bekannte Regel zur Bestimmung von Rezessionen, die von Fed entwickelt wurde. Historisch, als die Arbeitslosigkeit um 0,35 bis 0,50 Prozent von der niedrigsten Kennzahl in den vergangenen zwölf Monaten stieg, schlitterte die US-Wirtschaft fast immer in die Rezession. Die gute Nachricht besteht darin, dass man eine sehr klare Schlussfolgerung ziehen kann – die US-Wirtschaft war nicht in der Rezession, als im Februar das Coronavirus ausbrach. Das ist sehr gut, allerdings hat diese Feststellung einen großen Haken.

    „Die schlechte Nachricht besteht darin, dass das Virus in China, Südkorea, Italien und in anderen Ländern zeigte, dass es sehr zerstörerische Rezessionskräfte in jeder Wirtschaft auslösen kann, wo es sich ausbreitet.“

    Laut Bloomberg versetzte das Coronavirus dem bereits anfälligen System einen heftigen Schlag. „Covid-19 traf die Wirtschaft, die weniger stabil war, als es schien. Im Januar wuchs die  Zahl der Beschäftigten außerhalb der Landwirtschaft um 1,4 Prozent im Vergleich zum Vorjahr, was durchaus normal ist. Doch die Industrieproduktion sank im Januar um 0,8 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Auch die Ertragskurve der Staatsanleihen war gefährlich nahe an der Inversion (Inversion der Ertragskurve, wo langfristige Zinssätze niedriger als kurzfristige sind, ist ein starkes Merkmal der Rezession). Der einzige starke Indikator im Januar war der Fondsmarkt, nun blinkt er wegen des Coronavirus ebenfalls rot“, so Bloomberg.

    Die USA sind eines der Länder, wo die sogenannte Finanzialisierung der Wirtschaft typisch ist. Auch im Fall der USA (wie auch im Fall der EU, aber nicht Chinas bzw. Russlands) ist der Aktienmarkt nicht einfach ein Indikator des Zustandes der Wirtschaft. In den USA und der EU steht wohl zwischen dem Fondsmarkt und der Wirtschaft ein Gleichheitszeichen.

    Amerikanische und europäische Staatsanleihen bringen derzeit sehr geringe bzw. negative Einnahmen, was die Investoren dazu bewegt, die Ersparnisse in Aktien zu halten. Nach Einschätzung von Investment Institute Company handelt es sich alleine im verbreitetsten Rentenplan 501K um mehrere Billionen Dollar, die wohl allmählich verschwinden. Das würde wohl kaum zur Förderung des Konsums von zusätzlichen Waren bzw. Dienstleistungen führen. Auf der anderen Seite sind es wohl Probleme der relativ reichen Amerikaner, die überhaupt Ersparnisse haben, während 74 Prozent der arbeitenden Amerikaner (Angaben von American Payroll Association) von der Hand in den Mund leben. Für sie wäre die Einführung einer Quarantäne für ein bzw. zwei Monate, die die Abriegelung von Betrieben bzw. Dienstleistern vorsehen würde, eine Finanzkatastrophe.

    Wenn man die Situation aus dem Inneren des Finanzmarktes betrachtet, gibt es kaum Anlass für Optimismus.

    „Auf den Finanzmärkten wird hingegen über die Rezession gesprochen. Das wird als Beginn einer Rezession nach einem langen wachsenden Markt wahrgenommen“, sagte John McClain von Diamond Hill Capital Management. „Heute ist der erste Tag einer gewissen Panik auf dem Markt“, sagte er.

    Im gewissen Sinne erinnert die heutige globale Wirtschaft an ein Fahrrad. Demnach kann sie in einem dynamischen Gleichgewicht nur im Zustand einer schnellen Vorwärtsbewegung sein – sollte das Wachstum stoppen, ist es nicht einfach ein Halt, sondern ein ernsthaftes Problem, das zu einer Systemkrise führen kann.

    In diesem Kontext ist es naheliegend, dass Experten und Investoren von Zentralbanken und Regierungen fordern, dass sie aktiver vorgehen. Die ersten Schritte wurden wohl gemacht – die Fed senkte eilig den Dollar-Zinssatz; ähnliche Maßnahmen sollen in anderen Ländern ergriffen werden. Das Problem besteht darin, dass die Möglichkeiten für solch eine Förderung bereits seit der Zeit der Krisenbekämpfung 2008 nicht groß sind – die Senkung der Zinssätze, die in der EU bereits negativ sind, und in den USA etwas mehr als ein Prozent ausmachen, ist eine sehr wirkungslose Maßnahme.

    Damit wird die größte Hoffnung, dass die Weltwirtschaft nicht in die Rezession abrutscht und die Wirtschaften der USA und Europas rettet, China sein, das bei der Bekämpfung von Coronavirus schon Erfolge hat. Wie das „Wall Street Journal“ berichtet, besteht die gute Nachricht darin, dass die Maßnahmen Chinas anscheinend funktionierten bzw. die Geschwindigkeit der Virus-Ausbreitung bremsten, wobei das Fundament für die Wiederherstellung der Wirtschaftsaktivität gelegt wurde. Doch eine wichtige Frage lautet: Wird die Aufhebung der Quarantäne  und der anderen Einschränkungen zu neuen Ausbrüchen in China führen? Das könnte die Wiederherstellung der Produktion in China ungleichmäßig gestalten.

    Donald Trump liest wohl ungern, dass die US-Wirtschaft trotz seiner Anstrengungen von China abhängt - sowohl bezüglich der Nachfrage nach US-Waren als auch bezüglich der Lieferungen für US-Hersteller, darunter lebenswichtige Medikamente. Zudem stehen die US-Präsidentschaftswahlen bevor. Das heißt, dass eine baldige Wiederherstellung der chinesischen Wirtschaft ein wichtiger Faktor für Trumps Wahlkampf ist.

    Von einer solchen Entwicklung würden allerdings alle profitieren – wenn zumindest eine der führenden Wirtschaften der Welt nicht besonders stark vom Coronavirus betroffen ist, gibt es die Chance, dass eine globale Rezession verhindert wird.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

    GemeinschaftsstandardsDiskussion
    via Sputnik kommentierenvia Facebook kommentieren
    Themen:
    Coronavirus-Ausbruch: Aktuelle Entwicklungen zur neuartigen Lungenkrankheit (201)

    Zum Thema:

    Trauer in Trier: Auto als Waffe schwer zu verhindern – rheinland-pfälzischer Innenminister
    Russischer Impfstoff darf dran, so Kommission von der Leyens - aber „nirgendwo in EU außer Ungarn“
    Rüstungskreise: Russische Drohne Ochotnik erstmals als Abfangflugzeug getestet
    Bluttaufe – aber vorher „Hund an die Gurgel“: Australische Elitetruppe in Afghanistan
    Tags:
    Finanzkrise, Coronavirus