14:55 10 August 2020
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    In der vergangenen Woche sind die Ölpreise mehrmals unter die 31-Dollar-Marke gerutscht. Analysten zufolge sind bei einem solchen Preis nur vier amerikanische Öl- und Gasunternehmen rentabel.

    Mehr als 100 Firmen in der Fracking-Industrie müssten dicht machen. Die letzte Hoffnung für die US-Schieferölförderer ist, dass Russland an den Verhandlungstisch mit der OPEC zurückkehrt und der Drosselung der Ölförderung zustimmt.

    Nur vier werden überleben

    Bei einem Ölpreis von 31 Dollar werden wohl Branchengrößen wie Exxon Mobile, Chevron, Occidental Petroleum und Crownquest keine Verluste haben, berichtet das norwegische Consulting-Unternehmen Rystad Energy.

    Mehr als 100 Unternehmer in der Fracking-Industrie können unter solchen Bedingungen keine neuen Bohrlöcher finanzieren, weil diese Art der Technologie praktisch ununterbrochene Bohrungen vorsieht. Derweil fiel der WTO-Ölpreis in der vergangenen Woche dreimal unter die Marke von 31 Dollar – am Montag, Donnerstag und Freitag.

    „Das könnte eine der größten Erschütterungen sein, mit denen die Ölindustrie jemals konfrontiert war“, so Rystad Energy in einer Pressemitteilung. „Selbst die besten Schieferöl-Firmen werden ihre Aktivitäten senken, weil es fast unmöglich ist, beim jetzigen Preisniveau einen positiven Geldstrom zu gewährleisten.“

    In der Tat geht es nicht nur um das Schicksal der Schieferölförderer. Denn die Fracking-Unternehmen sind nur ein Teil der so genannten gefallenen Engel – Firmen mit der Bonitätsnote BBB, was nur eine Stufe über dem „Schrott-Niveau“ ist.

    So belaufen sich die Schulden von Occidental Petroleum, dem größten Emittenten der Staatsanleihen mit der Bonitätsnote BBB fast auf 35 Milliarden Dollar. Zu den gefallenen Engeln zählen auch Canadian Natural Resources, Noble Energy, Apache Corp. und Concho Resources, während die Staatsanleihen von Devon Energy, Hess und Continental Resources bereits „Schrott“ seien.

    An der gefährlichen Grenze bewegen sich auch die Aktienwerte vieler Raffinerien des Öl- und Gassektors – Williams, Kinder Morgan, MPLX, u.a. auch der Ölpipeline-Betreiber Energy Transfer und der größte Betreiber von LNG-Terminals, Sabine Pass Liquefaction.

    Das Hauptkriterium ist die Einträglichkeit, die zehn bzw. mehr Prozent höher sein muss als die Kennzahl der Staatspapiere. Nach „Financial Times“-Einschätzungen wurden in der vergangenen Woche Staatsanleihen der US-amerikanischen Öl- und Gasunternehmen im Gesamtwert von 175 Milliarden Dollar bei diesen Werten gehandelt. Das heißt, dass die Investitionsbewertungen in der nächsten Zeit auf Schrott-Niveau herabgestuft werden und die Investment-Fonds danach sich von diesen Aktiva befreien müssen.

    Ein solcher Ausverkauf würde die Investoren fast sicher zum Verzicht auf andere „gefallene Engel“ bewegen – ihre Gesamtmenge liegt heute bei mehr als drei Billionen Dollar. Der US-Fondsmarkt wird mit einer präzedenzlosen Krise konfrontiert werden.

    Es ist nicht erstaunlich, dass der inoffizielle Energieberater Trumps und der Besitzer des Fracking-Unternehmens Continental Resources, Harold Hamm, sich mit dem Aufruf an das Weiße Haus gewendet hat, „alle möglichen Schritte zu unternehmen, um die US-amerikanischen Öl- und Gasunternehmen vor einer ungerechten Beeinträchtigung seitens einer ausländischen Regierung zu schützen“.

    Alle gegen einen

    Wie die US-Zeitung „Politico“ berichtete, besprach Präsident Trump am Mittwoch mit dem saudischen Kronprinzen Mohammed bin Salman al Saud die „Volatilität des Energiemarktes“.

    Es wurden zwar keine Details des Gesprächs veröffentlicht, doch Experten sind sich sicher, dass es dabei um die Koordinierung von Handlungen ging, um die Folgen der Ölkrise für Saudi-Arabien und die USA abzufedern, währenddessen Russland dabei möglichst unter Druck gesetzt werden soll.

    Das Ziel Washingtons und Riads ist, Moskau dazu zu zwingen, die Verhandlungen mit der OPEC wiederaufzunehmen und dem Abbau der Fördermengen zuzustimmen. Der Preis der Frage ist sehr hoch, weil die persönlichen politischen Interessen des Prinzen und Trumps davon betroffen sind.

    Für Saudi-Arabien bedeuten niedrige Ölpreise eine verschärfte Haushaltskrise, die politische Erschütterungen nach sich ziehen kann, bis zum Sturz der Monarchie und der Al-Saud-Dynastie. Auch der US-Präsident würde in eine kritische Lage schlittern.

    Im November finden in den USA die Präsidentschaftswahlen statt. Bislang basierte die gesamte Wahlkampagne Trumps auf den wirtschaftlichen Erfolgen, vor allem dem Wachstum des Börsenmarktes. Allerdings vernichtet die Ölkrise, die zeitlich mit dem Covid-Ausbruch einhergeht, alle Erfolge der vergangenen drei Jahre.

    Von der Rekordhöhe im Februar sank der Dow-Jones-Index auf das Niveau von Mai 2017: Der drohende Kollaps der Schieferindustrie würde den Absturz beschleunigen sowie die Arbeitslosenquote in die Höhe schnellen lassen. Experten zufolge wird der Höhepunkt der Krise auf die US-Wahlen entfallen, was Trumps Chancen auf einen Wahlsieg zunichtemacht.

    Ein solches Szenario wird zunehmend realer – nach Angaben der US-Prognose-Webseite PredictI hat Joe Biden in der vergangenen Woche erstmals Trump im Wahlrennen überholt. Auf die Frage, wer die Wahlen gewinnt, votierten 48 Prozent für Biden und nur 45 Prozent für Trump.

    Laut PredictI-Analysten geht es nicht um die Erfolge des demokratischen Kandidaten (die Zahl der Unterstützer stieg nur um ein Prozent), sondern darum, dass der amtierende Präsident fünf Prozentpunkte wegen der Panik auf den Märkten verlor.

    Schockierender Vorschlag

    Nach dem Treffen Trumps mit dem saudischen Prinzen nahm der Druck der Opec und der USA auf Russland enorm zu. Das ist kein Zufall. Saudi-Arabien bot den europäischen Verbrauchern Öl für 25 Dollar an, wobei die Bereitschaft ausgedrückt wurde, die Lieferungen um das Dreifache zu erhöhen. Allerdings halten Experten das für einen Bluff – Riad hat einfach nicht genug Tanker für diese Mengen.

    Die Hauptverbündeten Riads in der OPEC – Irak, Kuwait und VAE – kündigten einen Preisnachlass an, wobei die größten Ermäßigungen Verbrauchern in Europa versprochen wurden: dem Hauptmarkt der russischen Unternehmen.

    Washington verhängte seinerseits Restriktionen für eine weitere Tochterfirma von Rosneft – die Schweizer TNK Trading International, der Verbindungen nach Venezuela vorgeworfen wurden. „Wir verhängen Sanktionen, um Maduro an den Verhandlungstisch zu zwingen. Heute führten wir Sanktionen gegen TNK Trading International S.A. ein, wobei die Isolation des Regimes verstärkt und das Volk Venezuelas der Freiheit und dem Wohlstand nähergebracht wird“, schrieb US-Außenminister Mike Pompeo auf Twitter.

    Allerdings ist das Hauptziel des Angriffs in Wirklichkeit Rosneft, das venezolanisches Öl zur Tilgung der Kredite bekommt. Die Einstellung der Kooperation mit Caracas würde den Verlust von viel Geld bedeuten. Zudem sind acht Tankschiffe bedroht, die TNK Trading International gehören, was die Rosneft-Möglichkeiten bei den Öllieferungen verringert.

    Allerdings brachte der Druck gegen Moskau keine Ergebnisse. Am Donnerstag vereinbarten die Vertreter der russischen Öl- und Gasunternehmen bei einem Treffen im Energieministerium, selbst bei niedrigen Ölpreisen weiterzumachen. Das teilte Lukoil-Chef Wagit Alekperow mit. Das ist eine sehr schlechte Nachricht für Trump.

    Nun erörtert das Weiße Haus die Idee ermäßigter Kredite für die Fracking-Industrie. Doch selbst in der Präsidialverwaltung wird eingeräumt, dass sie kaum umgesetzt wird – aus politischen Gründen. Die Demokraten teilten bereits mit, dass sie jede Hilfe für diese Branche blockieren werden.

    „Unabhängig davon, wie viele Ölmilliardäre Geld verlieren und Trump um Hilfe bitten – die Demokraten des Repräsentantenhauses werden sich in erster Linie um die realen Bedürfnisse des US-amerikanischen Volkes kümmern und die Finanzsicherheit der arbeitstätigen Familien verteidigen“, sagte Evan Hollander, Sprecher des Haushaltsausschusses im US-Kongress.

    In dieser Situation bleibt dem US-Präsidenten nur eine Wahl: Er muss Moskau um Unterstützung bitten, wobei im Tausch gegen die Kürzung der Ölförderung umfassende Ermäßigungen und Zugeständnisse angeboten werden. Andernfalls erwartet die US-amerikanische Öl- und Gasindustrie und die gesamte Wirtschaft eine akute Krise und Trump ein Wahldesaster samt einem ruhmlosen Ende seiner politischen Karriere.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Ölpreis, USA, Fracking