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    Positive Aufbruchsstimmung dominiert bei „Maybrit Illner“-Gästen nach den ersten Lockerungen – bei „Markus Lanz“ wird dagegen vor drohendem „Flächenbrand“ gewarnt. Ein Wechselbad zur späten Stunde bei ZDF.

    „Wir müssen anfangen, mit dem Virus zu leben“, postulierte der Virologie-Professor Hendrik Streeck am Donnerstagabend in der ZDF-Talkshow „Maybrit Illner“. Werden die vorgeschriebenen Hygiene-Vorschriften eingehalten, könnten weitere Lockerungen „behutsam“ in Angriff genommen werden. Erwartungsgemäß stimmte Herbert Diess, Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG, diesem Standpunkt zu. Immerhin koste der Lockdown den Konzern zwei Milliarden Euro pro Woche. „Das ist eine Menge Holz“, bemerkte Maybrit Illner beeindruckt. „Sicher können wir noch zwei oder drei Wochen durchhalten, vielleicht sogar vier“, jedoch nicht „beliebig lang“, so Diess. Für einen Neustart sei VW jedenfalls „sehr gut vorbereitet“.

    Zu forsch?

    Was ist aber mit der Mahnung von Angela Merkel vom Donnerstagmorgen, so manche Bundesländer hätten die Lockerungen „zu forsch“ angepackt? Davon hält sich Malu Dreyer, Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz, „nicht angesprochen“. „Ich bin nicht der Meinung, dass wir zu forsch sind“, betonte die aus Mainz zugeschaltete SPD-Politikerin. Die Wiedereröffnung eines Outlet-Centers in Zweibrücken stehe mit dem Kurs der Kanzlerin völlig im Einklang. Insofern sehe sie „gar keinen Grund, auf Rheinland-Pfalz zu deuten“. Malu Dreyer fügte hinzu: Bei weiteren Lockerungsschritten „müssen wir immer ein bisschen bösgläubig bleiben“.

    Die einzige Skeptikerin in der Runde war die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim, die vor allem mit Hendrik Streeck polemisierte: „Wir müssen mit dem Virus nur leben, wenn wir es nicht schaffen, die Infektionszahlen herunter zu fahren.“ Nach ihrer Überzeugung wäre es sinnvoller, „jetzt noch ein paar Wochen durchzuhalten“. Sonst wären weitere Lockdowns unausweichlich. Ihre bildhafte Metapher dazu: „Wenn wir jetzt einen Zentimeter in die falsche Richtung machen, können wir gleich mehrere Meter abrutschen.“

    „Das Riesenglück nicht verspielen“

    „Lassen Sie uns das Erreichte nicht verspielen“, appellierte Angela Merkel am Donnerstag im Bundestag an die Bundesbürger*innen. Gerade diese Gefahr sieht der SPD-Bundestagsabgeordnete und studierte Epidemiologe Karl Lauterbach, der im Anschluss an „Maybrit Illner“ bei „Markus Lanz“ zu Gast war. Auch er ist der Auffassung, dass das Öffnen von Gotteshäusern, vor allem aber von Schulen zu früh komme. „Wir haben Riesenglück gehabt, und es kann sein, dass wir das jetzt verspielen“, mahnte er.

    „Wenn ich ganz ehrlich bin, ich als Epidemiologe hätte den Lockdown fortgesetzt“, erklärte er in der „Markus Lanz“-Talkshow. Da ist Lauterbach konsequent: Weil er als Politiker und zugleich als Experte gerade jetzt von den Medien sehr gefragt ist, nutzt er jede Gelegenheit, um seine Skepsis, ja sogar seine Empörung über die neuesten Lockerungsschritte zu bekunden. 

    „Der einzige Grund, weshalb wir besser aussehen als andere Länder, liegt daran, dass wir schnell testen konnten und begrenzte, wenige Herde hatten“, meinte Lauterbach.

    Das sei nicht der einzige Grund, widersprach ihm Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, der auf Eigendisziplin der Bürger*innen verwies und betonte, dass die Menschen in den letzten Wochen in Sachen Hygiene und soziale Distanz „viel gelernt“ hätten. „Es gibt große Eingriffe in die Grundrechte, deshalb ist es richtig, dass wir über Lockerungen diskutieren.“

    „Der Flächenbrand hat noch gar nicht stattgefunden“

    „Wir haben es geschafft, den Flächenbrand auszutreten“, entgegnete Kretschmer. Lauterbach darauf: „Der Flächenbrand hat noch gar nicht stattgefunden.“ Dieser sei aber jetzt zu befürchten, weil die neuesten Lockerungen neue und zahlreiche Infektionsherde auslösen würden. Die Infektionszahlen würden wieder exponentiell wachsen. Dies würde man schon in zwei-drei Wochen beobachten müssen.

    Zu forsch sei man besonders bei den Schulöffnungen gewesen, betonte der SPD-Politiker, der im Studio von Markus Lanz eine Gleichgesinnte fand – die Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft in Nordrhein-Westfalen. „In vielen Klassenzimmern gibt es gar kein Waschbecken oder Seife“, berichtete sie. Es fehle ein Hygienekonzept für die Schulen, weil die Zeit für den Vorlauf zu knapp gewesen sei: „Die ersten Mails vom Kultusministerium kamen erst am Wochenende vor der Öffnung der Schulen für die Abschlussklassen am Montag.“

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Talkshow, Coronavirus, ZDF