02:31 27 Oktober 2020
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    Der Bundesnachrichtendienst macht offenbar mit beim Corona-bedingten China-Bashing. Denn die Chance, ein Feindbild aufzubauen, lässt sich der kollektive Westen grundsätzlich nicht entgehen: Man hat einen Anlass für noch mehr Druck auf Peking und lenkt von selbstverschuldeten Problemen ab.

    Dass solche Strategien kein gutes Ende nehmen, hat die Geschichte Europas mehrfach deutlich gezeigt. Aber einen äußeren Feind auszumachen, ist ein unwiderstehlich verführerisches Mittel im weltpolitischen Machtkampf. Solange Peking von Washington und London heraus mit Vorwürfen überzogen wurde, konnte man annehmen, dies sei nur eine Form von geopolitischem Kampf zwischen einer Weltmacht und ihrem größten Rivalen. Aber nach einem Bericht des „Spiegel“ bekommt dieser Kampf eine neue Facette.

    „Bundesregierung zweifelt an US-These zur Entstehung des Coronavirus“, titelte das Nachrichtenmagazin am vergangenen Freitag. Aber entgegen den Erwartungen, die die Überschrift weckt, hat der Bericht in transatlantischen Kreisen eine Reaktion ausgelöst, die nach kaum verhohlenem Jubel aussieht. Bei der britischen „Daily Mail“ zum Beispiel liest sich das so: „Im schockierenden Beitrag des ‚Spiegel‘ steht, Chinas Staatschef Xi Jinping bat den WHO-Chef Tedros Adhanom Ghebreyesus in einem Gespräch im Januar persönlich darum, Informationen über eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung von COVID-19 zurückzuhalten und eine Pandemiewarnung zu verzögern … Der ‚Spiegel' hat das mit Verweis auf den Bundesnachrichtendienst veröffentlicht. Nach Einschätzung des BND führte die Informationspolitik Pekings dazu, dass man im Kampf gegen das Coronavirus vier bis sechs Wochen verloren hat.“

    Die WHO hat auf diesen Bericht prompt reagiert: „Der Bericht des ‚Spiegel‘ über ein Telefonat zwischen dem Generaldirektor der Weltgesundheitsorganisation Tedros Adhanom Ghebreyesus und Chinas Staatspräsidenten Xi Jinping vom 21. Januar 2020 ist unbegründet und entspricht nicht der Wirklichkeit. Dr. Tedros und Präsident Xi haben am 21. Januar miteinander nicht gesprochen und sie haben nie miteinander am Telefon gesprochen. Derart ungenaue Berichte lenken ab und behindern die WHO und die ganze Welt bei den Anstrengungen zur Eindämmung der COVID-19-Pandemie. Wir weisen darauf hin, dass China am 20. Januar eine Mensch-zu-Mensch-Übertragung des neuartigen Virus bestätigt hat.“

    Vor allem dieser letzte Satz ist ein Todesstoß für den Bericht des „Spiegel“ und die Informationen des BND. Aber auch unabhängig von diesem WHO-Dementi war lange vor dem Erscheinen des „Spiegel“-Artikels berichtet worden, dass China die Mensch-zu-Mensch-Übertragung des Coronavirus bestätige. Die britische „The Guardian“ schrieb nämlich gleich am 20. Januar: „China confirms human-to-human transmission of coronavirus“. Natürlich könnte man jetzt die Behauptung ins Feld führen, die Weltgesundheitsorganisation habe die Mensch-zu-Mensch-Übertragung an dem Tag noch nicht bestätigt. Aber das hätte nur den Anschein eines hilflosen Versuchs, einen Bericht zurechtzubiegen, der nach gezielter Desinformation aussieht.

    Ob der Bericht deshalb wirklich nicht verfängt? Man weiß doch aus Erfahrung: Unbestätigte Behauptungen und Berichte müssen für harte politische Konsequenzen kein Hindernis sein. Das hier zitierte WHO-Dementi wird man nach wenigen Wochen vergessen haben, während das (nie erfolgte) Telefonat von Chinas Präsidenten mit dem WHO-Generaldirektor wie eine durch den Bundesnachrichtendienst bestätigte Tatsache in die weite westliche Welt hinausposaunt wird. Wenn dann noch amerikanische und britische Geheimdienste ähnliche Pseudotatsachen einwerfen, dann wird jeder Politiker, der es wagt, sich für eine Zusammenarbeit mit China und gegen mögliche China-Sanktionen auszusprechen, potenziell zu einem „chinesischen Agenten“. Dieses Szenario ist derzeit sehr wahrscheinlich und es wird noch wahrscheinlicher – mit jedem Artikel, in dem Peking mit Verweis auf Nachrichtendienste für die Pandemie verantwortlich gemacht wird. So kann es einige Zeit weitergehen, bis die globalisierte Welt wieder in zwei Lager geteilt ist: Zwei Lager im Kalten Krieg, der jederzeit in einem heißen Krieg enden kann.

    * Die Meinung des Autors muss nicht der der Redaktion entsprechen.

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    Tags:
    Bashing, Coronavirus, China, Bundesnachrichtendienst (BND)