05:37 24 November 2020
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    Die Bundesregierung hat das wohl größte Hilfspaket der Nachkriegsgeschichte geschnürt, um die Wirtschaft während der Corona-Krise vor einem Totalausfall zu bewahren. Doch wie so oft kommt das Geld bei den sozial Schwachen im Land nicht an. In Zeiten von Hamsterkäufen und Stellenabbau sind vor allem sie betroffen. Aber kaum jemand redet darüber.

    Die Einschränkungen durch die Corona-Krise dürften in Hamburg-Blankenese erträglich sein, wo sich die gut betuchte Bürgerschaft noch schnell bei Butter-Lindner ein Stück Kuchen mehr einpacken lässt. In den Discount-Märkten in Duisburg-Marxloh oder Berlin-Neukölln stellt sich die aktuelle Situation jedoch gänzlich anders dar.

    Nach mir die Sintflut?

    Wer sich vor Corona die mittelpreisige Nudelpackung von Barilla geleistet hat, packt sich in Zeiten von Hamsterkäufen nun lieber drei Packungen Billignudeln in den Einkaufswagen. Wer vorher aber sowieso nur Geld für das maximal günstigste Produkt hatte, steht nun vor leeren Regalen. Und während es in den Frischfleischabteilungen von EDEKA oder Kaufland mindestens noch das rosige Bio-Roastbeef vom Stück gibt, sind die Tiefkühlbereiche mit abgepacktem Billig-Hackfleisch gähnend leer. Das mag aus Sicht des mit dem moralischen Zeigefinger auf das Tierwohl hinweisenden Ökologen ein schönes Szenario sein, für die alleinerziehende Pflegerin mit ihren drei Kindern ist das eine Katastrophe – und nicht nur für die.

    Realität versus Statistik

    Auch ist es schlicht ein Märchen unseres Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, dass durch Kurzarbeit und Finanzhilfen jeder die Krise gut überstehen werde. Vor allem nicht diejenigen, die bislang eh am unteren Ende des Arbeitsmarktes angesiedelt waren: Barkeeper, Kellner, Verkäufer oder Aushilfen. Der Betreiber einer Eckkneipe wird seine Thekenkräfte sicher nicht in die Kurzarbeit schicken, sondern sie als Freiberufler einfach nicht mehr im Dienstplan berücksichtigen. Auch Befristungen sind ein Problem: zigtausende Arbeitsverträge, die sowieso nur für ein halbes oder maximal ganzes Jahr geschlossen wurden, laufen jetzt aus und werden einfach nicht erneuert. In dieStatistik wird das aber nicht aufgenommen, da es sich offiziell um keine Kündigung handelt.

    Business as usual?

    Von denen, die schon vor der Krise keinen Job hatten, ganz zu schweigen. Günstige Lebensmittel sind knapp und die Aussicht auf Neueinstellungen tiefschwarz, Überlegungen über einen – wenigstens temporären – Anstieg der Hartz IV-Bezüge, von Arbeitslosengeld oder einer adäquaten Grundsicherung sind jedoch nicht im Gespräch. Warum auch, diese Bevölkerungsgruppe hatte vorher schon keine politische Lobby, warum sollte sich dies in Corona-Zeiten ändern?

    Ein Blick in die Breite…

    Ja, natürlich gilt es jetzt, der Wirtschaft als Ganzes wieder auf die Beine zu helfen. Das gilt für den Großkonzern Lufthansa, wie auch für Oma Soffi’s Miederwarenladen an der Ecke. Verzeihung: das SOLLTE für beide gleichermaßen gelten. Ebenso für den nun im gemütlichen Homeoffice arbeitenden und auf Teilzeit gesetzten Versicherungsmakler, wie auch für den jetzt auftrittslosen Kleinkünstler, der sich schon vorher kaum neue Gitarrensaiten leisten konnte. Für den an letzter Stelle Genannten fehlt es aber an politischem Handlungsengagement und vielleicht auch an Handlungswillen der dafür Zuständigen. Rettung beginnt aktuell eher von oben nach unten: Während VW-Chef Herbert Diess also schon bald an der finanziellen Rettungsleine der Regierung baumeln wird, sind die ausgegebenen Schwimmwesten für Solo-Freiberufler so löchrig, wie das aktuelle Klopapier-Sortiment bei Aldi und Lidl.

    Hört die Signale

    Und während die gemeinnützigen Tafeln derzeit kaum noch Lebensmittel erhalten, weil alles schon in den Läden weggehamstert wird, schaut man sich vielerorts auf der Couch mit Chips und Bier die Ansprache der Kanzlerin im Fernsehen an, die mehr Solidarität predigt. Mehr Solidarität – eine gute Sache! Das heißt aber nicht nur für die Bevölkerung, auf den Kauf der fünften Dose Ravioli zu verzichten und der lieben Omi wegen Corona nicht stürmisch um den Hals zu fallen. Solidarität bedeutet auch, dass Politiker jetzt bei ihren zahlreichen Video-Konferenzen „zur Lage der Nation“ diese Nation als Ganzes betrachten und Hilfen quer durch alle Gesellschaftsschichten anbieten.

    Wenn nicht jetzt, wann dann?

    Ja, so manch einer mag diese Vorstellung als naiv, gutgläubig und realitätsfern diffamieren. Aber klar ist: Dieses Land wird nach der Corona-Krise in vielen Bereichen ein anderes sein. Mit den Entscheidungen der kommenden Tage werden die Weichen gestellt, ob sich alles ganz und gar zum Schlechten oder doch auch ein Stück zum Guten wandeln wird. Weniger an sich, mehr an andere denken - das sollte nicht nur die Devise zur Eindämmung des Corona-Virus sein. Hier sind Politik und Gesellschaft gleichermaßen gefragt. Noch nie war die Chance so groß, wirklich etwas in Deutschland zu ändern. Und das wäre dann wenigstens ein positiver Aspekt der ansonsten recht apokalyptisch anmutenden Gesamtsituation. Eine schöne Vorstellung, oder nicht?

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Kapitalismus, Finanzhilfe, Diskriminierung, Deutschland, Coronavirus