19:31 15 Juli 2020
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    Dass nach dem Coronavirus nichts mehr so sein wird, wie es war, ist inzwischen ein Allgemeinplatz. Aber wie wird es konkret sein, wenn nichts mehr so ist, wie es war? Wie könnte es sein? Was bringt das Leben nach COVID-19 für den Energiemarkt?

    Wenn nach dem Ende der Pandemie ein großer Teil der Arbeitnehmer einfach im Home-Office bleibt und wichtige Foren und Konferenzen auch online gehen, dann hat das Auswirkungen auf den Ölmarkt: Die Mobilität geht zurück, der Bedarf an Kraftstoffen sinkt. In diesem Zusammenhang stellt sich die Frage nach dem Peak-Oil neu: Kommt die Ölförderspitze womöglich früher als erwartet? Oder noch härter: Haben wir das Fördermaximum vielleicht schon letztes Jahr überschritten?

    Ähnlich verhält es sich auch mit dem Gassektor. Die Nachfrage geht ständig zurück; im verarbeitenden Gewerbe ist mittelfristig von einer Rezession auszugehen. Zwar gibt es beim Gas einen saisonbedingten, aber stabilen Bedarf: zum Heizen. Doch jetzt, mit dem Ende der Heizsaison, geraten die Gaspreise weiter unter Druck, denn die Kernnachfrage nach Gas kommt aus der Industrie. Nicht unwesentlich ist dabei auch, dass die Vorratsspeicherung beim Gas (Flüssiggas) im Vergleich zum Erdöl schwieriger ist.

    Das Spannendste jedoch ist, wie sich erneuerbare Energien im neuen Lebensumfeld verhalten werden. Denn billiges Erdöl ist ein Faktor, der die Entwicklung „grüner“ Energien erheblich bremsen kann. Sei es nur dadurch, dass billiger Kraftstoff an der Zapfsäule die Verbrenner gegenüber den Stromern preislich noch attraktiver macht, als sie es ohnehin schon sind.

    In der Tat: Die Beratungsagentur Wood Mackenzie hat in einer Studie ermittelt, dass zurückliegende Ölpreisschwankungen keinerlei Einfluss hatten auf das Tempo, mit dem neue Wind- und Solarkraftwerke aufgestellt wurden. Nur: Heißt das auch, dass es in der Zukunft so sein wird?

    Das rasante Wachstum der Erneuerbaren in den zurückliegenden 20 Jahren geht größtenteils auf niedrige Basiseffekte und auf immense staatliche Subventionen zurück. Der niedrige Basiseffekt ist inzwischen überwunden, die Subventionen sind eingestellt: Die grünen Energien müssen sich dem Wettbewerb der konventionellen Energieträger stellen.

    Wobei die Erneuerbaren sozusagen von einer Poleposition starten: Strom aus erneuerbaren Quellen muss von den Versorgern zuerst abgenommen werden – fossilen Strom kauft man nur, wenn dann noch Bedarf besteht. Dabei müssen die Fossilen noch als Backup herhalten, also für stete Verfügbarkeiten im Stromsystem sorgen.

    Der Strombedarf geht gerade zurück, aber die Erzeugung aus den Erneuerbaren bleibt auf dem bisherigen Niveau. Das belastet die fossilen Energien, weil sie zwar als Stromreserve zur Verfügung stehen müssen, aber letztlich weniger abgenommen werden.

    Schon jetzt konnte man in Deutschland aufgrund des Coronavirus und des förderlichen Wetters beobachten, wie die Erneuerbaren ihren Anteil am Strommix auf über 50 Prozent erhöhten. Selbst in weniger entwickelten Volkswirtschaften wie die Ukraine wurde zeitweise mehr Strom aus regenerativen als aus fossilen Quellen erzeugt. Von einem „Sonderstatus“ der erneuerbaren Energien am Strommarkt kann also längst keine Rede mehr sein.

    Aber jetzt schlägt das Coronavirus auf die Wirtschaft durch. Manche Marktbeobachter sprechen von klaren Signalen einer Totalflaute im Bereich der Ökoenergie. Morgan Stanley erwartet für die Vereinigten Staaten, dass im privaten Sektor im zweiten Quartal dieses Jahres 48 Prozent weniger Solarzellen aufgestellt werden, im dritten und vierten Jahresquartal beträgt der Rückgang zum Vorjahr voraussichtlich 28 respektive 17 Prozent. Rystad Energy prognostiziert für dieses Jahr bei der Stromerzeugung aus Wind und Sonnenlicht im Vergleich zum Vorjahr eine Stagnation. 2021 sollen dann sogar zehn Prozent weniger Kapazitäten ans Netz gehen als im laufenden Jahr.

    Hinzu kommt, dass in wirtschaftlich schwierigen Zeiten eher günstigere und einfachere Problemlösungen bevorzugt werden – besonders in Ländern, die auch ohne Corona wirtschaftlich stark angeschlagen sind. Man schaue sich die Ukraine an als Beispiel. Das Land hat bereits an die fünf Milliarden Dollar in die Wind- und Sonnenkraft – also in importierte Ausrüstung und Anlagen – investiert. Diese Summe ist jetzt fällig, was die schwierige Handelsbilanz des Landes zusätzlich belastet, zumal die ukrainische Währung im Verhältnis zum Dollar nachgegeben hat.

    Verstärkt sich die Rezession weiter, ist mit einer guten Entwicklung des Energiesektors auf lange Sicht nicht zu rechnen. Das Erdöl könnte eine Ausnahme sein, wenn die Ölproduzenten sich einigen sollten. Das Erdgas kann im Wettbewerb mit den Erneuerbaren bestehen. Wie sich die Situation weiterentwickelt, wird die allernächste Zukunft zeigen. Klar ist aber, dass die erneuerbaren Energien künftig eine solide Chance haben, sich auch ohne Vorzugsbedingungen im marktwirtschaftlichen Umfeld durchsetzen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Erneuerbare Energien, Coronavirus, Ölförderung, Erdöl