14:40 10 August 2020
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    Der Gasmarkt fällt wie der Ölmarkt in eine Krise. Mit der wirtschaftlichen Konjunktur bricht auch in der Industrie und folglich in der Stromerzeugung die Nachfrage nach dem leichten Brennstoff ein. Dabei haben die Gasproduzenten anders als die Ölförderer keine Vereinbarungen im Format OPEC+: Sie unterliegen nur den Marktkräften.

    Die Konkurrenz im Gassektor wird härter: Die Importeure kaufen immer weniger, die Preise fallen. Noch ist es kein Preisdrama wie am Ölmarkt, aber eine Gas-OPEC wäre eine gute Stütze für die Gasproduzenten:

    Die Förderung an sich lässt sich leichter steuern, und noch ist der Nachfragesturz weniger schlimm als im Ölsektor.

    Für die Gasindustrie war es ohnehin schon vor der Corona-Krise schwierig: Zur prognostizierten Überproduktion von Flüssiggas kamen ein milder Winter und, weil der Gastransit durch die Ukraine weiterläuft, überfüllte Gasspeicher in Europa hinzu. Schon vor der Pandemie herrschte ein Überangebot.

    Vollständige Daten zur Gasnachfrage in der Welt liegen noch nicht vor. Auch können die länderspezifischen Nachfragewerte stark abweichen, weil Erdgas je nach Land ganz unterschiedlich im Energiemix vertreten sein kann. In den USA beispielsweise ist weder in der Industrie noch in der Stromerzeugung ein nennenswerter Rückgang bei der Gasnachfrage festzustellen. In Indien hingegen fährt der staatseigene Energiekonzern ONGC die Förderung dem Rückgang in der Binnennachfrage folgend um 15 Prozent herunter. In Europa ist der Gasverbrauch bei der Stromerzeugung um ein Viertel zurückgegangen.

    Als Folge hält sich der Einheitspreis für Flüssiggas auf dem rekordtiefen Wert von gut zwei Dollar für eine Million BTU (British Termal Unit) – das entspricht circa 70 US-Dollar pro 1000 Kubikmeter. Die an das Rohöl gebundenen Gas-Termingeschäfte liegen angesichts der heutigen Ölpreise nicht wirklich höher: rund drei Dollar je eine Million BTU.

    Flüssiggas macht annähernd ein Drittel des internationalen Gashandels aus, aber nur 15 Prozent des weltweiten Gasmarktes. Wie steht es indes mit dem russischen Pipelinegas? Die Lieferungen von Pipelinegas aus Russland in die EU halten sich stabil annähernd auf dem höchsten Wert dieses Jahres. Dabei ist zu berücksichtigen, dass das Exportjahr 2020 infolge des Zwischenspiels mit dem ukrainischen Transit mit einem Einbruch der Liefermengen angefangen hatte. Bald darauf hat sich der Lieferumfang wieder gefangen, allerdings bei einem um bis zu 20 Prozent niedrigeren Volumen als im Vorjahr. Immerhin: Die Corona-Quarantäne in den EU-Ländern hat noch keinen messbaren Einfluss auf die Gasexporte aus Russland, während die Lieferungen aus Libyen und Algerien nach Italien um mehr als die Hälfte zurückgegangen sind.

    Weitere Exportkürzungen sind wahrscheinlich. Das erste Land, das es treffen könnte, sind die USA. Deren Flüssiggasexporte sind gefährdet, weil das zur Verflüssigung geförderte US-Gas im Inland schon teuer ist. Andere gasproduzierende Länder werden zwar auch Verluste hinnehmen müssen, können aber wenigstens die laufenden Kosten der Flüssig- und Erdgasproduktion decken. Von einer kompletten Einstellung der Flüssiggasexporte aus den Vereinigten Staaten ist noch keine Rede, aber es gibt inzwischen Berichte, wonach zehn bis dreißig geplante Lieferungen aus den USA in den nächsten Monaten wahrscheinlich ausfallen werden.

    Auffällig ist, dass der Gaspreis in den USA selbst nicht fällt, sondern sogar leicht steigt: zwischendurch auf bis zu zwei Dollar je eine Million BTU. Das ist normalerweise nicht viel, aber unter den gegebenen pandemischen Umständen nicht wenig. Womit hängen die Preissteigerungen zusammen?

    Erstens, wie schon erwähnt: In den USA ist die Gasnachfrage fast gar nicht gefallen. Zweitens: Die Förderung wird gedrosselt, weil Preise unterhalb von zwei Dollar je eine Million BTU für die amerikanischen Produzenten unrentabel sind. Drittens: Rund 20 Prozent des in den USA geförderten Erdgases sind Begleitgas, das bei der Ölförderung anfällt. Geht die Ölförderung zurück, sinkt damit zwangsläufig die Gasausbeute.

    Eine gute Nachricht also, die steigenden Gaspreise in den Vereinigten Staaten: Die amerikanischen Gaspreise bilden nämlich das Preisminimum für den globalen Gasmarkt ab. Weitere gute Nachrichten kommen vom Finanzdienstleister „S&P Global“. Demnach soll der Weltmarkt für Flüssiggas in diesem Jahr um vier Prozent wachsen. Im vergangenen Jahr ist dieses Marktsegment gleich um dreizehn Prozent gewachsen, wozu auch die russischen Flüssiggasproduzenten beigetragen hatten – durch den Start neuer Anlagen im Yamal LNG.

    Wie kann es aber auch in diesem Jahr zu Preissteigerungen kommen? Einige Experten sind der Meinung, dass das Coronavirus selbst dazu beitragen wird, die pandemiebedingten Nachfrageausfälle auszugleichen. Denn einige Gasförderstätten mussten bereits wegen COVID-19-Infektionen geschlossen werden. Und: Wegen der Pandemie werden einige neue Lagerstätten, deren Erschließung noch nicht abgeschlossen ist, später als geplant in Betrieb genommen.

    Beispiel: Mosambik. Dort entstehen gerade zwei Flüssiggasprojekte – Mozambique LNG und Rovuma LNG. Von einer der beiden Anlagen wird die Ausbreitung des Coronavirus gemeldet. Der Bau der Anlage wird erschwert und kann deren Inbetriebnahme verzögern. Der verspätete Start zusätzlicher Flüssiggasanlagen wird die Gaspreise auf dem Weltmarkt auch mittelfristig stützen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Coronavirus, Ölmarkt, OPEC, Erdgas, Gasförderung