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    In einem Gastbeitrag im Berliner „Tagesspiegel“ hat Ex-Bundesaußenminister Joschka Fischer die Deutschen aufgefordert, ihren „instinktiven Pazifismus“ zu „hinterfragen“ – ein durchaus bemerkenswerter Einfall, wenn man bedenkt, dass der Text eigentlich dem 75. Jahrestag der verheerenden Niederlage Deutschlands galt.

    Das Ende des Zweiten Weltkrieges bezeichnet Fischer als „die weitreichendste Zäsur in der modernen deutschen Geschichte“. „Der Traum von deutscher Macht und Weltgeltung war ausgeträumt, definitiv, für immer“, so der Autor.

    „Das deutsche Problem“

    In einem kurzen historischen Exkurs versucht er, „das deutsche Problem“ zu analysieren, und stellt fest: „Deutschlands Stärke und seine geopolitische Zentrallage überforderte ganz offensichtlich die deutschen Eliten.“ Interessanterweise gilt diese Feststellung der Entwicklung des Landes „nach 1871“ – der darauf folgende „Übergang von einer Vielzahl machtloser agrarischer Kleinstaaten zu der die europäische Hegemonie beanspruchenden industriellen und militärischen Vormacht im Zentrum Europas“ ging laut Fischer „viel zu schnell… und endete schlussendlich in Überforderung“.

    So weit, so gut. Überraschend in Fischers Analyse ist aber, dass sie die historische Folge der beschriebenen Entwicklung - nämlich Deutschlands Niederlage im Ersten Weltkrieg - nahezu völlig ausblendet: „Das deutsche Reich hatte nur 74 Jahre seit seiner Gründung Bestand gehabt, dann versank es in Trümmern und unendlich viel Blut und Tränen und beispiellosen Verbrechen“, schreibt er. „74 Jahre“ – das heißt also im Mai 1945. Fischers Geschichtsanalyse macht damit einen gewagten Sprung über die Weimarer Republik und die Entstehung des „Dritten Reichs“. Wie gesagt, der historische Exkurs ist eben zu kurz geraten.

    „Der Mai 1945 hat die Deutschen grundsätzlich verändert“, kommt der Ex-Minister zu einem nicht gerade überraschenden Schluss. „Sie hatten genug von Glanz und Gloria, von Militär und Weltherrschaftsanspruch. Ein allgemeines ‚Nie wieder!‘ trat an deren Stelle und machte aus gefürchteten Kriegern Pazifisten bis auf den heutigen Tag.“ Ist doch gut so, möchte man meinen. Fischer denkt aber anders – er scheint das zu bereuen. „Instinktiv ist die Mehrheit dagegen (also gegen den Krieg. – Anm. AI), und es fällt schwer, die Deutschen ernsthaft deswegen zu kritisieren“, schreibt er. Da haben wir es: Herr Fischer will die Deutschen dafür kritisieren und sucht zugleich nach Verständnis dafür, dass es ihm schwer fällt!

    Bundeswehr im Kriegseinsatz – mit Fischers Segen

    Markanterweise war Joschka Fischer im Oktober 1983, damals als Bundestagsabgeordneter, bei der Blockade der US-Militärbasis in Frankfurt am Main dabei gewesen, um gegen den Nato-Doppelbeschluss zu demonstrieren. Gewisse pazifistische Anwandlungen waren Herrn Fischer also auch nicht völlig fremd. Auf seinem Weg zum Posten des Bundesaußenministers hat er aber solche Anwandlungen, wie man das später feststellen konnte, erfolgreich abgewürgt. Denn gerade während seiner Amtszeit als Außenminister nahmen deutsche Truppen erstmals nach dem Zweiten Weltkrieg an einem Kriegseinsatz teil – nämlich am Kosovokrieg der Nato unter Stabführung der Vereinigten Staaten, gegen deren Militärmacht derselbe, allerdings 16 Jahre jüngere Fischer in Frankfurt demonstriert hatte. Ebenfalls während seiner Amtszeit beteiligte sich die Bundeswehr am Krieg in Afghanistan.

    Was Herrn Fischer heute Sorgen macht, ist, dass „die sanfte Patronage“ der Deutschen durch die Schutzmacht USA mit der Präsidentschaft Donald Trumps „ein jähes Ende“ findet. „Die Europäer – und gerade auch Deutschland – werden zukünftig sehr viel mehr zu ihrem eigenen Schutz in einem außenpolitisch gefährlichen Umfeld beitragen müssen als in der Vergangenheit“, mahnt der Autor. Diese Behauptung ruft gleich zwei Fragen hervor. Die erste: Schon in einem halben Jahr kann Trumps Epoche genauso „ein jähes Ende“ finden. Geht denn der deutsche Ex-Chefdiplomat davon aus, dass Trumps möglicher Nachfolger die von Fischer so hoch gelobte „sanfte Patronage“ genauso vernachlässigen wird? Und die zweite Frage: Welches „außenpolitisch gefährliche Umfeld“ meint der Autor? Gemäß der Landkarte ist die Bundesrepublik von lauter Verbündeten umgeben. Von wem soll sich Deutschland heute „außenpolitisch“ bedroht fühlen?

    Waren alte Germanen pazifistisch?

    Apropos Instinkt. Es ist üblich, angeborene und erworbene Instinkte zu unterscheiden. Wenn Herr Fischer vom „instinktiven Pazifismus“ der Deutschen spricht, meint er wohl den durch unermessliche Leiden erworbenen Instinkt – im Gegensatz zu den früheren, durchaus kriegerischen Instinkten (den alten Germanen etwa würde kaum jemand pazifistische Anwandlungen zuschreiben, Herr Fischer erwähnt ja selbst die „gefürchteten Krieger“). Die politischen Instinkte des heute 72-jährigen Ex-Außenministers dürften aus den Zeiten des Kalten Krieges stammen. Mag aber auch sein, dass seine Instinkte einfach in seiner Natur liegen: Liest man seine Biografie, so stellt man fest, dass Joschka Fischer selbst in seinen reifen Jahren ein ziemlicher Raufbold war.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Tagesspiegel, Bundesaußenminister, NATO, Kosovo, Zweiter Weltkrieg, Joschka Fischer