02:44 19 September 2020
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    Was steht hinter dem Abbau des Denkmals für den „Befreier von Prag“, den sowjetischen Marschall Iwan Konjew? Wer hat ein Interesse daran gehabt? War das „Volkes Wille“? Der Historiker Holger Michael hat sich mit dem Vorgang beschäftigt und beschreibt die Hintergründe.

    Das Denkmal des sowjetischen Marschalls Iwan Stepanowitsch Konjew in einem Stadtbezirk von Prag wurde am 3. April abgebaut. Das geschah auf Initiative des Bezirksbürgermeisters Ondrej Kolař durch einen Mehrheitsbeschluss des Stadtbezirksrates, nachdem es zuvor beschmiert worden war. Das ist nicht nur eine moralische Unverschämtheit, sondern auch eine prononcierte politische Dummheit.

    Jenes Denkmal, von tschechischen Bildhauern erschaffen, war 1980 zum 35. Jahrestag der Befreiung Prags 1980 aufgestellt worden. So stand es 40 Jahre und hat sogar die Bilderstürme der der tschechischen „Wende“ überstanden. Nicht zu Unrecht, denn der Marschall hatte sich nicht nur als Heerführer einen Namen gemacht, sondern auch aus zivilisatorischer und kulturhistorischer Sicht.

    Unter seinem Befehl wurde die Konzentrationslager Auschwitz und Theresienstadt befreit und die alte polnische Königsstadt Krakau vor der geplanten Zerstörung bewahrt. Vor allem seinem geschickten und schnellen Eingreifen war es zu verdanken, dass in Prag die SS „das Nest nicht niederbrennen“ und trotz erheblicher Zerstörungen in der historischen Innenstadt eine Perle europäischer Kultur gerettet werden konnte. Den einmarschierenden Rotarmisten und dem Marschall wurde von den Pragern überschwänglich gedankt, wovon zahlreiche Filmaufnahmen zeugen.

    Skepsis gegenüber dem Westen

    Mit seiner Initiative wollte der junge Polit-Aufsteiger Kolař (36) sich mittels westlich initiierte Russophobie politisch profilieren. Das hätte er, ein Anwalt, der in einigen westlichen Einrichtungen akademisch Staub gewischt hatte, angesichts der tschechischen Geschichte lieber lassen sollen.

    Westliche Aktionen haben sich nachhaltig zu Ungunsten der Tschechen ausgewirkt: Die Verbrennung des Nationalhelden Jan Hus, der deutsche Kreuzzug gegen die hussitischen Tschechen, die Okkupation durch die Habsburger mit Beschuss Prags 1848, die Angriffe der sudetendeutschen Faschisten, der Verrat der Westmächte 1938 und 1939 und die Besetzung durch Hitlerdeutschland. Westlichen Wünschen nachzugeben, kostete den Tschechen 1938 ihre Souveränität, 1939 ihre Staatlichkeit und bis Kriegsende noch eine halbe Million Tote.

    Das alles bewirkte eine prorussische Haltung unter den meisten Tschechen, die zwar 1968 getrübt worden war, aber bis heute lebendig ist. Die ČSR war das einzige osteuropäische Land, das mit der Sowjetunion 1935 einen militärischen Bündnisvertrag abgeschlossen hatte. Der wurde durch die tschechoslowakische Exilregierung 1941 und 1943 reaktiviert. Dank dessen konnten 80 000 Tschechen und Slowaken als eigenes Armeekorps an der Seite der Roten Armee an der Befreiung ihres Landes teilnehmen.

    Rückzieher aufgrund der Reaktionen

    Tschechoslowakische T-34 Panzer rollten gleich nach den sowjetischen in Prag ein. Bis heute sind bedeutende Ufermagistralen an der Prager Moldau nach deren Offizieren und Helden der Sowjetunion (General Ludwik Swoboda, Hauptmann Otokar Jaroš) benannt.

    Nachdem der tschechische Staatspräsident und Teile des tschechischen Öffentlichkeit diesen Denkmalsturz verurteilt oder kritisiert hatten, wurden Kolař offenbar die Knie weich. So machte er der russischen Botschaft das Angebot, das Denkmal bei sich aufzustellen. Doch das hätte Monate vorher und als Geschenk – und mit einer plausiblen Begründung – deklariert werden müssen.

    Auch die Versuche, die Proteste gegen den Denkmalsturz russischen Initiatoren anzulasten, wurde vom Innenministerium nicht bestätigt. Auch angesichts dessen, dass das Denkmal auch noch 30 Jahre nach dem Sturz der Kommunisten stand, ist seine Argumentation, dass die Bevölkerung das nicht wollte, weder glaubhaft noch ernst zu nehmen.

    Falsche Bilder geschichtlicher Ereignisse

    Nun wird im Nachhinein von ihm noch angeführt und von Radio Prag wiederholt, dass Konjew mit seinen Truppen den sogenannten Ungarn-Aufstand 1956 niedergeschlagen hätte. Er habe außerdem die DDR-Maßnahmen der Sicherung der Staatsgrenze am 13. August 1961 („Mauerbau“) abgesichert. Auch hier ignoriert Kolař historische Tatsachen. Einem von der Naziherrschaft Befreiten hätte das nichts von seiner Begeisterung für die sowjetische Befreiungstat und den Marschall genommen.

    Zudem traf der Ungarn-Aufstand 1956 mit seinen um die Welt gehenden Bildern von aufgehängten, verstümmelten und verbrannten Kommunisten bei den Tschechen und Slowaken auf keine Sympathie. Sie hatte auch nicht vergessen, dass jene, gegen die nun Sowjetsoldaten zogen, sich mit den Deutschen vor 17 Jahren aktiv an der Zerschlagung der ČSR beteiligt hatten.

    Unter den Tschechen und Slowaken gab es zur jener Niederschlagung daher eine breite Zustimmung. Angesichts des permanenten westdeutschen Festhaltens am Münchener Abkommens und den revanchistischen Forderungen der sudetendeutschen Landsmannschaften gegenüber der ČSR wurde die Berliner Abwehrmaßnahme 1961von der Bevölkerungsmehrheit mit Erleichterung und Wohlwollen aufgenommen. Derartige Dinge sprächen also mehr für den Marschall.

    Bruch des russisch-tschechischen Vertrages

    Es kann davon ausgegangen werden, dass es mit der politischen Profilierung Kolař doch nichts wird. Denn er hat gegen einen mehr oder weniger ausgeprägten und von der Mehrheit der Tschechen getragenen nationalen Konsens verstoßen: Russland und die Russen sind hier nicht unbeliebt. Nicht von ungefähr suchen hier tausende russischer Immigranten eine neue Heimat. Russisch wird gern gesprochen und Russisch-Sprechende werden zuvorkommend behandelt.

    Dem offiziellen Prag ist die Sache peinlich und in den Kommentaren von Radio Prag spürt der aufmerksame Hörer sogar Ansätze von Missbilligung. Faktisch ist es auch ein Bruch des russisch-tschechischen Vertrages über gute Nachbarschaft von 1993. So einen Eklat hätte es in der bürgerlichen Tschechoslowakei der Zwischenkriegszeit nie gegeben.

    Das muss auch Kolař begriffen haben, da er ein Referendum hierzu kategorisch abgelehnt hatte und allein auf seine Ratsmehrheit pochte. Hier hätte es Ablehnung oder zumindest starke Gegenstimmen gegeben, beides erhebliche politische Misserfolge für ihn.

    Sowjetische Befreiungstat nie in Frage gestellt

    Mit diesem unüberlegten Missgriff hat der aufsteigende und in seiner Partei führende Politiker gegen Traditionen, Prinzipien und Praktiken seiner eigenen Partei verstoßen. Seine Partei, die „TOP 09“ (TOP steht für Tradition, Verantwortung, Wohlstand) ist eine Modifizierung der 1919 gegründeten christdemokratischen konservativen Tschechischen Volkspartei (ČSL), die seither an den meisten Regierungen – selbst unter den Kommunisten – beteiligt war.

    Sie stand weit rechts, doch war nie antirussisch. Die Würdigung der sowjetischen Befreiungstat im Zweiten Weltkrieg wurde nie in Frage gestellt. Sie ist heute eine der bedeutenden vier Parteien, kann aber nur um die 10 Prozent der Wählerstimmen auf sich vereinigen. Allein in Prag und Umgebung ist sie führend und in der Europäischen Volkspartei (EVP) im EU-Parlament gut aufgestellt.

    Es sind nicht nur die Traditionen, die auch heute ein sachliches Verhältnis zu Russland bestimmen, sondern auch nüchterne Kalkulationen. Bislang waren es neben den Deutschen russische Touristen, die in Prag viele Geld ausgegeben hatten. Durch die antirussischen EU-Sanktionen gingen deren Zahlen schon rapide zurück, was vor allem in der Gastronomie zu erheblichen Einbußen führte.

    Fragwürdiger Nutzen

    Eine weitere Verschlechterung der Lage durch aktivistische Parteifunktionäre können daher nicht erwünscht sein. Inzwischen versucht der tschechische Außenhandel in Russland verlorene Absatzmärkte wiederzuerlangen. Derartige Aktivitäten stören hierbei erheblich.

    Wie wird dieser Denkmalsturz von den anderen Parteien der Konservativen Fraktion des EU-Parlaments aufgenommen? Die Befreiungstat der UdSSR wurde von den westeuropäischen Konservativen immer gewürdigt. Mehr noch: Churchill und de Gaulle hatten Marschall Konjew immer gelobt.

    Zum Schluss muss die Frage nach dem Nutzen derartiger Vorstöße gestellt werden: Es nutzt nur denjenigen, die sich mit der Befreiung der ČSR, ihren Nachkriegsgrenzen und der Aussiedlung der Sudetendeutschen nie abgefunden hatten. Eingedenk des offiziellen Festhaltens Tschechiens an der Aussiedlung widerspräche das streng genommen auch der tschechischen Staatsraison.

    Historiker Holger Michael
    Holger Michael, privat
    Historiker Holger Michael

    Dr. Holger Michael (Jahrgang 1949) war Offizier der DDR-Grenztruppen. Er hat danach Geschichtswissenschaften in Potsdam, Warschau und Wrocław/Polen studiert und seine Dissertation zur vergleichenden Geschichte Deutschlands und Polens verteidigt. Er hat als Polnisch-Dolmetscher und als auf Polen spezialisierter Historiker im Institut für Allgemeine Geschichte der Akademie der Wissenschaften der DDR gearbeitet. Nach 1989/90 war er Lehrer für Deutsch als Fremdsprache in Polen und Kasachstan, später für Deutsch, Geschichte und Politische Bildung in Ostdeutschland. Als Rentner hat er als Deutsch-Lehrer für Integrationskurse für Migranten gearbeitet. Er hat 162 Publikationen, vor allem zur polnischen und osteuropäischen Geschichte, darunter neun Monographien und ein Roman, veröffentlicht.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    8. Mai 1945, Befreiung, Denkmal, Prag, Zweiter Weltkrieg, Rote Armee, Tschechien