23:52 11 Juli 2020
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    Am Montag sind die Futures für die amerikanische Ölsorte WTI um 300 Prozent gefallen und haben fast minus 40 Dollar pro Barrel erreicht. Mittlerweile ist der Preis wieder gestiegen, und die Terminkontrakte im Juni kosten inzwischen mehr als 21 Dollar pro Barrel. Ein Barrel der Sorte Brent kostet mehr als 25 Dollar.

    Warum man trotz des spektakulären Preisverfalls vom Montag nicht in Panik verfallen sollte, erklärt Sputnik in diesem Beitrag.

    Verfall auf dem Papier

    Als der Absturz der Preise für das „schwarze Gold“ ins Negative bekannt wurde, wimmelte es in Medien plötzlich von panischen Kommentaren über die bevorstehende wirtschaftliche Apokalypse, von der in erster Linie ölreiche Länder getroffen würden. Aber schon am Dienstag sah die Welt etwas freundlicher aus: das WTI-Öl kostete 21 Dollar und die Brent-Sorte 25 Dollar. Zur Apokalypse kam es nicht – und hätte auch nicht kommen können. Denn am Montag stürzten die Preise nicht für Öl, sondern nur für die Öl-Futures ein – also für Wertpapiere, die an den Brennstoff gebunden sind. In Wirklichkeit aber sollte man das nicht allzu ernst nehmen, denn bis zu 95 Prozent der Futures sehen reale Öllieferungen gar nicht vor.

    Bei den Futures geht es um ein rein spekulatives Instrument: Der Futures-Kontrakt endet zehn Tage vor Beginn des nächsten Monats, also am 20. oder 21. des Monats, und falls die Börsennotierungen bis dahin gestiegen sind, erzielt der jeweilige Trader einen Gewinn, wenn der Kurs sinkt, dann muss er einen Verlust hinnehmen. Am Montag endete die Laufzeit der Mai-Futures für das WTI-Öl.

    Ölpreisabsturz (Symbolbild)
    © REUTERS / Illustration / Dado Ruvic
    Solche Kontrakte sind normalerweise für drei Monate bestimmt, also wurden diese Futures seit Februar gehandelt, als Öl noch mehr als 60 Dollar pro Barrel kostete, und die Trader waren überzeugt, dass der OPEC-Plus-Deal am 6. März verlängert würde, so dass die Ölförderung auch weiterhin eingeschränkt wäre. Deshalb zahlten die Spekulanten 60 bis 65 Dollar pro Barrel und rechneten damit, dass der Preisunterschied am Ende ein paar Prozent ausmachen würde – egal ob mehr oder weniger.

    Doch der OPEC-Plus-Deal scheiterte, und es brach ein Preiskrieg aus – und die Ölpreise gingen erheblich zurück. Die vorsichtigsten Trader verkauften ihre Futures sofort, manche andere warteten einen neuen Preisanstieg nach den Abkommen im April ab. Aber viele hofften bis zum letzten Moment, dass die Preise wenigstens teilweise wieder steigen würden.

    Doch die Situation entwickelte sich so, dass vor dem Fristende der Mai-Futures mitgeteilt wurde, dass die Öllager in Cushing (dem größten US-amerikanischen Öl-Hub) übervoll sind. Die Börsenhändler hatten Angst vor der totalen Lähmung der Ölförderung in der Neuen Welt, und es begann der Ausverkauf der Futures, die aber natürlich niemand kaufte.

    Das Handelssystem der Börse senkte die Preise automatisch, und die Notierungen gingen auf Null – und noch weiter in den negativen Bereich. Am Ende des Tages wurde die Marke von minus 40 Dollar erreicht. Doch das bedeutet nicht, dass die Verkäufer den Käufern gigantische Prämien auszahlen mussten.

    Zurück zur Realität

    Heute wurde nicht mehr mit den Mai-Futures gehandelt, und auf dem Markt blieben die Juni-Futures (wie auch die Futures für weitere Monate). Also sind die Kursnotierungen wieder gestiegen – und widerspiegeln das Nachfrage-Angebot-Verhältnis angemessen.

    Analysten sind überzeugt: Was gestern passierte, war ein Einzelfall. Enorme Preisschwankungen erwartet niemand, denn die Marktteilnehmer sind gemäßigt pessimistisch eingestellt und rechnen nicht mit einem neuen Preisanstieg.

    Laut der OPEC-Prognose wird die globale Ölnachfrage im April durchschnittlich um 20 Millionen Barrel pro Tag sinken, was die Preise noch weiter drücken wird. Aber im Mai wird der neue OPEC-Plus-Deal in Kraft treten, und das wird die Preise unterstützen.

    Zudem werden die Ölproduzenten in der ganzen Welt die Produktion auch ohne Abkommen reduzieren müssen, weil die Infrastruktur für Öllagerung und -transport am Rande ihrer Aufnahmekapazitäten liegt.

    Der größte US-amerikanische Ölkonzern ConocoPhillips will die Förderung um ein Viertel (200 000 Barrel täglich) drosseln. Analysten glauben, dass auch andere US-Produzenten diesem Beispiel folgen werden.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Brent, USA, WTI, Ölmarkt, Ölpreis