01:55 11 Juli 2020
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    Gewohnheiten aufzugeben, ist für Russlands westliche Partner nicht leicht. Und eine Gewohnheit ist, Russland immer für alles die Schuld zu geben. Gewohnheitsmäßig also wimmelt es in den Kommentaren westlicher Medien von Vorwürfen, Russland gefährde die Lebensmittelversorgung in der Welt.

    Eine Strategie nach dem Grundsatz „Lass deine Nachbarn verhungern“  – so beschreibt die Agentur „Bloomberg“ Maßnahmen, die Russland parallel zu Kasachstan und Vietnam gerade getroffen hat. Was tut Russland denn da, möchte man fragen. Nun: Die russische Regierung hat im Zuge der Corona-Krise den Export von Getreide eingeschränkt – mit der Begründung, die Gesellschaft brauche gegenwärtig stabile Lebensmittelpreise.

    Dass dieses Vorgehen einmalig ist, lässt sich nicht sagen. Der sogenannte Nahrungsmittel-Nationalismus – sprich: die Begünstigung von Verbrauchern im eigenen Land bei der Lebensmittelversorgung – ist in der Welt üblich. Das stellt die amerikanische Nachrichtenagentur auch selbst fest. Eines der ersten Länder, die die Ausfuhr von Lebensmitteln in der Zeit der Pandemie eingeschränkt haben, ist Vietnam.

    Die eigentliche Anklage lautet, der eingeschränkte Export von Lebensmitteln in der Zeit der Pandemie werde zu Hungerkatastrophen führen – besonders in armen Ländern, weil deren Bewohner sich die Grundnahrungsmittel aufgrund gestiegener Preise nicht mehr leisten könnten.

    Die Rolle der Ankläger übernehmen dabei die Vereinigten Staaten und die Europäische Union. Was ein Problem ist. Denn es sind gerade ihre Exporteure, die die Preise im Zuge der Angebotsverknappung auf dem globalen Lebensmittelmarkt erhöhen. Westliche Exporteure verdienen also zusätzlich an der Pandemie, sind aber ungeniert genug, Russland, Vietnam und Kasachstan als gewissenlose und für die Lebensmittelkrise auf dem Planeten verantwortliche Länder hinzustellen.

    Noch spannender wird es, wenn man auf die Vorgeschichte dieser Anklage blickt. Ausgerechnet amerikanische und europäische Partner hatten versucht, Russland weißzumachen, Investitionen in die eigene Lebensmittelsicherheit und die eigene Entwicklung zu einer Lebensmittelmacht seien nichts als Geld- und Zeitverschwendung. Plötzlich aber steht Russland mit einer Exportkraft da, die es dem Land ermöglicht, einen so bedeutenden Platz auf dem Weltmarkt einzunehmen, dass auch nur zeitweilige Kürzungen seiner Ausfuhren große Sorgen bei den Importeuren auslösen.

    Wie groß die Sorgen sind, verdeutlicht ein Kommentar von „Al Jazeera“:

    „Erstmalig seit einem Jahrzehnt steht die Welt vor der Gefahr, vom russischen Getreide abgeschnitten zu werden, während wichtige Abnehmer auf dessen Import erpicht sind“, schreibt die Agentur. Und dann: Russland sei reich an Erfahrung damit, den Markt für Weizen zu untergraben. „Ein Vollverbot auf den Getreideexport wurde das letzte Mal 2010 verhängt – nach einer Dürre, die die Ernte vernichtet hatte. Diese Maßnahme führte zum plötzlichen Anstieg der Getreidepreise. Einige Analysten werteten dieses Verbot als mittelbaren Faktor des Arabischen Frühlings.“

    Zwar ist auf dem Weltmarkt weiterhin genug Getreide vorhanden, aber mit dem Rückgriff auf das Exportverbot von 2010 werden Diskussionen über „Nahrungsmittel-Nationalisten“ befeuert. Die Vereinten Nationen und die Europäische Union verweisen auf das zunehmende Risiko von Unruhen und Aufständen im Zuge der Pandemie und warnen vor „unbegründeten Maßnahmen“, die die Lebensmittelsicherheit gefährden und die Preislage auf dem Lebensmittelmarkt verschärfen könnten. Währenddessen treiben französische Getreideexporteure, die nach Angaben von „Bloomberg“ ihre Lager ausverkaufen, die Preise nach oben – doch schuld an der Misere seien allein die „Nahrungsmittel-Nationalisten“. Damit die Anklage vollends klischeehaft wird, fehlen nur noch Rufe der Vereinigten Staaten nach Sanktionen gegen Russland und Vietnam zum „Kampf für die Lebensmittelsicherheit und gegen überhöhte Reis- und Weizenpreise“.

    Im Übrigen hat diese Medienkampagne, die langsam auch auf die Politik und Diplomatie übergreift, einen weiteren wichtigen Aspekt: Eine Lebensmittelkrise ist wegen der Corona-Pandemie in den nächsten Monaten absolut möglich. Wenn Experten von einem „Hunger biblischen Ausmaßes“ sprechen, dann übertreiben sie nicht: Soweit kann es wirklich kommen. Nur haben Russland und andere Länder, die ihre eigenen Verbraucher schützen, damit nichts zu tun.

    Beispielsweise fehlen in manchen europäischen Ländern Erntehelfer, weshalb Ernteausfälle und folglich Preissteigerungen zu erwarten sind. In den USA stehen Engpässe bei Fleischlieferungen ins Haus, weil Schlachtereien und Verarbeitungsbetriebe wegen der COVID-19-Ausbreitung die Arbeit einstellen müssen. Den Supermärkten drohe „Fleischmangel“, berichtet „NBC“.

    Was den Verantwortlichen in diesen Ländern in so einer Lage gelegen käme, wäre ein „Feind von außen“, der sein Getreide mutwillig zurückhält, Desinformationen über das Coronavirus verbreitet und vielleicht sogar das ganze Fleisch aufisst. Dumm nur, dass die bestehenden Probleme durch Medienkampagnen nicht gelöst werden können und dass die Corona-Pandemie durch Sanktionen nicht aufzuhalten ist.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Russland, Getreideausfuhren, Getreidelieferung, Getreide, Weizenexport, Weizen