23:06 06 Juli 2020
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    Die Vereinigten Staaten haben sich den Ölförderkürzungen im Format OPEC+ nicht angeschlossen. Das ist der offizielle Stand. Aber der Bundesstaat Texas – Hotspot der amerikanischen Fracking-Industrie – könnte inoffiziell in den Deal einsteigen: mit einem Peitschenhieb gegen die großen amerikanischen Ölproduzenten.

    Ölproduzenten in Texas sollen die Förderung drosseln, um 20 Prozent pro Monat. Das ist eine Anordnung der Railroad Commission of Texas – der Behörde, die die Ölförderung im ölreichsten Bundesstaat der USA reguliert. Bei Nicht-Einhaltung drohen Bußgelder in Höhe von 1000 Dollar je gefördertes Fass. Eine öffentliche Anhörung zu dieser Initiative ist bereits eröffnet, berichtet die „Houston Chronicle“ (das Leitmedium der texanischen Presse).

    Am kommenden Dienstag, dem 5. Mai, will das Präsidium der Kommission über die Anordnung abstimmen. Vorher tobt ein Kampf um Positionen.

    „Die Kommission hat seit den 1970er Jahren keine Ölförderkürzungen verfügt“, heißt es im zur Diskussion gestellten Anordnungstext. „Doch der weltweite Rohöl-Überschuss, verursacht durch die Coronavirus-Pandemie, hat (die Fracking-Firmen) Pioneer Natural Resources und Parsley Energy dazu veranlasst, die Behörde darum zu bitten, vom Verfügungsrecht Gebrauch zu machen.“

    Die Bitte der Fracker spaltet die amerikanische Ölindustrie: „Eine Koalition von Kleinproduzenten und Umweltschützern setzt sich für die Förderkürzung ein“, schreibt die Railroad Commission in ihrem Entwurf weiter. „Währenddessen sind Großfirmen, Branchenverbände und Pipeline-Betreiber kategorisch dagegen.“

    20 Prozent weniger – das ist in etwa das, was Texas hätte kürzen müssen, wären die USA in die Vereinbarung OPEC+ eingestiegen. Die Zahl kommt wahrscheinlich nicht von ungefähr, sondern ist eher als Zeichen für ein politisches Interesse an der Förderkürzung in dieser Größenordnung zu sehen. Ob die Drosselung am Ende wirklich kommt, bleibt trotzdem noch offen.

    US-Präsident Donald Trump (3L) während Besuchs der Cameron LNG-Exportanlage im Bundesstaat Louisiana (Archivbild)
    © AFP 2020 / BRENDAN SMIALOWSKI (ARCHIVFOTO)
    Momentan funktioniert die Ölindustrie in den USA nach dem Prinzip „Der Markt wird es richten“. Das ist derselbe Grundsatz, der die Preise für das amerikanische Rohöl der Marke WTI kürzlich in den Negativbereich fallen ließ. Längst nicht alle Ölförderer können mit diesem Grundsatz gut leben. Die kleinen Produzenten – in Texas gibt es eine Vielzahl von Ölunternehmen mit weniger als 20 Mitarbeitern und Fördermengen von unter 1000 Barrel pro Tag – sind an einer Kürzung stark interessiert.

    Doch die Kürzungen sollen nicht die Kleinunternehmen der Ölbranche treffen: Sie würden, wie es der Entwurf der Railroad Commission vorsieht, von allen Förderquoten befreit. Kürzen sollen die mittel- bis ganz großen Produzenten. Die Initiatoren dieser Anordnung – die Pioneer Natural Resources und Parsley Energy – zählen zu den größeren Frackern, sind aber um Stufen kleiner als die konventionellen Ölgiganten wie Exxon und Chevron.

    Das Kalkül der beiden Firmen ist, ihre kleineren und finanzschwächeren Fracking-Brüder durch Förderkürzungen nieder zu konkurrieren, um später mit größeren Marktanteilen in die Phase höherer Ölpreise zu starten. Ölkonzerne stemmen sich allerdings gegen die Förderkürzungen. Ihr Interesse ist, ausnahmslos alle Fracker vom Markt verschwinden zu sehen. Dafür würden sie sogar die historisch tiefen Ölpreise über mehrere Monate hinnehmen. Öffentlich und offiziell vermitteln die Ölriesen diese Strategie als einen Kampf um die freie Marktwirtschaft.

    Selbst unter den ranghohen Funktionären der Railroad Commission finden sich Marktfundamentalisten mit dem Aufruf, für die freie Marktwirtschaft einzustehen, koste es was es wolle. Der Aufruf klingt zum Beispiel so:

    „Das ist nicht die erste Krise, die unser Land herausfordert, und nicht die letzte. Aber in 100 Prozent der Fälle, in denen wir mit Schwierigkeiten konfrontiert sind, erstarkt Amerika und ebenso Texas. Eben deshalb habe ich vor, mich an den Grundsatz des freien Marktes zu halten und gegen die Quoteneinführung in Texas einzutreten“, sagte niemand geringeres als der Vorsitzende der Kommission, Wayne Christian.

    Natürlich können die USA Kürzungen unterlassen. Höchstwahrscheinlich würde dies den amerikanischen Ölmarkt nicht mal sonderlich beeinflussen. Aber weitreichende geopolitische Folgen hätte eine Entscheidung gegen die Förderquoten schon.

    Bereits letztes Jahr waren US-Experten stark beunruhigt, weil es Saudi-Arabien und Russland gelungen war, eine neue Ölallianz zu gründen, die die Ölpreise maßgeblich bestimmten konnte. Als eine weitere Vereinbarung der OPEC+ Anfang dieses Jahres scheiterte, bedauerten die meisten US-Kommentatoren zwar die tiefen Ölpreise, verbargen jedoch ihre Freude darüber nicht, dass die russisch-saudische Allianz die US-Strategie im Energiesektor und die US-Politik im Nahen Osten nicht länger gefährdet.

    Insofern führt der neue Deal der OPEC+ dazu, dass diese Sorgen in den USA nicht nur wieder-, sondern mit größerer Wucht aufkommen. Schließlich ist jetzt sogar ein Nato-Land an der Koordinierung des weiteren Vorgehens der Ölproduzenten beteiligt: „Norwegen reduziert die Ölförderung um 13 Prozent“, schreibt die „Financial Times“ – was so viel bedeutet, dass Norwegen das Versprechen einlöst, das es den Teilnehmern der OPEC+ noch vor dem Abschluss der Verhandlungen zum „Großen Deal“ gegeben hat.

    Die gegenwärtige Ölkrise wird einmal zu Ende gehen. Doch die Fähigkeit und Gewohnheit, das Schicksal des globalen Ölhandels unter Ausschluss der Vereinigten Staaten zu verhandeln, kann durchaus bleiben. Aber in dieser Isolation könnten sich die USA und ihre ölreichen Bundesstaaten immerhin damit trösten, den Grundsatz der freien Marktwirtschaft gewahrt zu haben.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Fracking, Ölmarkt, Krise, Ölpreis, Texas, USA, Saudi-Arabien