07:15 09 April 2020
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    Der dramatische Einsturz der Ölpreise vor dem Hintergrund der Coronavirus-Seuche hat die Frage aufgeworfen, inwieweit beide Ereignisse miteinander verflochten sind und welche globalen Folgen sie haben könnten.

    Auf den ersten Blick ist die Verbindung offensichtlich: Die Industrieproduktion in China ist in einigen Branchen um 40 bis 60 Prozent geschrumpft, der Verbrauch sackte ebenfalls ab, wobei das Reich der Mitte die weltweit größte „Produktionsstätte“ und zugleich der größte Energieverbraucher ist; in zahlreichen Industrieländern wird die Quarantäne ausgerufen – und all das führt zum Rückgang der Ölpreise. Andererseits aber hat der Covid-19-Ausbruch nur das vorangebracht, was sich schon seit längerer Zeit anbahnte.

    Massive Einstürze der Ölpreise gab es auch früher, vor allem wegen Kriegen: Am 17. Januar 1991 schrumpften sie beispielsweise um 34,8 Prozent wegen des Golfkriegs (und die ganze Zeit, in der die Preise sanken, dauerte vom Oktober 1990 bis Februar 1991). Zwischen September und November 2001 lösten der 9/11-Terroranschläge in den USA heftige Verwerfungen auf dem Ölmarkt aus.

    Diesmal ist es zum Preissturz in Friedenszeiten gekommen – nach dem Ausstieg Russlands aus dem OPEC+-Deal. Und das bedeutet, dass der Preissturz von äußeren Akteuren stimuliert wurde und deshalb mit dem Coronavirus oder mit üblichen Wirtschaftsfaktoren kaum etwas zu tun hat.

    In dieser Situation gibt es sowohl Gewinner als auch Verlierer. Eine wichtige Frage ist, wie stark die Ölpreisschwankungen Russlands Partner in der Öl- und Gasbranche treffen werden, allen voran China. Die Öl- und Gaskooperation zwischen Moskau und Peking ist zwar durch langfristige Verträge gesichert, aber unter Ausnahmebedingungen (und die Covid-19-Pandemie ist eine solche Bedingung) könnte es dazu kommen, dass viele Öl- und Gasabkommen korrigiert werden. Unter anderem ist nicht auszuschließen, dass die Volksrepublik weniger Öl- und Gas kaufen wird, was negative Folgen für Russlands Einnahmen aus dem Öl- und Gasexport hätte.

    Für die USA wäre ein längerfristiger Verfall der Öl- und Gaspreise ungünstig, denn das würde zum Zusammenbruch der Schieferölbranche führen (die Schieferölförderung ist bei mindestens etwa 40 Dollar pro Barrel rentabel). Auch Saudi-Arabien muss bei den aktuellen Preisen leiden, denn in seinem Haushalt ist ein Ölpreis von 65 Dollar eingeplant.

    Die Gewinner wären aber China und viele andere asiatische Länder, denen sich aktuell die Möglichkeit bietet, Öl viel günstiger zu kaufen – und dadurch die Erholung ihrer Wirtschaften voranzubringen.

    Üblicherweise stimuliert ein Ölpreis-Verfall den wirtschaftlichen Aufschwung Asiens, und auch diesmal könnte dies der Fall sein. Aber unter den aktuellen Bedingungen könnten die mit niedrigen Ölpreisen verbundenen Vorteile eher gering sein, wenn man die wegen des Coronavirus-Ausbruchs geschrumpfte Nachfrage bedenkt.

    Offensichtlich ist auch, dass der Ölpreisverfall die Haushalte von Malaysia und Indonesien – der zwei großen Ölimporteure in Asien – unter Druck setzt, so dass ihre Möglichkeiten für die finanzielle Stimulierung der „Wiederbelebung“ ihrer Wirtschaft beschränkt bleiben werden.

    Und es gibt noch einen Aspekt dieser Frage: Der Ölpreis-Einsturz macht alle alternativen Zweige der Energiewirtschaft praktisch unrentabel, auch die Wind- und Sonnenenergie. Und gerade diese Frage ist äußerst wichtig für China.

    Peking betrachtete alternative Energien in den vergangenen Jahren als Mittel, nicht nur eine neue – „reine“ – Wirtschaft zu bilden, sondern auch seine Energiesicherheit zu fördern und seine Abhängigkeit von den größten Öl- und Gasexporteuren zu verringern. Im Grunde machte der in letzter Zeit immer intensivere Einsatz alternativer Energiequellen in der Welt den Einfluss der Volksrepublik, die auf dem Ausbau der erneuerbaren Energien bestand, zunehmend größer. Jetzt aber ist die Situation so, dass es Peking trotz der riesigen Investitionen wohl doch nicht gelingen wird, diese Idee durchzusetzen.

    China ist nämlich der weltweit größte Produzent und Exporteur von Solarbatterien, Windturbinen, Akkus und Elektrofahrzeugen. Der 13. Fünfjahresplan der Volksrepublik (für 2016 bis 2020) auf dem Gebiet Elektroenergetik ist auf die Aufstockung des Anteils von nichtfossilen Brennstoffen an der Stromproduktion von 35 auf 39 Prozent im laufenden Jahr ausgerichtet. Die Nationale Verwaltung für Energetik und die Nationale Kommission für Entwicklung und Reformen wollten mehr als 360 Milliarden Dollar in die Entwicklung von erneuerbaren Energiequellen stecken (dadurch sollten 13 Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen werden; zum Vergleich: In den USA sind in dieser Branche nur 800 000 Menschen beschäftigt).

    Erst vor einem Jahr gab es viele nahezu romantische Ideen über alternative Energiequellen. In einem Bericht zum Thema „Neue Welt: Geopolitik der Energietransformation“, der im Januar 2019 veröffentlicht wurde, wurde behauptet, dass die geopolitischen und sozialwirtschaftlichen Folgen des intensiven Wachstums von erneuerbaren Energiequellen genauso tief sein könnten wie beim Übergang zu fossilen Brennstoffen vor 200 Jahren. Die Autoren prognostizierten, dass sich in der ganzen Welt neue Energiemarktführer etablieren würden, dass sich die Handelsstruktur verändern und dass neue energetische Allianzen entstehen würden, dass sich in Ländern mit großen Öl- und Gasreserven die Situation destabilisieren könnte usw. China hoffte, von der Transformation seiner Energiewirtschaft zu gewinnen und seine Energiesicherheit zu festigen, weil es ohnehin die Führungsrolle sowohl bei der Produktion als auch beim Einsatz von innovativen Technologien bei den erneuerbaren Energien spielt: 2017 entfielen mehr als 45 Prozent der globalen Investitionen auf Chinas Investitionen in erneuerbare Energiequellen.

    Aktuell hängen Europa, China und Japan sehr stark vom Import von fossilen Brennstoffen ab, aber mit dem Anstieg des Anteils erneuerbarer Energiequellen könnte ihre energetische Unabhängigkeit wachsen. Japan ist besonders abhängig: Sein reiner Import fossiler Brennstoffe beläuft sich auf fünf Prozent vom BIP. Südasien gibt mehr als drei Prozent seines BIP für den Brennstoffimport aus. Theoretisch sollte sich die Handelsbilanz der Länder, die von importierten Brennstoffen zu erneuerbaren Energiequellen übergehen würden, wesentlich verbessern.

    In den vergangenen Jahren verfolgte das Reich der Mitte mit großem Elan einen Kurs hin zu neuen Energiequellen. Anfang 2017 waren an vier von fünf größten Kooperationsverträgen auf dem Gebiet der alternativen Energien chinesische Unternehmen beteiligt. Der Volksrepublik gehören fünf der sechs weltweit größten Solarmodule für die Industriebetriebe. Zudem ist sie der größte Produzent von Windturbinen.

    Chinas führende High-Tech-Unternehmen, vor allem im IT-Bereich, haben schon längst den Übergang zu erneuerbaren Energiequellen begonnen.

    Peking war an diesem Übergang auch aus einem anderen Grund interessiert: Bekämpfung der Umweltverschmutzung. Der RAND Corporation zufolge beliefen sich seine Ausgaben zu diesen Zwecken im Jahr 2012 auf 535 Milliarden Dollar (6,5 Prozent vom BIP) – vor allem wegen des Verfalls der Produktionseffizienz.

    Dabei gibt es einen Umstand: Zwar ist China der größte Markt auf dem Gebiet der alternativen Energien, aber 2018 entfielen nur 5,2 Prozent seiner Stromproduktion auf die Windenergie und 2,5 auf die Solarenergie. Pekings Probleme auf diesem Gebiet begannen im Sommer 2018, gleichzeitig mit dem Ausbruch des Handelsstreits mit Washington. Allein die Entfaltung von riesigen Solarbatterien war ein sehr teurer Spaß. Dann wurden die entsprechenden Subventionen reduziert, wobei die Ausgaben für die Förderung von Schiefergas aufgestockt wurden.

    Damit ist ein Paradox entstanden: China ist an niedrigen Preisen für traditionelle Energieträger interessiert, wie kein anderes Land. Die ganze Welt wartet auf die Erholung ausgerechnet seiner Wirtschaft, wobei auch das Vertrauen zu ihm nach seiner Bezwingung des Coronavirus allmählich zurückkehrt. Viele verbinden die Hoffnung auf die Erholung der gesamten Weltwirtschaft mit dem „Neustart“ der chinesischen Industrie und dem Konsumwachstum im Reich der Mitte. Und bei den bisherigen Ölpreisen würde es ihm viel schwerer fallen – und wäre auch enorm kostspielig.

    Aber der weitere Übergang zur alternativen Energie (auch wenn er lange dauern würde und sehr schmerzhaft wäre), der China weniger abhängig vom Öl und Gas machen würde, wurde jetzt für lange Zeit zunichte gemacht. Jetzt muss die Volksrepublik zu den alten Modellen zurückkehren.

    Allerdings erfreuen die neuen Ölpreise die Chinesen. Das Land bekommt einen riesigen „Bonus“, damit es den „Neustart“ mit minimalen Verlusten starten kann.

    Im Allgemeinen ist offensichtlich, dass im ersten Halbjahr 2020 die korporativen Einnahmen in der ganzen Welt schrumpfen werden, aber dann könnte ein intensiver Aufschwung beginnen – als Form der wirtschaftlichen Erholung. Das könnte die Perspektiven des globalen Aufschwungs der Einnahmen für 2020 mäßig negativ gestalten. Und vor diesem Hintergrund werden die asiatischen Märkte, die die größten Nutznießer der billigen Energie sind, viel stabiler und erfolgreicher sein als die Märkte der Öl exportierenden Länder.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Coronavirus, Ölpreis