02:37 20 September 2020
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    Man lernt in Krisenzeiten viel Neues über Mitbürger und über ganze Staaten. Solidarität und Egoismus, Achtung des Gemeinwohls und totale Verantwortungslosigkeit zeigen sich erst richtig, wenn es für alle ernst wird. Es gibt Länder, die nach Wegen suchen, in der Corona-Katastrophe zu helfen. Andere nutzen die Not für noch mehr Machtpolitik.

    Die Corona-Krise lässt tief blicken in die Geistes- und Gedankenwelt derjenigen, die öffentlich Ratschläge erteilen und danach Entscheidungen treffen. Das Bild, das sich daraus ergibt, ist wenig beruhigend. In dieser Situation brauchen die Vereinigten Staaten offenkundig frische Ideen und neue Impulse – und die Expertengemeinschaft liefert diese mit aller Entschlossenheit.

    William Burns etwa, Präsident der Carnegie-Stiftung (älteste Denkfabrik für internationale Beziehungen), greift in einem Essay im „Wall Street Journal“ zurück auf alte Vorbilder und Erfahrungen. Auf Zeiten, als die USA beinahe die Gelegenheit verspielt hätten, eine neue Weltordnung zu errichten. Doch in einer Kraftanstrengung habe Amerika die Gelegenheit letztlich ergriffen und der ganzen Welt damit einen großen Gefallen erwiesen:

    „Als sich die wichtigsten Weltmächte im Frühling 1919 in Versailles versammelt hatten, um sich über die Weltstruktur nach dem Ersten Weltkrieg zu einigen, lag Präsident Woodrow Wilson mit einer Grippe im Bett. Als die ganze Zivilisation auf dem Spiel stand, bedrohte eine schreckliche Grippepandemie die Aussichten auf eine neue Weltordnung“, schreibt Burns und ruft Amerika sogleich dazu auf, Kräfte zu sammeln, um in der Welt für Ordnung zu sorgen.

    Zunächst aber gibt Burns eine Analyse, die so klingt, dass man ihm, wäre er kein allseits anerkannter Experte aus den USA, vorwerfen könnte, er arbeite für Moskau oder Peking. Gegenwärtig herrsche der perfekte Sturm, der massiv Kräfte verschiebe und politische, wirtschaftliche, technologische, ökologische Umwälzungen auslöse: „Die Rivalität der Großmächte ist zurückgekehrt; China ist auferstanden und Amerikas einstige Herrschaft ist verwirkt. Der wirtschaftliche und militärische Schwerpunkt der Welt verschiebt sich von West nach Ost. Die technologische Revolution stellt unsere Art zu leben, zu arbeiten und Krieg zu führen auf den Kopf. Spannungen zwischen offenen und verschlossenen Gesellschaften nehmen zu. Nationalismus und Autoritarismus leben erneut auf, während die Demokratie offensichtlich zurückweicht. Der Fahrtwind der Globalisierung hat sich in kräftigen Gegenwind verwandelt, während der Klimawandel als Existenzbedrohung über unseren Köpfen hängt.“

    Das Rezept, mit dem der Carnegie-Präsident aufwartet, besteht darin, dass die USA raus müssten aus ihrer Selbstisolation und Globalisierungsverweigerung. Neben dem müssen die Vereinigten Staaten die Illusion aufgeben, es werde ein Leichtes sein, die globale US-Führung wiederherzustellen. Ja, die Konjunktur sei für die heutige US-Regierung weniger gut als beispielsweise für George Bush oder Harry Truman, betont Burns. Aber Amerika zu einem demokratischen Vorbild und zu einem ruhigen Hafen in einer Welt des perfekten Sturms zu machen, sei trotzdem absolut möglich. Gepaart ist dieser Vorschlag mit dem Aufruf, die amerikanische Führung und Gesellschaft solle das „Gefühl vom Lebenssinn“ und den „aufgeklärten amerikanischen Egoismus“ für sich neu entdecken.

    Bei allem Respekt vor der Geisteskraft der Carnegie-Stiftung kommen doch gewisse Zweifel auf, ob denn wirklich ein „aufgeklärter Egoismus“ (verbunden mit der Sehnsucht nach den alten guten Zeiten von George Bush und der zügellosen Globalisierung der 2000er Jahre) das Elixier sein wird, das die USA zur einstigen Herrschaft zurückführen und in das globale Nachahmungsobjekt zurückverwandeln kann.

    Bank of America: Corona-Krise infiziert US-Wirtschaft
    © REUTERS / Dado Ruvic (SYMBOLFOTO)
    Eine pragmatischere Idee bringt die Agentur „Bloomberg“. Es ist ein Vorschlag von Stephen Myrow, einem relativ jungen Experten, der 2004 in der amerikanischen Besatzungsverwaltung im Irak und 2008-2009 im US-Finanzministerium tätig war. Der Mann hat also das Gefühl, über die Erfahrung zu verfügen, die für den entschlossenen Kampf gegen die derzeitige Epidemie nötig sei. Er verweist auf die Lage von US-Soldaten im Irak, die ebenfalls einer „Epidemie“ ausgesetzt gewesen seien: nämlich einer Angriffswelle der Iraker. Washington habe sich lange geweigert, die nötigen Mittel bereitzustellen – hätte es frühzeitig genug Geld und Soldaten gegeben, wären die Probleme im Irak viel schneller gelöst worden. Als weiteres Positivbeispiel führt Myrow das Vorgehen des US-Finanzministeriums in der Weltfinanzkrise von 2008-2009 an: Damals sei alles schnell und entschlossen mit Geld überschwemmt worden, ohne Rücksicht auf politische Risiken.

    Allem Anschein nach geht Washington auch in der jetzigen Krise diesen Weg, doch hat die Strategie starke negative Folgen: Wo auch immer diese Methode angewandt wird, breitet sich die soziale Ungleichheit brandartig aus. Das frischgedruckte Geld landet bei den Superreichen und Großkonzernen, während die Armen leer und weiterhin zukunftslos ausgehen. Gerade die Ungerechtigkeit und die sozialen Auswirkungen jener Maßnahmen, die in den Jahren 2008-2009 getroffen wurden, waren der Nährboden für Populismus und förderten den Ruf nach der Zerlegung des bestehenden US-Systems. Das war der Türöffner für Donald Trumps Wahlsieg 2016.

    Es lässt sich also feststellen, dass die Expertengemeinschaft in den USA ihre Vergangenheit zwar nicht vergessen, aber auch gar nichts daraus gelernt hat. Die amerikanischen Eliten bieten immer dasselbe Rezept: Geldpresse und Weltherrschaft. Dass dieses Verhaltensmuster die Voraussetzungen schaffen kann, um die Führungsrolle in der Welt wiederzuerlangen, ist zweifelhaft. Aber Washington wird es versuchen. Hoffen wir nur, dass dieser Versuch nicht zur Versuchung wird, zur Bewältigung der Corona-Krise und im Namen der Demokratie wieder einmal irgendwo irgendwen zu bomben.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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