14:14 23 Oktober 2020
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    Die internationale Presse schreibt Lobeshymnen auf das deutsche Corona-Krisenmanagement. Auch Bund und Länder sind mächtig stolz auf den vergleichsweise guten Verlauf der Pandemie hierzulande. Doch woran liegt das eigentlich? Oder steht Deutschland etwa gar nicht so besonders gut da, wie es immer heißt? Ein Blick auf die Fakten könnte helfen...

    Die Neue Zürcher Zeitung schreibt vom „Corona-Wunder Deutschland“. Und auch der US-Fernsehsender CNBS fragt sich, warum Deutschland im Umgang mit der Corona-Krise so erfolgreich ist. Eine gute Frage! Aber ist das wirklich so? Was machen wir im Vergleich zu europäischen Nachbarn anders? Eines sei bereits verraten: Es ist alles Auslegungssache, vor allem bei der Interpretation von Zahlen.

    Nur ein Zwischenstand…

    Klar ist aber: Im Moment kann es lediglich um einen Zwischenstand gehen. Corona wird uns auch noch in den kommenden Monaten begleiten und die Maßnahmen der Regierung werden auch weiterhin an einigen Stellen zu Einschränkungen führen. Bundeskanzlerin Angela Merkel sagte am Mittwoch nach der Bund-Länder-Konferenz, das erste Corona-Kapitel sei jetzt beendet, es würden aber noch weitere folgen. Sicher sind die weitreichenden Folgen der Pandemie in Deutschland noch nicht abzusehen. Arbeitsmarktzahlen gibt es zum Beispiel nur bis Mitte März, wirtschaftliche Folgen werden in vollem Umfang frühestens Ende des Jahres auszuwerten sein.

    Doch schauen wir auf einige Zahlen. Deutschland hat laut Johns-Hopkins-Institut derzeit über 168.000 Infizierte gesamt und rund 7300 Menschen, die hierzulande an oder mit Covid-19 gestorben sind. Aussagekräftig wird es aber nur, wenn man daraus die Sterblichkeitsrate berechnet und diese mit anderen stark betroffenen Ländern vergleicht, die vergleichbare Corona-Maßnahmen getroffen haben. In Deutschland liegt die besagte Rate offiziell bei rund 4,2 Prozent.

    International nur oberes Mittelmaß?

    Im internationalen Vergleich liegt Deutschland damit auf Platz 10. Da mittlerweile von den knapp 200 Staaten der Welt, die es gibt, die überwältigende Mehrheit mit Corona zu tun hatte, ist Platz 10 eigentlich gar nicht so gut. Auf Platz 1 der Sterblichkeitsrate in stark betroffenen Ländern mit Lock-Down liegt laut dem Onlineportal „Statista“ Belgien mit 16,4 Prozent, gefolgt von Frankreich und Großbritannien, dann Italien und Spanien. Sie alle liegen zwischen 12 bis 15 Prozent. Knapp vor Deutschland sind dann noch Iran, USA und China. Der weltweite Mittelwert liegt übrigens bei sieben Prozent.

    Aber: Das sind nur die offiziellen Zahlen. Mittlerweile wissen wir, dass die Dunkelziffer der tatsächlichen Infektionen in Deutschland deutlich höher liegt, womöglich bei zwei Millionen. Damit würde unsere errechnete Sterblichkeitsrate bei vermutlich 0,4% liegen. Das klingt wieder sehr gut. Doch in anderen Ländern dürfte das dann ähnlich sein. Eine Studie der Universität in London bescheinigt sogar, dass Covid-19 in Europa bereits Ende 2019 gewütet haben soll – völlig unerkannt.

    Testen, testen, testen…

    Vielleicht hat Deutschland aber besonders viel und gut getestet? So wurden vielleicht viele Krankheiten schon früh erkannt und behandelt? Nun, international liegt Deutschland mit seiner Anzahl an Tests auf Platz 3 mit über 2,5 Millionen Tests. Besser waren Russland mit 4,6 Millionen und die USA mit 7,7 Millionen Tests. Aber: Rechnet man das auf die Größe der Bevölkerung um, liegt Deutschland weit hinter kleinen Ländern wie Island, aber auch Spanien, Belgien, Italien oder der Schweiz. An den Tests allein kann das „Erfolgsrezept“ Deutschlands also nicht gemessen werden.

    Ein Grund für die höhere Sterblichkeit zum Beispiel in Italien könnte aber sein, dass sich das Virus dort schon seit längerer Zeit verbreitet als in Deutschland. Außerdem waren in Italien unter den offiziell registrierten Fällen überdurchschnittlich viele ältere Menschen: So lag das durchschnittliche Alter der Erkrankten in Italien bei 63 Jahren. Das könnte eine Erklärung sein, warum dort bislang in Relation so viel mehr Menschen gestorben sind als in Deutschland. In Italien sind knapp 22 Prozent der Bevölkerung 65 Jahre und älter. Mit einem Durchschnittsalter von über 47 Jahren zählt Italien zu den drei ältesten Gesellschaften der Welt. In Deutschland sind es aber auch rund 45 Jahre. Und die älteste Bevölkerung, Japan, ist mit bislang rund 550 Todesopfern auch recht gut durch die Krise gekommen.

    Das nächste ABER…

    Deutschland ist immerhin an der Spitze was die Anzahl der Intensivbetten angeht. In Deutschland haben wir über 30.000 Plätze auf Intensivstationen, das sind pro 100.000 Einwohner rund 33 Betten, ähnlich gut ist Österreich. Spanien und Italien haben im Vergleich nur acht oder neun Betten. Doch die Intensivbetten-Kapazitäten in Deutschland waren nie völlig ausgeschöpft, aktuell werden sie sogar nur zur Hälfte in Anspruch genommen. Hinzu kommt. dass auch die USA mit 26 Intensivbetten pro 100.000 Einwohner eigentlich ganz gut aufgestellt sind, wenngleich die Behandlungen dort in der Regel vom Patienten selbst gezahlt werden müssen.

    Liegt es also am Gesundheitssystem allgemein, dass Deutschland international fürs seinen Corona-Verlauf gelobt wird? Im Vergleich etwa mit den USA fällt die flächendeckende Krankenversicherung in Deutschland auf. Wer versichert ist, nimmt eher medizinische Hilfe und Beratung in Anspruch. In den USA gehen Menschen ohne Versicherung aus Angst vor hohen Arztrechnungen meist nur spät und in schweren Fällen zum Arzt und können dann eventuell nicht mehr entsprechend versorgt werden. Aber: Das Gesundheitssystem beispielsweise in Belgien ist ebenfalls top, das viertbeste in Europa. Es ist vergleichbar mit Deutschland, die Versicherung ist sogar noch günstiger für den einzelnen Patienten. Die Corona-Maßnahmen in Belgien waren ähnlich wie bei uns. Doch die Mortalität ist dort 4-mal so hoch.

    Unterschiedliche Zählweise…

    Belgien hat aber einen wichtigen Unterschied zu Deutschland: Nach eigenen Angaben ist die belgische Regierung auf „maximale Transparenz" aus: In den 1500 Altersheimen des Landes wird jeder Todesfall gezählt, bei denen ein Zusammenhang mit dem Coronavirus vermutet wird, ohne dass dies unbedingt durch einen Test nachgewiesen wurde. Deshalb liegen die Corona-Todeszahlen dort auch höher. Eine weitere Vorgehensweise kann zu höheren Zahlen führen: In Italien beispielsweise werden seit dem 20. Februar vermehrt Corona-Test post mortem durchgeführt, bei den Obduktionen wurden dann verstärkt Covid-Erreger nachgewiesen und die offiziellen Todes-Zahlen stiegen.

    In Deutschland rät das RKI von Obduktionen ab, da die Ansteckungsgefahr für die Mediziner dabei zu hoch sei. Der Corona-Erreger muss zwar nachgewiesen sein, um in die Corona-Todes-Statistik einzufließen, aber das die eigentliche Todesursache auch ein Herzinfarkt oder eine Lungenentzündung sein. Liegt die eigentliche Todesrate hierzulande dann eigentlich niedriger? Oder würden bei stichprobenartigen Obduktionen gar mehr Covid-Erkrankte gefunden werden? Darüber lässt sich nur mutmaßen.

    Merkel, Spahn, Söder, Laschet…

    Oder liegt Deutschlands „Erfolg“ in der Bekämpfung der Pandemie gar in dem Krisenmanagement der Kanzlerin? Eher nicht. Zwar schaltete sich Angela Merkel ein, als Gesundheitsminister Jens Spahn aufgrund fehlender Schutzausrüstung ins Straucheln geriet, doch im föderalen System der Bundesrepublik hat die Kanzlerin in der aktuellen Situation selbst nur wenig Macht. Sie kann beruhigen, erklären und Treffen der Länder-Chefs koordinieren, doch das Heft in der Hand haben aktuell die einzelnen Bundesländer und ihre Ministerpräsidentinnen und Ministerpräsidenten.

    Eine einheitliche Linie war hier lange zu vermissen und auch bis heute gibt es sie nicht. Erst gab es einen Lock-Down-Sprint, den Markus Söder (CSU) klar anführte, andere Ministerpräsidenten folgten ihm in den Maßnahmen – mehr oder weniger – in gleichem Stil. Nun gibt es einen Wettkampf um Öffnungen, angeführt von NRW-Landesvater Armin Laschet (CDU). Doch auch Stefan Weil (SPD) aus Niedersachsen und Winfried Kretschmann aus Baden-Württemberg (Grüne) wollen schnell wieder zur Normalität übergehen. Koordiniert wirkt das alles nicht, geschweige denn geplant und durchdacht-

    Eher Glück als Geschick?

    Ist Deutschlands glückliche Rolle in der Pandemie also eher Glück oder doch Geschick? Fest steht: Hätte Jens Spahns Ministerium nicht vor Monaten diverse E-Mails von Herstellern von Schutzkleidung ignoriert, hätte es vermutlich keinen Mangel an Masken gegeben. Dieser Mangel hat wiederum zu Erkrankungen von Ärzten und Pflegepersonal geführt, die wiederum andere Patienten oder Insassen von Pflegeheimen ansteckten. Deutschland hätte also besser durch die Krise kommen können. Erst Recht, wenn es die dringend notwendige Reform der Pflegebranche gegeben hätte. Und hätte es weniger Privatisierungen im Gesundheitssektor gegeben, die Profit über den Menschen stellen.

    Fatal wäre es erst recht gewesen, wenn die Politik vor zwei Jahren auf einen Rat der Bertelsmann-Stiftung gehört hätte, wonach jedes zweite Krankenhaus hätte geschlossen werden sollen, um stattdessen medizinische Ballungszentren zu schaffen. Es hätte also auch weitaus schlechter für Deutschland kommen können. Doch ein Fazit an dieser Stelle ist schwer, denn – wie beschrieben – kann es jetzt nur einen Zwischenstand geben. Und der besagt, dass auch andere Länder gut durch die Wogen der Pandemie gesteuert sind, lediglich die Berechnungen von Statistiken sind mancherorts anders. Wollen wir hoffen, dass Deutschland in einem Jahr zurückblickt und dann immer noch behaupten kann: Wir sind vergleichsweise gut durch die Krise gekommen. Welchen Anteil daran dann die Politik haben wird, oder ob sie gar die Lage noch verschlimmert hat, wird man dann beurteilen müssen.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Robert-Koch-Institut, Jens Spahn, Markus Söder, Armin Laschet, Bundesregierung, Deutschland, Coronavirus