14:22 24 September 2020
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    Die hochkarätige Besetzung bei „Anne Will“ – Laschet, Lindner, Baerbock, Lauterbach – hat am Sonntagabend für eine spannende Unterhaltung gesorgt. So manche politische Folgen wird die Talkshow wohl auch haben.

    Seit einiger Zeit trägt Karl Lauterbach seine berühmte Stoff-Fliege nicht mehr. Seine Überlegung dazu wird wohl lauten: Dieses Kleidungsstück würde ihn womöglich unseriös erscheinen lassen. Dabei geht es ihm um todernste Dinge. Oder, wie das Armin Laschet vor ein paar Wochen formulierte: „Es geht um Leben oder Tod.“

    Sowohl der SPD-Bundestagsabgeordnete als auch der NRW-Regierungschef waren am Sonntagabend bei der ARD-Talkshow „Anne Will“ dabei, die diesmal das seit langem heftigste Wortgefecht bot. Mit von der Partie: FDP-Vorsitzender Christian Lindner und Annalena Baerbock von den Grünen. Gefochten wurde um folgende Frage: „Lockert Deutschland die Corona-Maßnahmen zu forsch?“ Laschet und Lindner behaupteten: „Nein“. Lauterbach und Baerbock meinten: „Sehr wohl.“

    Laschet gegen die Virologen

    „40 Prozent der Intensivbetten sind nicht belegt“, lautete das Argument von Laschet. Die Verdoppelung der Infektionszahlen habe sich in NRW auf 22 Tage verlangsamt. Insofern sei die Lockerungsdiskussion nicht nur nicht „zu forsch, sondern angemessen“.

    Laschets Zorn galt dabei den Virologen, die „alle paar Tage“ Kriterien für die Bewertung des Epidemie-Stands ändern. Zunächst hieß es, Deutschland dürfe „nicht Bergamo“ werden (der Epidemie-Hotspot in Norditalien, der von der rapide steigenden Zahl der Infizierten total überfordert war), dann habe man das Ziel verfolgt, die Verdoppelungszahl auf zehn bis 14 Tage zu vergrößern. Danach sei der Faktor Reproduktionszahl ins Spiel gebracht worden. Dies „verunsichert die Bevölkerung“, so Laschet. Mit energischer Gestik veranschaulichte der Kandidat für den CDU-Vorsitz seine Forderung: Nun sei es an der Zeit, weitere Lockerungsschritte „abzuwägen“ – unter anderem mit Hinblick auf die Kinder, die nun seit sechs Wochen zu Hause herumhocken müssen.

    Lauterbach: „Merkel hat Recht“

    „Merkel hat Recht“, entgegnete der Epidemiologe Lauterbach, der sich mit der Warnung der Kanzlerin solidarisierte, manche Bundesländer seien „zu forsch“ an die Lockerungen herangegangen. Hätte man den Shutdown weitere zwei-drei Wochen durchgehalten, wäre Deutschland „das Südkorea Europas werden können“. Das „Intensivbetten-Argument“ sei nicht haltbar, weil in den USA „bis zu 80 Prozent der künstlich beatmeten Patienten“ sowieso sterben. Völlig unvorbereitet erscheine dem SPD-Politiker die Wiedereröffnung von Schulen, in denen er nun gewaltige Hygiene-Probleme befürchte. Lauterbachs Mahnung: Statt der bisherigen 2-3 Corona-Hotspots werde nun die Bundesrepublik eine landesweite Pandemie bekommen.

    Für etwaige weitere Lockerungen nannte Lauterbach drei Voraussetzungen: eine ausreichende Menge von Atemschutzmasken für die ganze Bevölkerung, eine effiziente Tracing-App und „mindestens zwei Millionen Corona-Tests pro Woche“.  

    Lindner: „Eine neue Strategie wagen“

    Dem FDP-Chef Lindner – wie immer, elegant, mit tadellosem Teint und in blendend glänzenden Schuhen – merkte man wohl an, dass er nicht zur Regierung gehört und die Corona-Krise entspannt beobachten und beurteilen kann. So kann er ruhig kritisieren: „Ich bin nicht mehr überzeugt von der Krisen-Strategie… Wir können jetzt eine andere Strategie wagen.“ Warum werden etwa Autohäuser geöffnet und Möbelhäuser nicht? Das von der Regierung verfolgte Prinzip, je nach Sparte zu lockern, sei falsch, Trumpf sei das jeweilige Hygienekonzept. Halte ein Hotel oder ein Restaurant die Hygieneregeln ein, sollten diese öffnen dürfen. Ein Rückschritt sei laut Lindner völlig legitim, sollte das Konzept fehlschlagen. Klingt zwar vernünftig – ist es aber in den Pandemie-Zeiten wirklich realisierbar? Nicht etwas zu leger und eben „zu forsch“?

    Baerbock greift Laschet an

    Die Grünen-Chefin Annalena Baerbock – im stillvollen, betont femininen, nahezu romantischen Blümchenkleid - war an dem Abend als Vertreterin der Opposition weniger überzeugend als ihr frühlingsfroher Outfit. Klar war jedenfalls, dass sie zu den Lockerungsskeptikerinnen gehört. Etwas konkreter wurde sie nur gegen Ende in einem heftigen Clinch mit Laschet, als es um die Öffnung von Schulen ging. In den Lockdown-Wochen habe man in seinem Bundesland kein richtiges Konzept für den Unterricht in der heutigen schwierigen Zeit entwickelt. Nicht einmal die Versorgung der Schulen mit Seife sei ordentlich gelaufen. Der NRW-Regierungschef wies die Verantwortung von sich (die Versorgung mit Seife sei eine Aufgabe der Schulträger, dazu seien jeweilige Kommunen zuständig, die NRW-Gesundheitsministerin sei höchstpersönlich eingesprungen, um das Problem mit Seife zu bewältigen) und lieferte dabei eine recht schwache und anfechtbare Figur. Das Format eines Kanzlerkandidaten war das jedenfalls kaum.

    Bundesliga-Geisterspiele: ja oder nein?

    Um die geplanten Bundesliga-Geisterspiele ging es gegen Ende der Talkshow natürlich auch. Lauterbach sah in dem dafür vorgeschlagenen „Hygienekonzept“ unannehmbare Verstöße gegen die allgemein gültigen Quarantäne-Regeln: Werde ein Spieler infiziert, werde er zwar abgesetzt, das Team dürfe jedoch weiter spielen – im Normalfall hätte man aber die ganze Truppe in die Quarantäne geschickt.  Lindner meinte dagegen, das DFL-Hygienekonzept ließe sich auf den Handball übertragen, wenn dieser genauso „kapitalstark“ gewesen wäre wie die Bundesliga. Baerbock sah in der Bevorzugung der Bundesliga die Gefahr, dass dadurch „der soziale Zusammenhalt verspielt“ werde: Der immense Aufwand wäre bei sozial wichtigeren Aufgaben viel mehr am Platze. Laschet blieb bei seinem Standpunkt, den er mit Bayerns Regierungschef Markus Söder teilt: Die Geisterspiele im Mai wären „denkbar“.

    Die Zuschauer, die seit Wochen Fußball-Übertragungen vermissen, haben an dem Abend eine Sendung erlebt, die einem spannenden Bundesliga-Spiel in puncto Unterhaltungswert in keiner Weise nachstand. Beinharte Zweikämpfe (Lauterbach vs. Lindner, Laschet vs. Baerbock), emotionale Ausfälle (vor allem Laschet), trickreiches Dribbling (Lindner), beharrliches Offensivspiel (Lauterbach), peinliche Keeper-Patzer (Laschet) – diese Talkshow ließ sich durchaus wie ein Match verfolgen.

    Sollte man der aus München zugeschalteten „SZ“-Wissenschaftsjournalistin und Biochemikerin Christina Berndt die Rolle einer Schiedsrichterin zugedacht haben, so war diese allerdings alles andere als unparteiisch und unterstützte unverhüllt das Team der Lockerungskritiker. Die Lockerungen seien „zu forsch“, betonte sie. „Wir haben noch nichts im Griff.“

    Die Partie ging somit ziemlich klar zugunsten der Öffnungsgegner zu Ende. Was allerdings nicht heißt, dass sie noch keine Chance für eine Revanche haben.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Lockerung, Coronavirus, Bundesliga, Deutschland, Armin Laschet, Anne Will