13:01 27 November 2020
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    Die Frage, wie es nach dem Ende der Corona-Pandemie in den betroffenen Ländern (vermutlich alle Staaten der Welt) mit Gesellschaft, Wirtschaft und Politik weitergehen soll, beschäftigt schon jetzt viele Analysten und Kommentatoren, obwohl die Pandemie ihren Höhepunkt wohl noch nicht erreicht hat und das Ausmaß der Folgen noch nicht absehbar ist.

    Hier soll es nicht darum gehen, diese Analysen und Kommentare wiederzugeben, geschweige denn, sie zu beurteilen, sondern es geht um ein paar grundsätzliche Anmerkungen.

    Niemand will einen lang anhaltenden Ausnahmezustand

    1. Dass die Frage gestellt wird, wie es nach dem Ende der Pandemie weitergehen soll, ist sehr verständlich. Es ist den Menschen nicht zuzumuten, sich auf einen dauerhaften Ausnahmezustand einzustellen. Aus Kriegssituationen in Geschichte und Gegenwart wissen wir: Je länger eine solche Ausnahmesituation andauert, je größer sind die negativen Folgen. Der Mensch ist nicht geschaffen für den permanenten Ausnahmezustand. Er braucht die Hoffnung, dass sich ein solcher Zustand, sofern er denn für einen gewissen Zeitraum notwendig erscheint, so schnell wie möglich überwinden lässt. Alles andere hat fatale Folgen. Ein Blick auf Europa im Dreißigjährigen Krieg oder heute auf Länder im Nahen Osten oder auf Afghanistan legt davon beredt Zeugnis ab.

    Nun bedeutet die Corona-Pandemie zwar keinen Krieg. Die meisten Menschen, die nun fast den ganzen Tag zuhause verweilen, in ihrer Bewegungsfreiheit und in ihrem Gemeinschaftsleben eingeschränkt sind und sogar auf ihre berufliche Tätigkeit verzichten müssen, müssen nicht befürchten, dass Bomben auf ihre Dächer fallen oder sie beim Einkauf oder Spaziergang von einer Kugel oder Granate getroffen werden. In unseren Breitengraden muss auch niemand befürchten, wegen der Pandemie Hunger oder Durst erleiden zu müssen. Aber die vielen Einschränkungen der persönlichen Freiheit sind doch für viele Menschen ein großer Einschnitt in ihre bisherige Lebensweise.

    Was und wer entscheiden über unsere Zukunft?

    2. Es ist offen, wer nach dem Ende der Pandemie darüber entscheiden wird, wie wir unser Zusammenleben in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik künftig gestalten werden. Einiges sollte sich ändern, und viele wollen auch, dass sich nachher einiges ändert. Die Corona-Pandemie ist nämlich nicht nur Schicksal, sondern auch das Resultat menschlicher Irrtümer und Versäumnisse – von uns allen. Aber die Vorstellungen darüber, was sich ändern soll, – das kann man nach den vorliegenden Analysen und Kommentaren jetzt schon sagen – gehen weit auseinander. Das hängt nicht zuletzt mit den unterschiedlichen Menschenbildern, Weltanschauungen und Lebensstilen zusammen.

    1945, nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, hat es für das in vielerlei Hinsicht zerstörte Deutschland sehr viele, ganz wertvolle Überlegungen gegeben, wie das Land künftig gestaltet werden soll. Im Rahmen der von der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft in Darmstadt herausgegebenen „Quellen zum politischen Denken der Deutschen im 19. und 20. Jahrhundert“ erschien 1990 und dann erneut 2010 der Quellenband „Nachkriegsdeutschland 1945–1949“. Die Lektüre des Bandes lohnt sich auch heute wieder, 75 Jahre nach Kriegsende. Manches von dem, was da zu lesen ist, wurde tatsächlich umgesetzt. Anderes spielte später kaum noch eine Rolle. Oder wer weiß denn heute noch, wer Eberhard Welty war? Er war Dominikanerpater und Sozialethiker, gehörte der „Walberberger Bewegung“ an – schon einmal gehört? – und strebte einen christlichen Sozialismus auf der Grundlage christlichen Naturrechtsdenkens an. Welty plädierte nach dem Krieg für eine „Staatsgemeinschaft“, die „demokratisch ausgerichtet war und die Grundrechte des einzelnen als dem Ebenbild Gottes innerhalb der sichtbaren Schöpfungsordnung sicherte“. „Grundlage des gesellschaftlichen Lebens“, so heißt es weiter, sollte „das Gemeinwohl des Volkes“ sein, „das bestimmt wurde durch Gerechtigkeit und Eintracht. […] Es zu regeln, wurde als Aufgabe und Pflicht des Staates angesehen. Im wirtschaftlichen Bereich bedeutete dies die Zustimmung der christlichen Sozialisten zum Sondereigentum des einzelnen, das aber nicht in beliebiger Menge angesammelt und allein zu persönlichen Zwecken genutzt werden dürfe, sondern vorrangig der Deckung der persönlichen Lebensbedürfnisse zu dienen habe.“

    Ja, manches von dem hat im 1949 verabschiedeten Grundgesetz Eingang gefunden, so in der Gemeinwohlverpflichtung des Eigentums in Artikel 14. Aber es war eben nicht nur oder sogar nur zu einem geringen Anteil die Qualität der Ideen, die über deren Verwirklichung entschieden hat. Die realen Machtverhältnisse spielten oft eine größere Rolle, und die Durchsetzungskraft lag damals (wie heute) nicht immer auf Seiten von Ethik und Vernunft. Schon lange vor dem Ende des Krieges hatten die Siegermächte ihre Pläne für die Zukunft Deutschlands (und der Welt) gemacht und ihre Pflöcke abgesteckt. So war der Rahmen vorgegeben; um so mehr, als sich die Siegermächte, die in vielen Punkten sehr unterschiedliche Vorstellungen hatten, mit Beginn des Kalten Krieges nicht mehr einigen wollten, sondern ihr jeweiliges Programm in ihrem Einflussbereich in reiner Form durchzusetzen versuchten.

    Ausnahmezustand muss nicht zur Diktatur führen

    3. Der derzeitige Ausnahmezustand mit einem starken Gewicht exekutiver Staatsgewalt darf niemanden dazu verführen, in „starker Führung“ den Lösungsweg für alle Probleme in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik zu suchen. Die Lösung von Problemen bleibt immer eine Gemeinschaftsaufgabe. Dies gilt nicht nur bei der Bekämpfung der Corona-Pandemie – auch die Vertreter der nun im Vordergrund stehenden Staatsgewalt haben dies erfreulicherweise immer wieder zurecht betont –, sondern auch bei allen künftigen öffentlichen Aufgaben. Das unterscheidet die gegenwärtige Situation auch grundlegend von der von mancher Seite befürchteten oder herbeigeredeten Diktatur: Die Verantwortlichen wissen heute sehr genau, dass Zwang und Gewalt in eine Sackgasse führen würden. Vorrang müssen gerade auch jetzt Ethik und Vernunft haben.

    Schon vor mehr als 90 Jahren, im Jahr 1928, hat der Individualpsychologe Alfred Adler den grundsätzlichen Irrtum des Machtweges charakterisiert:

    „Das Ergebnis individual- und massenpsychologischer Forschung lautet demnach: Das Streben nach persönlicher Macht ist ein verhängnisvolles Blendwerk und vergiftet das Zusammenleben der Menschen. Wer die menschliche Gemeinschaft will, muss dem Streben nach Gewalt über andere entsagen. Gewaltsame Durchsetzung leuchtet vielen als ein selbstverständlicher Gedanke ein. Wir wollen zugeben: Es scheint [Hervorhebung bei Alfred Adler] der einfachste Weg, alles, was gut ist und Glück verheißend oder auch nur, was im Sinne einer unaufhaltsamen Entwicklung liegt, mit den Mitteln der Macht zu erschaffen. Wo im Leben der Menschen oder der Menschheitsgeschichte ist ein solches Vorhaben schon gelungen? So weit wir sehen, überall weckt die Anwendung selbst sanfter Gewalt den Gegenwillen, selbst dort, wo sichtlich das Wohl des Niedergezwungenen bezweckt wird. […] Wo Machtfragen ins Treffen kommen, stoßen sie, unbekümmert um die Vortrefflichkeit ihrer Absichten und Ziele, auf den Willen zur Macht des Einzelnen und wecken den Widerspruch.“ (Quelle: Adler, Alfred. Psychologie der Macht [1928]; in: Adler, Alfred. Persönlichkeitstheorie, Psychopathologie, Psychotherapie [herausgegeben von Gisela Eife], Göttingen 2010, S. 333)

    Dass bislang die überwältigende Mehrheit der Bürger den Maßnahmen ihrer Staaten aus Einsicht heraus zustimmt, ist ein wertvolles gemeinschaftliches Kapital. Es gilt, sorgsam damit umzugehen.

    Hoffnung auf einen größeren Raum für Ethik und Vernunft

    4. Die Reaktionen der Verantwortlichen in den Medien, in Wirtschaft und Politik zeigen eine Vielzahl von Stellungnahmen, die doch deutlich von dem abweichen, was man von den Zeiten zuvor her erwartet hätte. Wer hätte zum Beispiel noch vor Wochen gedacht, dass die deutsche Kanzlerin Angela Merkel so angemessen und sogar ansprechend zu den Pandemiegefahren Stellung nimmt? Vielleicht gibt es wirklich auch ein gutes Recht auf die Hoffnung, dass Ethik und Vernunft einen größeren Raum finden, auch auf Seiten der gesellschaftlich, wirtschaftlich und politisch Verantwortlichen. Vor allem aber mache sich niemand etwas vor: Es ist ein Irrtum zu glauben, dass diese in unseren Augen „Mächtigen“ so viel anders sind als wir. Dass nur diese Gruppe von Menschen die vergangenen Jahre alles falsch gemacht hat und dass, wenn es nach uns gegangen wäre, alles viel besser aussehen würde, ist sehr unwahrscheinlich. Besser werden wird es nur, wenn jeder Mensch als gleichwertiger Dialogpartner akzeptiert wird, und das geht in alle Richtungen. Bürger auf dem hohen Ross und Hass auf alle „Mächtigen“ helfen genauso wenig weiter wie Politiker, die von vornherein alles besser wissen.

    Die Opfer der Welt-Macht-Politik nicht vergessen

    5. Viele wissen, dass es Staaten und Menschen gibt, denen es in der gegenwärtigen Pandemie-Situation viel schlechter geht als uns. Darunter gibt es auch solche, deren Situation nicht nur auf eigene Irrtümer und Versäumnisse zurückzuführen ist, sondern die auch Opfer einer Welt-Macht-Politik sind. Die Sanktionen und Kriege gegen diese Länder waren schon immer eine Plage und verschärfen die aktuelle Situation enorm. Mit Sicherheit ist diese Art von Politik auch nicht zukunftsfähig. Sie muss korrigiert werden.

    Und könnte die Corona-Pandemie, die alle Länder der Welt betrifft, nicht auch ein Anlass dafür sein, bisherige Feinbilder abzubauen und zu erkennen, dass die Weltgemeinschaft im gewissen Sinne in einem Boot sitzt? Das bedeutet nicht, nach einer «Weltregierung» oder nach «global governance» zu rufen, aber gleichberechtigte Zusammenarbeit und gegenseitige Hilfe sind geboten. Und das gilt auch für die Zukunft.

    Einigen Kommentaren der vergangenen Tage merkt man eine gewisse Ungeduld an. Sie dokumentieren, dass manch einer nun ganz schnell den Ausnahmezustand beenden und auch jetzt schon wissen möchte, wie es „nachher“ weitergeht. Das hat oft gut nachvollziehbare Gründe – für die Wirtschaft, für den Arbeitsmarkt, für die Familien mit schulpflichtigen Kindern, für Alleinstehende, für die im Gesundheitswesen unermüdlich Tätigen und für viele mehr ist die derzeitige Situation in der Tat hoch anspruchsvoll. Solange es aber noch keine überzeugende Perspektive für ein wirkliches Ende der Pandemie gibt, braucht es nicht nur Zukunftspläne, sondern auch viele kreative, mitmenschliche Ideen und Taten, damit so viele Menschen wie möglich die gegenwärtige Situation gut überstehen und bewältigen können – in jeder Hinsicht. Gut ist, dass es genau hierfür so viele Beispiele gibt.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Bundesregierung, Staat, Deutschland, Diktatur, Zukunft, Demokratie, Ausnahmezustand, Politik, Wirtschaft, Psychologie, Vernunft, Ethik, Pandemie, Coronavirus